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Mediaplayer:Das Erbe nach der Überdosis

Rekonstruktion nach 24 Jahren: "Dark Blood", der letzte Film mit River Phoenix, kommt ins Kino.

Fast hätte es diesen Film nicht gegeben. Achtzig Prozent von "Dark Blood" waren bereits im Kasten, doch dann starb der Hauptdarsteller River Phoenix an Halloween 1993 an einer Überdosis Heroin. Die Produktion wurde auf Eis gelegt, und die Negative gingen an eine Versicherungsfirma. 1999 erfuhr der Regisseur George Sluizer, dass diese Firma plante, ihr Material zu vernichten, weil sie die Lagerkosten nicht mehr tragen wollte. Kurzerhand rettete er die Rollen.

Es ging dem niederländischen Regisseur nicht um den Besitz des Materials, sondern um die Rekonstruktion des unvollendeten Films. Bis zur Fertigstellung vergingen fast zwei Jahrzehnte, denn es dauerte, bis Sluizer die Rechte geklärt und aus den Fragmenten einen fertigen Film gepuzzelt hatte. 2012 konnte "Dark Blood" auf mehreren Festivals gezeigt werden, Sluizer selbst starb kurz nach Vollendung des Projekts. Derzeit läuft der Film das erste Mal in einigen deutschen Städten regulär im Kino.

Amour fou: Judy Davis und River Phoenix in "Dark Blood".

24 Jahre sind eine lange Zeit, um ein postumes Werk herauszubringen. Das wird einem erst so richtig bewusst, wenn man River Phoenix nach all den Jahren in einer neuen Rolle sieht. Kurz traut man den eigenen Augen nicht, zu vertraut sind seine bekannten Figuren, diese in sich gekehrten Außenseiter und Sonderlinge: der nerdige Wissenschaftsfreak in "Explorers", der Draufgänger in "Stand by Me" und der Stricher in "My Own Private Idaho", für dessen Darstellung er 1991 den Darstellerpreis in Venedig erhielt. Als 18-Jähriger wurde Phoenix bereits für seine Darstellung eines Klaviergenies in "Flucht ins Ungewisse" von Sidney Lumet für einen Oscar nominiert. Er erlebte einen rasanten Aufstieg als Teenie-Idol und Galionsfigur des amerikanischen Independentfilms.

In "Dark Blood" spielt er den Jungen Boy, der einsiedlerisch in der Wüste Arizonas lebt. Das Land gehörte ursprünglich dem indigenen Stamm der Hopi, deren "dunkles Blut" auch er in sich trägt. Zugleich zurückhaltend und interessiert tritt er dem Hollywood-Ehepaar Harry und Buffy entgegen, das auf einem Wochenendtrip mit einer Panne in der Wüste liegen bleibt. Es gibt eine merkwürdige Anziehung zwischen Boy und Buffy. Erst spät merkt Harry, dass Boy die Reparatur des Autos nicht nur aus Einsamkeit hinauszögert.

Trotz der Weite der bedrückend schönen Endzeitlandschaft, die der große Kameramann Ed Lachmann fotografiert hat, beginnt ein beengter, kammerspielartiger Kidnapping-Thriller. Ganz genau kann man aber nie sagen, was passiert, denn es fehlen ja einige Szenen, die nach Phoenix' Tod nicht mehr gedreht werden konnten. Die Produktion stoppte nach den Außendreharbeiten, ein Großteil der Innenaufnahmen wurde nie umgesetzt. Als Lückenfüller spricht Regisseur Sluizer selbst die restliche Handlung und einige Dialogelemente über Standbilder der jeweils vorherigen Szene ein. Das funktioniert gut, doch kann man hier kein gewöhnliches Kinoerlebnis erwarten. Die Spannung des Drehbuchs geht zwar in den nacherzählten Passagen etwas verloren, aber der Film gewinnt durch sie auch etwas dazu. Sluizers monotone Stimme und sein breiter niederländischer Akzent erinnern in ihrer schleppenden Beharrlichkeit an die melancholische Erzählstimme von Werner Herzog. Das ist erstaunlicherweise nicht unfreiwillig komisch, sondern knipst direkt das Kopfkino an.

Ein gemeinsamer Drogenrausch endet für Boy und Buffy in einer zum Stammesschrein ausgebauten Schutzhöhle. Ein betörender Bilderrausch stellt sich vor dem geistigen Auge ein, zu gerne sähe man Sluizers geplante Umsetzung. Der psychedelische Soundtrack verwebt Spielszenen und Erzählelemente zu einem experimentellen Filmerlebnis, das die eigene Künstlichkeit mitreflektiert. "Dark Blood" wird so zu einem jener seltenen assoziativen Reflexionsräume, in denen das Kino über sich selbst nachdenkt - Film, Making-of und Hommage zugleich. In einem gespenstischen Moment kurz vor Schluss scheint sogar die Zeit stillzustehen, wenn Realität und Film beinahe prophetisch miteinander verschmelzen.

Dark Blood läuft derzeit als Wiederaufführung in ausgewählten Kinos. Eine Liste der Spielorte gibt es unter missingfilms.de.

© SZ vom 17.07.2017

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