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Mediaplayer:Der Tod ist nur der Anfang

Neue Editionen von Filmen von Murnau, Wes Craven, Richard Fleischer und Matteo Garrone.

Von Fritz Göttler

Das Schicksal der Wikinger wurde wohl in München entschieden. Anfang 1957 trafen sich hier der Filmemacher Richard Fleischer und sein Star Kirk Douglas zu Verhandlungen über ihren neuen Film "Die Wikinger". Monatelang hatte man bereits intensiv das Thema studiert, Fachleute konsultiert, im Vikingskipshuset in Oslo alte Schiffe angeschaut, für die Dialoge eine archaisch poetische Sprache geschaffen. Eben die aber wollte der dickköpfige Douglas nun nicht mehr, alles sollte gradliniger werden. Er drehte gerade im Schloss Schleissheim den Antikriegsfilm "Wege zum Ruhm", und mit am Tisch saßen sein Regisseur Stanley Kubrick und der Drehbuchautor Calder Willingham, die ihn in seiner Ansicht unterstützten. Richard Fleischer ruderte zähneknirschend zurück, Willingham wurde mit der Umarbeitung des Drehbuchs beauftragt. Gedreht wurde "The Vikings" in den norwegischen Fjorden, einer französischen Burg und im Geiselgasteig. Es ist eine wuchtig-böse Männergeschichte, der zottelige Ernest Borgnine ist der Vater des blonden Kirk Douglas, aber beide führen sich auf, als wären sie Kumpels (in Wirklichkeit war Borgnine etwas jünger als Douglas). Ihr mannhaftes Leben und Sterben ist auf den Gott Odin orientiert, aber dazwischen vermittelt eine subversive Seherin, die über Ebbe und Flut gebietet. Borgnine beginnt mit einer wilden Vergewaltigung, die seine Herrschaft ins Wanken bringen wird. Orson Welles liefert die geschichtliche Einführung. (Capelight)

Noch mal Geschichtsunterricht aus Hollywood: "Alexander der Große" aus dem Jahr 1956, von Robert Rossen. Richard Burton wirkt als Alexander recht bubenhaft, dennoch sieht sein Vater Philipp (Fredric March) in ihm eine Gefahr für seine Welteroberungspläne. Danielle Darrieux ist Alexanders Mutter, die darauf beharrt, dass ihr ein Gott geboren worden sei. Treue und Verrat, das große Thema im amerikanischen Kino der Fünfziger: Robert Rossen war in der kommunistischen Partei, musste Anfang der Fünfziger vor den Untersuchungsausschuss über antiamerikanische Umtriebe und war zwei Jahre auf der schwarzen Liste. Blendend weiße Götterfiguren stehen in seinem Film in den griechischen Städten unter den Menschen, die mit starken Farben, rot und blau, versuchen Tatkraft zu signalisieren. (Studio Hamburg, Bluray)

Politisches Kino von Wes Craven, der mit "Das letzte Haus links" und "Nightmare on Elm Street" das Horrorgenre revolutioniert hat. "Die Schlange im Regenbogen" ist ein Voodoo-Schocker, gedreht 1987 in Haiti. Die Diktatur der Duvaliers und ihrer Miliz, der fiesen Tontons Macoute ist am Ende. Die Amerikaner versuchen, eine wichtige Ressource des Landes anzuzapfen, die Voodoo-Religion und ihre geheimnisvollen psychedelischen Essenzen. Zombifizierung als Wissenschaft. Wes Craven hätte gern eine Art Dokumentarfilm gemacht, das Studio bestand auf Exzessen, Folter, Zersetzung. Peter Weir und Mel Gibson sollten den Film eigentlich machen, sie hatten erfolgreich "The Year of Living Dangerously" über den Umsturz in Indonesien gemacht, aber Gibson lehnte, weil er streng katholisch war, ab. Nun macht der ganz junge Bill Pullman wirklich alles mit, lässt sich neunzig Minuten lang radikal beuteln. Weil der Mensch eine Seele hat, heißt es anfangs, kann er an einem schrecklichen Ort sich gefangen finden, wo der Tod nur der Anfang ist. (Koch Media)

Eine Vater-Tochter-Geschichte aus Italien, "Dogman" von Matteo Garrone, dem Regisseur von "Gomorrha". Marcello ist Hundefrisör in einem Küstenstädtchen, versorgt die Leute mit Koks, hat immer Geldprobleme und muss sich deshalb schikanieren lassen. Garrone macht Neo-Neorealismus, die Figur des Marcello kommt direkt aus der Tradition von de Sica und Zavattini, aber die bröckeligen Betonsiedlungen sind wie die Bühne für eine moderne unmenschliche Misere. (Alamode)

"Der Gang in die Nacht" ist der erste Film von Friedrich Wilhelm Murnau, der erhalten blieb, aus dem Jahr 1920. Murnaus Held ist ein Arzt in der Midlife-Krise, der sich eines Abends für eine Tänzerin entflammt. Er geht mit ihr auf eine Insel, dort begegnet sie einem blinden Maler, Conrad Veidt. Eine Kolportagegeschichte, aber ein aufregender Blick in die Mechanismen des männlichen Begehrens. In seinem Film "Der Stand der Dinge" brachte Wim Wenders Murnaus Satz "Ich bin nirgends zu Hause, in keinem Haus, keinem Land" unter, und Frieda Grafe sagte dazu, in der Laudatio, als Wenders 1991 den Murnau-Preis erhielt: Es klinge dramatisch, sogar ein wenig fluchbeladen. Bezieht man ihn aber auf den Film, nimmt er eine fast praktische Bedeutung an. Niemand, der ernsthaft sich mit dem Kino abgibt, hat noch ein festes Zuhause. (Edition Filmmuseum)

© SZ vom 11.03.2019

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