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Mediaplayer:Architektur als Performance

Als Träume noch gebaut werden konnten: Ina Weiss' Dokumentarfilm über die Neue Nationalgalerie in Berlin, die Mies van der Rohe ersonnen hat.

Was für eine Freiheit! Rings um die Baustelle ist nichts, was Vorgaben machen, das Projekt einschränken oder verhindern könnte. Der Traum eines jeden Architekten. In Berlin wurde er für Mies van der Rohe und seine Neue Nationalgalerie wahr, Carte blanche für ein Jahrhundertprojekt.

50 Jahre später überlegt der britische Architekt David Chipperfield in seinem Büro, wie sich die Vergabe des Bauauftrags damals in etwa zugetragen haben dürfte. Anruf in Mies van der Rohes Büro in Chicago. Wir hätten da gerne ein Museum für zeitgenössische Kunst von Ihnen. Suchen Sie sich den Ort dafür in Berlin aus! Sprich: Kein mühsames Ausschreibeverfahren, keine seltsam zusammengestellte Jury und vor allem keine Bedenken, geschweige denn Richtlinien zum Energieverbrauch.

"Könnte man heute die Neue Nationalgalerie bauen?", fragt sich Chipperfield, der aktuell mit seinem Team das Museum aufwendig saniert. Es ist eine rhetorische Frage. Chipperfield, viele Jahre Deutschlands Museumsbauer Nummer eins mit dem Neuen Museum in Berlin, dem Museum Folkwang in Essen oder dem Literaturmuseum in Marbach, weiß das nur zu gut. Und deswegen ist dieser Dokumentarfilm von Ina Weisse über die Neue Nationalgalerie bei all seiner Grandezza immer wieder auch traurig. Denn die kleine Szene am Anfang ist nur ein erster Hinweis darauf, was in den folgenden knapp 50 Minuten beim Betrachter Schwermut auslösen könnte: die Neue Nationalgalerie in Berlin, dieser provozierend leere Glaskasten auf seinem massiven Sockel, der selbst nach einem halben Jahrhundert so erstaunlich zeitgemäß wirkt, hätte in unserer Gegenwart keine Chance. Vermutlich würde der Entwurf, der ja eigentlich für das Bacardi-Verwaltungsgebäude auf Kuba vorgesehen war, bei einem Wettbewerb nicht in die nächste Runde kommen.

Ein Architektentraum: die Neue Nationalgalerie in Berlin.

(Foto: absolut Medien)

Der Film zeigt, was die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten offenbar verloren hat: den Glauben an die Zukunft. Das liegt vor allem daran, wie sich die Schauspielerin Weisse in ihrer zweiten Regiearbeit dem Gebäude nähert. Ihr Vater Rolf D. Weisse hat als junger Architekt bei van der Rohe in Chicago gearbeitet und das Berliner Projekt für den damals schon über 80-Jährigen betreut. Deswegen kann er Aufnahmen aus den Sechzigerjahren beisteuern und macht im Gespräch einen Mann nahbar, der schon damals eine Architekturikone war.

Für Rolf D. Weisse war er das nicht, der Berliner kann von Mies' Privatwohnung in Chicago erzählen und von dem Glücksgefühl, das van der Rohe dabei empfand, als er mit dem Auto unter dem Dach der Neuen Nationalgalerie hindurchfahren konnte, während dieses gerade mal einige Meter über der Baustelle baumelte. Weisse ist nicht der einzige Zeitzeuge, der vom Bauprozess berichtet, auch der Architekt Dirk Lohan, der Enkel von Mies van der Rohe, kommt zu Wort und der Stahlbauingenieur Heinz Oeter. Für alle war es ein Ausnahmeprojekt.

Angenehm nüchtern liefert Weisse dazu die Bilder des Museums, alle in Schwarz-Weiß. Guckt hier einer Besprechung zu, begleitet Museumsmitarbeiter ins Depot oder in den Pausenraum. Der architektonische Widerspruch zwischen dem lichten Glaspavillon oben und dem massiven Steinpodium unten wird in den Aufnahmen deutlich. Es ist eine ehrliche, fast alltägliche Betrachtung, die dem Gebäude jedoch nicht sein Pathos nimmt. Selbst das Verpacken von Kunstwerken - während der Sanierung muss die Kunst ausgelagert werden - wirkt in diesem Rahmen wie eine Performance.

Wichtig ist auch die architekturhistorische Einordnung, die der Film vornimmt. Tatsächlich war ja das Viertel, wo die Neue Nationalgalerie heute steht, die Friedrichsvorstadt, eines der avanciertesten vor dem Krieg. Die Zerstörung setzte jedoch schon vorher ein, Albert Speer plante hier für sein Germania einen monumentalen runden Platz und ließ großzügig abreißen. Exakt dort, wo die Nationalsozialisten ein Kulturforum planten, wurde also nach dem Krieg eines gebaut - natürlich unter anderen Vorzeichen. Das Einzige, was etwas seltsam ist in diesem stimmigen Porträt, ist die Tatsache, das Ina Weisse ausschließlich Männer zu Wort kommen lässt. Vor 50 Jahren durften Frauen bei Richtfesten tatsächlich nur schmückendes Beiwerk sein, heute ist das in der Architekturwelt Gott sei Dank anders.

Die Neue Nationalgalerie. DVD, absolut Medien, 48 Minuten.

© SZ vom 30.04.2018

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