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Media Player:Nur dem Wind kannst du trauen

Ganz für sich - der einsame Zuhörer Marlon Brando.

(Foto: Universal)

Neu auf DVD: "Listen to Me Marlon" - ein bewegendes Filmporträt von Marlon Brando, mit unbekannten intimen Tonbandaufnahmen des Superstars, ist jetzt erschienen.

Dies ist der Schwanengesang, krächzt der alte Marlon Brando gleich am Anfang, dies ist das Ende, der Schauspielerei, der Schauspieler. Er hat seinen Kopf digitalisieren lassen - "sie fuhren mit dem Laser drum herum, ich machte eine Menge Gesichter, lächelte, machte ein trauriges Gesicht, und jetzt haben sie das alles digital. Und Schauspieler werden nicht mehr wirklich sein, sie sind jetzt in einem Computer drin. Wartete nur, so wird es kommen . . ."

Brando, der practical joker, er wirkt hier ganz geisterhaft, und meint es doch ganz ernst. In dem Film "Listen to me Marlon" von Stevan Riley und seinem Co-Autor Peter Ettedgui wird diese Balance ganz hart durchgehalten, zwischen dem Spielerischen und dem Ernsten, dem Imaginären und dem Realen. Es gibt größte erotische Heiterkeit - Brando flirtet schamlos mit hübschen Journalistinnen, "Pardon, jetzt bin ich an Ihren Fuß gestoßen . . ." - und Momente schrecklicher Trauer und Trostlosigkeit - die Verhaftung und der Prozess seines Sohnes Christian, der Selbstmord seiner Tochter Cheyenne.

Sein Leben lang hat Marlon Brando für sich Tonbänder aufgenommen, mit Erinnerungen, Aphorismen, Selbsthypnose, Kommentaren zu seinem Leben und seiner Gegenwart. Stevan Riley hat sie vom Brando Estate voll zur Verfügung gestellt bekommen und daraus ein irrwitzig authentisches Porträt des Akteurs gefertigt - authentisch weil ganz und gar synthetisch. Er hat Sätze aus diversen Bändern und Jahren - mit ganz unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen - aneinandergeschnitten, zu Fotos und Szenen aus Wochenschauen, TV-Shows, Filmen. Man erlebt die kurze Zeit des totalen Ruhms, das Willkommen in der großen Stadt New York, das Glück, von Stella Adler in die Familie der Method Actors aufgenommen zu werden - Du spielst nicht mit Worten, du spielst mit der Seele! -, die ersten Broadway- und Filmerfolge, vor allem mit dem rüden Stanley Kowalski in "Endstation Sehnsucht", die Begeisterung, nachts gegen vier im Leibchen auf dem Motorrad zu fahren, einen Club im schwarzen Viertel zu besuchen - ein Trip in ein ganz fremdes Land. Es ist ein Brando, der sich ganz hingibt, in jeder Hinsicht: Nach einer gewissen Zeit hat der Penis seine eigene Agenda.

Danach kommt schnell die Ernüchterung, der Abscheu dem Kinobetrieb gegenüber, die Versuche, seine eigene Arbeit zu ridikülisieren: Der Boxer Jersey Joe Walcott, ein Vorbild, wusste nie, wo er als nächstes zuschlagen würde. Also schlag, wie es noch nie zuvor einer gemacht haben würde!

Es war, als wären wir zu dritt im Raum gewesen, sagt Drehbuchautor Peter Ettedgui von der Montagearbeit an dem Film, zusammen mit Brando, dem Geist in der Maschine. Man muss den Titel wörtlich nehmen, "Listen to Me Marlon" - Brando spricht auf diesen Bändern zu sich selbst, eine Rede in eine Leere hinein, weil er nicht sicher ist, ob es einen Adressaten überhaupt gibt, dort wohin er spricht, ein anderes Ich, so wie die Psychoanalyse nach Lacan es signalisiert. Kein Ich, kein Du, eine profunde Verlassenheit. Nur dem Wind kannst du trauen.

Das Bild, das der Film von Brando liefert, ist zersplittert, jeder Schnitt eine eigene Irritation. Die Jacke, die er in "Die Faust im Nacken" trägt, ist, man sieht es in Aufnahmen vom Dreh, rot. Als der Moment der Arbeit an "Meuterei auf der Bounty" kommt, gibt es Erinnerungen an die Militärakademie, wohin der Vater ihn schickte. Und eine Bitterkeit über einen Regisseur, der kommandieren will, ohne wirkliche Souveränität zu haben, und mit dem Akteur nicht zusammenarbeiten will. Bei "Apocalypse Now" laufen dann die beiden Perspektiven parallel, die des Regisseurs Francis Coppola, der Brando fett und furchtbar findet, und die Brandos, der Coppola einen prick nennt und seine eigenen Dialoge schrieb, seine eigene Ausleuchtung für seine Figur, den Colonel Kurtz bestimmte und sie so für den Mythos rettete: "Don't misuse that Kurtz . . ."

Mehr als mit seinen Kollegen schließt Brando sich mit den Zuschauern zusammen. In der Kindheit hat er sich mühsam die zehn Cent erarbeitet, um ins Kino zu gehen, und die Filme, die er dort sah, haben ihn über die Woche gerettet. "Das Publikum macht die Arbeit", sagt er, "sie besorgen die Schauspielerei."

"Listen to Me Marlon" erschien als DVD und Bluray bei Universal.

© SZ vom 30.11.2015
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