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Media Player:Kino für Wildschweine

Der Komiker Eric Wareheim in der Groteske "Reality".

(Foto: Pierrot le fou)

Der Experimentalfilm "Reality" von Quentin Dupieux ist ein bebilderter Bewusstseinsstrom um eine mysteriöse VHS-Kassette, im Bauch einer erlegten Wildsau.

Im Bauch eines frisch erlegten Wildschweins findet sich zu Beginn dieses vollkommen wahnsinnigen Experimentalspielfilms eine mysteriöse blaue VHS-Kassette: Als der Jäger seine Beute ausweidet, gleitet das Videoband inmitten der dampfenden Gedärme mit auf den Boden. In diesem Schlachtmüll findet es die Tochter des Jägers, die so heißt wie die absurde Episodengeschichte selbst: "Reality".

Das faszinierte kleine Mädchen will selbstverständlich herausfinden, was auf der Kassette zu sehen ist, und um ihren etwas komplizierten Versuch herum, dieses Video zu sichten, entspinnen sich in dieser Filmgroteske ein paar wild ineinander verwobene Storys. Zum Beispiel um einen frustrierten TV-Kameramann, der gerne Kinofilme inszenieren würde und von einem Produzenten auch sofort einen Vertrag bekäme - wenn er ihm binnen 48 Stunden ein Oscar-würdiges Stöhnen für die Vertonung eines blutigen Zombiefilms liefern kann. Oder ein pummeliger Grundschulrektor, der gerne in die Klamotten älterer Damen schlüpft und sich nicht sicher ist, ob er das nur in Tagträumen oder auch schon in der Realität getan hat. Just dieser Mann ist der Rektor des Videokassettenmädchens, und beide sind wiederum in die merkwürdige Episode eines verzweifelten TV-Moderators verwickelt. Dieser traut sich nicht mehr in seiner Talkshow aufzutreten, weil er einen schrecklichen Hautausschlag hat, den aber nur er selbst sehen kann. Mit makelloser weißer Haut steht er vor seiner erstaunten Crew und kratzt sich wie verrückt. Abgerundet wird das Kuriositätenkabinett durch einen Yuppie-Filmproduzenten im pastellfarbenen Polohemd. Er hat die besondere Gabe, niemandem zuhören zu können, speziell nicht seinen Regisseuren, wenn sie versuchen, ihn von einem Projekt zu überzeugen.

Ausgedacht hat sich diesen so wirren wie wunderbaren Film der französische Allround-Künstler Quentin Dupieux, Jahrgang 1974. Unter seinem Pseudonym Mr. Oizo wurde er Ende der Neunzigerjahre in seinen Zwanzigern als Elektro-Musiker und DJ berühmt - vor allem durch seinen Hit "Flat Beat", für den er selbst das Musikvideo inszenierte, mit dem legendären gelben Plüschtier Flat Eric in der Hauptrolle, der wiederum eine kurze aber steile Karriere als Levi's-Werbeträger absolvierte. In den letzten Jahren arbeitete Quentin Dupieux in seiner Mr. Oizo-Rolle unter anderem mit der gefeierten amerikanischen Pop-Künstlerin Uffie zusammen, die sich zu seinen Beats als lolitahaftes, nachtaktives Elektro-Luder inszenierte.

Das Handwerk des Filmemachens brachte er sich als Crew-Mitglied seines Landsmannes Michel Gondry bei, der mit der Jim- Carrey-Tragikomödie "Vergiss mein nicht" bekannt wurde. Seit diesen ersten Kino-Lektionen dreht Dupieux Filme, die so irre weit weg von jeglicher Konfektionsware aus Hollywood sind, dass es die pure Freude ist.

Bisheriger Höhepunkt seines mittlerweile sechs Filme umfassenden Werks: die Horrorkomödie "Rubber" aus dem Jahr 2006. Protagonist dieses Gaga-Spektakels war ein Autoreifen namens Robert, der zum Leben erwacht und es als Meuchelmörder auf hübsche junge Mädchen abgesehen hat. Ein herrliches Spektakel, inklusive einer gewagten "Psycho"-Reminiszenz, in der Robert eines seiner Opfer in einem Motel unter der Dusche, nun ja . . .

In "Reality" nun treibt Dupieux seine Späßchen noch ein bisschen weiter. Natürlich hat der Film eine Art rudimentäre Handlung, ist aber vor allem der Versuch eines bebilderten Bewusstseinsstroms, der die Form deutlich über den Inhalt stellt. Die schönste Szene: Als in diesem verqueren Gewusel ein Pärchen an der Kinokasse zwei Tickets für den Film erwerben will, der gerade gespielt wird, fragt die Frau die Kassiererin, um was für einen Film es sich denn genau handle. Worauf diese ihr antwortet: "Ma'am, ich bin leider nicht autorisiert, Ihnen diese Frage zu beantworten" - und das ist gleichzeitig auch eine sehr pointierte Beschreibung von Dupieux' Vision vom Kino als Ort des Unbeschreiblichen.

Reality ist auf DVD (12,99 Euro) und Blu-ray (15,99 Euro) erschienen und außerdem als Video on Demand erhältlich, zum Beispiel bei Google Play oder iTunes (ab 3,99 Euro).

© SZ vom 07.12.2015
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