Süddeutsche Zeitung

Mediaplayer:Das Ende der Unschuld

"Wie ein weißer Vogel im Schneesturm" könnte ein fieser Thriller sein - der Film erzählt aber vielmehr von dem merkwürdigen Zustand der Pubertät.

Von David Steinitz

Neben zwei ganz wunderbaren Schauspielerinnen ist der dritte Hauptdarsteller in diesem Thriller: eine Tiefkühltruhe. In der könnte oder könnte auch nicht eine Leiche liegen, und zunächst dreht sich die Literaturverfilmung "Wie ein weißer Vogel im Schneesturm", die in dieser Woche in Deutschland als Heimvideo erscheint, auch um einen potenziellen Mord.

In einer kleinen amerikanischen Bilderbuch-Vorstadt verschwindet Ende der neonfarbenen Achtzigerjahre eine Hausfrau (Eva Green) spurlos. Es gibt Hinweise auf einen Liebhaber, auf Eifersüchteleien ihres Mannes - die Polizei ermittelt. Ihre 17-jährige Tochter Kat (Shailene Woodley), die im Mittelpunkt der Geschichte steht, muss mit dem unheimlichen Verlust fertigwerden. Nicht wissend, ob die Mutter, zu der sie stets ein gespaltenes Verhältnis hatte, wie die Zuschauer in Rückblenden erfahren, noch lebt oder nicht.

Diese Krimi-Ausgangslage nutzt der kluge Regisseur Gregg Araki, der seit den frühen Neunzigern zu den wichtigsten Filmemachern des US-Independent-Kinos gehört, um einen wilden kleinen Film noir zu drehen. Aber er handelt weniger von einem mysteriösen Verbrechen als von dem merkwürdigen Zustand der Pubertät, von dem Weg zum Erwachsenenleben, am Beispiel seiner jungen Protagonistin.

Mit seinen bunten Achtziger-Farben ist die Ausstattung seines Films eigentlich das Gegenteil eines Film noir - trotzdem ist er in seiner Melancholie, Brutalität und Erotik zutiefst diesem Genre verschrieben. Dazu passt ganz ausgezeichnet der düstere britische Post-Punk-Pop des Soundtracks: New Order, Depeche Mode, The Jesus and Mary Chain, The Psychedelic Furs. Gregg Araki war früher Musikkritiker und gräbt sich traditionell vor jedem neuen Film zu Inspirationszwecken tief in seine alte Plattensammlung.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Laura Kasischke aus dem Jahr 1999, der wiederum lose inspiriert wurde von einer wahren Geschichte. Im Mittleren Westen verschwand eines Tages eine Hausfrau spurlos, die Autorin fantasierte um diese Meldung herum ihre eigene Geschichte. Genauso locker wie die Schriftstellerin mit dem wahren Fall umging, geht nun auch Regisseur Araki mit ihrem Buch um. Er übersetzt es in eine Welt aus zugespitztem Kleinstadtslapstick (in den Rückblenden) und brutalen Adoleszenz-Albträumen (in der Gegenwart des Films).

Das Spannungsverhältnis zwischen Tochter und Mutter betont Araki vor allem dadurch, dass seine beiden Darstellerinnen im wirklichen Leben altersmäßig eigentlich nur zwölf Jahre auseinanderliegen. Was in der Eltern-Kind-Beziehung, die sie spielen, die erotische Spannung und Konkurrenz zwischen den beiden Frauen extrem unterstreicht.

Eva Green spielt die in der Hausfrauen-Hölle gefangene Mom erst sanft somnambul und zärtlich, später ganz aggressiv sexy. Und zwar als sie merkt, dass sie durch den vorsichtig tastenden Lolita-Charme ihrer Tochter eine ernsthafte Konkurrentin im eigenen Haus hat, der die Männer permanent hinterherstarren.

Shailene Woodley, die momentan neben ihren Blockbuster-Jobs in Hollywood das wohl meist gebuchte Mädchen für Coming-of-Age-Geschichten im amerikanischen Indie-Kino ist, spielt als Kat die Wirren der Adoleszenz auch nach "The Descendants" und "The Spectacular Now" mal wieder ganz famos. Für ihren leicht überschminkten und freizügigen Look hat sich Araki von der Chef-Lolita der späten Achtzigerjahre inspirieren lassen: der mittlerweile ein wenig in der Versenkung verschwundenen Schauspielerin Winona Ryder.

Über die Jahre, die der Film sie begleitet, vom High-School-Abschluss an die Uni, ist Kat weder in der Lage zu trauern, noch ernsthaft nach ihrer Mutter zu suchen. Erst als sie sich selbst als junge Frau gefunden zu haben scheint, beginnt der schmerzhafte Prozess der Verarbeitung - während gleichzeitig die ominöse Tiefkühltruhe auftaut.

Wie ein weißer Vogel im Schneesturm erscheint am 14. August als DVD (ab 13,99 Euro) und Blu-ray (ab 15,99 Euro). Der Film ist auch als Video on Demand erhältlich, zum Beispiel bei Amazon oder iTunes (ab 3,99 Euro).

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2600997
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 10.08.2015
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.