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Mediaplayer:Die Bibliothek des Colonel Kurtz

APOCALYPSE NOW; APOCALYPSE NOW

Captain Willard (Martin Sheen) soll den abtrünnigen Colonel Kurtz töten.

(Foto: Studiocanal)

Der schwächelnde König wird umgebracht: Zum 40. Jubiläum von "Apocalypse Now" gibt es eine neue Fassung, in der sich noch einmal untersuchen lässt, wie sehr literarische Texte den Filmklassiker prägen.

Als Angela Merkel im Sommer zwei Schwächeanfälle in der Öffentlichkeit erlitt, war die Verunsicherung groß: Ist die Frau ihrem Job noch gewachsen? Mittlerweile sind diese Zweifel beseitigt. Wer allerdings einmal James Frazers legendäres Werk "The Golden Bough" (Der Goldene Zweig) gelesen hat, der Ethnologe brachte seine ursprünglich in zwölf Bänden erschienene einflussreiche Studie 1922 auf zwei Bände und tausend Seiten gekürzt heraus, der weiß, dass Merkel als Chefin eines traditionellen Stammes sehr viel schlimmere Konsequenzen hätte erwarten müssen. Ob in Kambodscha, bei den Shilluks oder den Dinkas am weißen Nil, ob in Meroe, am Kongo oder am Nemisee bei Rom: Bis ins 19. Jahrhundert hinein war es laut Frazer bei den verschiedensten Stämmen und Völkern Sitte, ihren als Gott verehrten König umzubringen, sobald der "Anzeichen von Gebrechlichkeit oder Alter" zeigt. Damit, wie der von Frazer zitierte C. G. Seligman schreibt, "nicht mit dem Abnehmen seiner Kraft das Vieh krank werde und aufhöre, sich zu vermehren, das Getreide auf den Feldern faule und der Mensch, von Krankheit befallen, dahinsterbe". Dieser alte Aberglaube schwingt noch mit im Erschrecken über Merkels Schwächeln.

Von vielen Zuschauern unbemerkt dominiert Frazers "Golden Bough" auch Francis Ford Coppolas oscarprämierten Vietnamkriegsfilm "Apocalypse Now" von 1979, der zu seinem 40. Jubiläum als "final cut" gerade in den Kinos lief und nun auch auf DVD zu haben ist. Das dämmert dem Zuschauer, wenn das Buch gegen Ende hin kurz in Großaufnahme erscheint. Es gehört zur Bibliothek des eigenwilligen Colonel Walter Kurtz (Marlon Brando), der im Busch wie ein mythischer Gottkönig regiert, T. S. Eliot rezitiert, auf eigene Faust Krieg führt und deshalb im Auftrag der US-Army von Special Agent Willard umgebracht werden soll. Das alles entspricht dem Setting in Frazers Buch: Der schwächelnde, nicht mehr funktionstüchtige König wird von demjenigen umgebracht, der automatisch zum neuen König wird.

Coppola aber glaubt nicht an die alte, von Frazer beschworene mythologische Weltordnung. Also tritt Willard nach dem Mord an Kurtz nicht dessen Nachfolge an, sondern kehrt aus der Wildnis zurück. Das ist eine einschneidende Veränderung, die im Einklang mit den drei anderen literarischen Texten steht, die diesen Film prägen: Joseph Conrads Roman "Heart of Darkness", Charles Baudelaires Gedicht "L' Albatros", T. S. Eliots sich auf den Conrad-Roman beziehender Minizyklus "The Hollow Men", den Marlon Brando rezitiert.

Gemeinsam ist diesen Texten, dass sie die Unmöglichkeit in der Moderne beschreiben, selbst jenseits der Zivilisation als genialer Einzelkämpfer etwas Neues zu schaffen und zu überleben. Conrad erzählt die Suche einer marodierenden Kolonialistenclique nach ihrem genialsten Vertreter, Mr. Kurtz, der sich tief im Urwald wie ein Gottkönig gebärdet. Coppola hat diesen Plot in das Kriegsvietnam übertragen. Vermutlich war er wie jeder Leser enttäuscht vom Ausgang der Geschichte. Denn der als mythische Gestalt inszenierte Kurtz ist, sobald gefunden, nur mehr der Schatten seiner selbst, er stirbt bei der Rückfahrt. Alles, was im Vorfeld genial, revolutionär, rätselhaft, menschheitserlösend und mythisch beschworen wird, verdämmert.

Indem Coppola in den Kurtz-Szenen auf Frazers mythologische Welten rekurriert, erfährt sein Film eine grandiose Klimax. Indem er dann aber wieder zu Conrads Ernüchterung zurückkehrt, schafft er die Anbindung an die Moderne. "Er lebte in undurchdringlicher Finsternis. Ich sah ihn an", heißt es bei Conrad über Kurtz, "wie man auf einen Mann hinab späht, der am Boden eines Abgrunds liegt, wohin kein Sonnenstrahl reicht." Das ist die Grundstimmung in Eliots "Holow Men", diese Stelle evoziert fast wörtlich Baudelaires "De profundis". Auch Baudelaires "L' Albatros" passt in diese triste Welt. Der elegant und stolz über die Meere gleitende Vogel, gibt, von Seeleuten gefangen und über die Deckplanken humpelnd, nur noch ein erbärmliches Bild ab. Genauso ergeht es dem Dichter auf Erden. Und, so die Auslegung durch Coppola, eben auch den großen Sonderlingen, deren kühne Visionen sie in die Wildnis vertreiben, ohne dass sie dort ein langwährendes Reich errichten könnten. Denn immer werden sie eingeholt vom modernen Alltag aus Mord, Brutalität und Sinnlosigkeit.

Apocalypse Now - Final Cut erscheint am 24. Oktober als 4K UHD, DVD und Blu-ray und als Video-on-Demand.