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Mediaplayer:Der Kadaver im Fluss

Barbara Rudnik als Studentin in einer Peepshow; zwei Männer, die eine Leiche verschwinden lassen wollen und ein Schriftsteller mit Schreibblockade in L.A.: Filme von Hans-Christoph Blumenber, Fritz Lang und Blake Edwards.

"Ich hasse diesen Fluss", stöhnt die alte Frau zum Schriftsteller, als sie den Rinderkadaver sieht, der gerade wieder mal vorbeitreibt, "das macht mich krank, vor und zurück, bei jedem Gezeitenwechsel des Meeres ändert sich seine Laufrichtung. Warum tun die Behörden nichts dagegen." Naja, sagt der Schriftsteller, "für den Dreck sind immer noch die Menschen verantwortlich, nicht der Fluss." House by the River ist ein kleiner, wenig bekannter Film von Fritz Lang, den er 1950 in Hollywood drehte. Anders als die Kollegen dort zelebriert er nicht die Dynamik, deren sein Medium fähig wäre, sondern fasst die tödliche Stagnation der amerikanischen Gesellschaft in Bilder. Das Haus ist ein Puppenhaus, die absolute Isolation. Als der Schriftsteller mit seinem Bruder eine Leiche - er hat erregt bei einem dummen Annäherungsversuch das Zimmermädchen getötet - im Fluss verschwinden lassen will, kommt der Sack wieder zurück. Wie die Romanmanuskripte, die er an seinen Verleger schickt. "Den erfolglosen Schriftsteller bringen seine Vorstellungen schließlich um Kopf und Kragen", schreibt Frieda Grafe in ihrem Fritz-Lang-Buch. "Die Objekte machen sich nicht nur an die Menschen heran. Sie verdrängen sie aus angestammten Positionen. Aus denen in Geschichten zum Beispiel. Sie werden zu Handlungsträgern. Sie usurpieren den Platz der Subjekte." (Edition Noir. Die erste DVD dieser Reihe ist Der Mann, den keiner kannte, 1957, von John Gilling, ein Noir, der im finstersten New York beginnt und dann gleich nach Rom und Athen wechselt. Mit Anita Ekberg.)

Von Fritz Lang hat sich Hans-Christoph Blumenberg, viele Jahre Filmredakteur bei der Zeit, den Titel für seinen ersten Spielfilm Tausend Augen geborgt. Diese Augen sind hier die der Männer, die in einer Peepshow die Mädchen beglotzen, im Minutentakt. Eins der Mädchen ist die Studentin Barbara Rudnik, die hier ihren Traum finanzieren will, und das Traumland ist nicht mehr Amerika, sondern Australien, wo sie im Urlaub einen jungen Mann kennen gelernt hatte. Den Laden schmeißt Armin Mueller-Stahl, der dienstlich eine weiße Perücke trägt wie Wolfgang Preiss bei Fritz Lang, in Wirklichkeit dient das Unternehmen - Mabuse ist immer seiner Zeit voraus, was das Verbrechen angeht - der Videopiraterie. Jean-Marie Straub doziert über den Zustand der Elbe, Wim Wenders klaut in einem Videoladen. Rudniks Ritter ist ein Taxifahrer, gespielt von Peter Kraus, der sie zur Arbeit fährt und spät in der Nacht nach Hause, und sie im Regen beschirmt. Ich geh, erklärt er mal, lieber sparsam um mit meinen Träumen (Pidax).

Erzähl mir eine Geschichte, mach sie zu einer Geschichte von großer Distanz und Sternenlicht ... das hat sich Nic Pizzolatto gewissermaßen als Motto gesetzt für die dritte Serie von True Detective. Zwei Kinder verschwinden in der kleinen Stadt West Fingers, Arkansas, am Tag, an dem Steve McQueen starb, der Bub wird bald gefunden, tot, das Mädchen bleibt verschwunden. Mahershala Ali und Stephen Dorff ermitteln. Es geht um Verdacht und Versagen, Rassismus und sexuelle Frustrationen, die ganze Geschichte ist auch nach Jahrzehnten nicht abgeschlossen. Das unerbittliche Vergehen der Zeit ist das wirkliche Thema der großen TV-Serien, der Kampf gegen Vergessen und Demenz. Der Name der Geschichte, heißt es im berühmten Gedicht Tell Me a Story von Robert Penn Warren, wird sein: Zeit. Aber du darfst ihren Namen nicht aussprechen.. (Warner)

Die Leiden eines Schriftstellers in der großen Welt, in der Stadt Paris. Sein Verleger will sein neues Buch nicht herausbringen, die Branche ist in Unruhe, E-Books, soziale Medien, Blogger, braucht es da die Kritiker überhaupt noch ... Des Verlegers Frau ist eine TV-Serienheldin, Juliette Binoche, in Doubles Vies/Zwischen den Zeilen von Olivier Assayas, dessen Helden bei aller Geschäftigkeit tief in ihrer Isolation stecken. Ein Michael-Haneke-Film wird zum Testfall, ob in dem fiktiven Helden nicht doch der Autor steckt. Am Ende geht es ins Freie, in die Weite, ans Meer. (Alamode)

Theodizee in L.A., John Ritter als Schriftsteller Zach Hutton in Skin Deep, von Blake Edwards, 1989. Zach träumt davon, den großen amerikanischen Roman zu schreiben, im Moment aber hat er eine Schreibblockade, also verlässt er seinen Platz an der Bar nur, um zu Frauen ins Bett zu kriechen, für komische, peinliche Eskapaden. Ganz L.A. scheint von einsamen Männern bevölkert, von Schwulen, Kranken, verklemmten Söhnen. Blake Edwards war mal einer der Größten in Hollywood (der Blumenberg-Film ist ihm gewidmet, das war 1984), heute hat man ihn vergessen. Er kennt die Misere seines Helden aus eigener Erfahrung, und die Heilkraft der Zeit: "Du musst nur lange genug am Flussufer sitzen"' hat er immer wieder gesagt, "dann kannst du schließlich die Leichen deiner Feinde vorbeitreiben sehen." Am Ende gibt es für Zach die große Erleuchtung: Gott existiert. Er ist ein Gagschreiber! (Studio Hamburg)

© SZ vom 28.10.2019
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