"Me Too"-Debatte Trump ist der Geburtshelfer von "Me Too"

Für einen Teil der Menschheit wird Herrschaft nach wie vor durch brutale Manneskraft legitimiert.

(Foto: AP)

Nichts könnte besser das Ende des Zeitalters männlicher Gewaltherrschaft vor Augen führen als die Präsidentschaft von Donald Trump.

Gastbeitrag von Hedwig Richter

Der Bad Boy vom Dienst, der Schriftsteller Michel Houellebecq, hat es längst kommen sehen: "Der erste Feind, den unsere westliche Gesellschaft versucht auszurotten, ist das männliche Zeitalter, ist die Männlichkeit selbst." Mannsbilder, die klassische Merkmale des Alphatiers besitzen (viele Frauen, strotzende Macht, penetrante Diskurshoheit), werden vom Thron gestürzt und sind zum Gespött geworden. Der Filmproduzent Harvey Weinstein, der Regisseur Dieter Wedel wirken plötzlich wie Ungeheuer aus einer dunklen Vergangenheit.

Ist jetzt schon das reine Mannsein prekär? Voller Hohn kommentierte die Öffentlichkeit das Treffen der deutschen Innenminister, die behaupteten, an der Zukunft zu arbeiten - aber keine Frau in ihren Reihen hatten.

Geschlechterfragen sind das Epizentrum gesellschaftlicher Entwicklungen. Idealbilder von Männlichkeit, die jeweils in einer Gesellschaft die Oberhand erringen, darauf hat die Männlichkeitsforscherin Raewyn Connell verwiesen, bestimmen über Machtverteilung, über Coolness, über Drinnen-oder-Draußen-Sein, über das Sagbare und das Machbare. Männlichkeitsvorstellungen geraten in die Krise, werden attackiert, von neuen Idealen abgelöst. Dabei gehen Umwälzungen der Geschlechterordnung stets mit einem veränderten Umgang mit Körpern einher.

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Die "Me Too"-Debatte attackiert grundstürzend alte Vorstellungen von Männlichkeit und Herrschaft. Die letzte Möglichkeit des körperlichen Missbrauchs scheint an ihr Ende gekommen zu sein: Der physische Übergriff des Mächtigen - angeblich intensivster Ausdruck seiner Kraft - ist kein Kompliment mehr, keine Bagatelle.

Die Empörung über die Gewaltigen, die sich der Leiber der anderen bedienen, ist mehr als ein Hashtag und etwas anderes als eine Hetzjagd. Sie ist das Ende der letzten Selbstverständlichkeit: Das Zweifel- und Bedenkenlose einer männlichen Herrschaft, das in die Körper eingeschrieben war, scheint endgültig außer Kraft gesetzt zu sein. Neue Männlichkeiten treten hervor, in allen Generationen. Zarte Typen oder bärtige Jungs, die Babys im Tragetuch kosen, Kriegsverächter und grauhaarige Feministen - Männer, die Frauen als Gleiche denken können. Androgyne Kulturen sind hip. Längst hat die Technik physische Körperkraft im Alltag und Beruf zu einem vernachlässigungswürdigen Faktor gemacht.

Saufen, Waffentragen, Jagd auf Minderheiten: Das galt auch in Demokratien noch als männlich

Über Jahrtausende war das Männliche das Menschliche, das Richtige und Gute. Der Soziologe Pierre Bourdieu erklärt 1998 in seinem zum Klassiker gewordenen Text über "Die männliche Herrschaft": "Hinreichend abgesichert, bedarf die männliche Herrschaft keiner Rechtfertigung"; um einen Mann zu loben, genüge die Aussage: "Das ist ein Mann". Mann und Mensch und Macht bildeten eine Einheit. Männlichkeit als elementare Grundlage von Legitimation, das beschreiben auch die Biografien großer Herrscherinnen in der Frühen Neuzeit. Die Frau auf dem Thron wirkte als Staatsgebrechen, sie musste männliche Qualitäten demonstrieren.

Hedwig Richter forscht am Hamburger Institut für Sozialforschung über Demokratie, Migration, Geschlecht. Die Historikerin habilitierte über "Moderne Demokratie im 19. Jahrhundert in Preußen und den USA".

(Foto: Fabian Hammerl)

Im 19. Jahrhundert verschärfte sich die Argumentation. Die großen Denker beschworen, was zuvor als selbstverständlich galt. "Obrigkeit ist männlich", postulierte damals der Historiker Heinrich von Treitschke, und der Staatstheoretiker Johann Caspar Bluntschli meinte, der Staat sei "unzweifelhaft ein männliches Wesen". Doch was war männlich? Demokratien erklärten das Ancien Régime mit seiner Adelsherrschaft zur weibischen Zeit. Das Revolutionsheer in Frankreich pflegte eine intensiv maskuline Kultur, und Napoleons bis heute gerühmter Code civil räumte dem Ehemann juristische und physische Gewalt gegenüber der Frau ein. Nahezu alle modernen Staaten verbanden Staatsbürgerschaft mit männlicher Wehrhaftigkeit.

Den Gipfel des modernen Männlichkeitskultes erreichten im 19. Jahrhundert die jungen Vereinigten Staaten, deren Selbstbegeisterung sich gleichermaßen an ihrer Freiheit und ihrer Männlichkeit berauschte. Die amerikanische Demokratie zeichne sich allein durch Leistung aus, wodurch Frauen - "disqualified by nature" - in der angemessenen Unterordnung blieben, wie die renommierte Democratic Review 1859 erläuterte. Demokratische Rituale wie Wahlen oder Amtseinsetzungen des Präsidenten verbanden sich mit allem, was als männlich galt: dem Saufen, Waffentragen, Prügeln und der zuweilen tödlich endenden Jagd nach jenen, die nicht dem weißen Männlichkeitsideal entsprachen. Das waren zumeist Afroamerikaner.

Donald Trump wirkt schon rein habituell wie der letzte Witz der obsoleten Männlichkeit

Immer wieder trug ein veränderter Umgang mit dem Körper zur Neuordnung der Geschlechter bei. In den Weltkriegen etwa bewirkten die Gewaltexzesse und totalitären Ideologien, dass Frauen aus der Politik nahezu eliminiert wurden. Und der große Emanzipationsschub der Siebzigerjahre ging mit der Antibabypille einher. Die plötzliche Freiheit des Frauenkörpers vom Kinderkriegen lässt sich in ihrer Bedeutung nicht überschätzen. Auch sonst verstanden Feministinnen Emanzipation zuvorderst als Befreiung des Körpers. Sie rannten auf die Straßen, redeten laut und öffentlich, zogen sich bequeme Kleider über und stillten ihre Kinder vor aller Augen. Frauen verließen ihr Zuhause, und schließlich durften sie auch in der Bundesrepublik ohne Einverständnis des Ehemanns einer Erwerbsarbeit nachgehen. Als wesentlich erwies es sich dabei, die Prügelstrafe zu problematisieren. Und doch blieb sexuelle Nötigung bestehen, sie zeugte weiterhin von Macht und deren Missbrauch. Es dauerte lange, bis Gewalt auch in Familien als Verbrechen galt - und noch länger, bis die Mächtigsten nicht mehr vom Gewalttabu ausgeschlossen blieben.

Dafür war "Me Too" notwendig, dafür bedurfte es des ganzen Lärms.

Hat also das Gute gesiegt? Donald Trump ist zur Chiffre des Dramas geworden. Vielleicht zeigt der Präsident, der mächtigste Mann, der die Körper der anderen nicht respektiert, was wir nicht wahrhaben wollen: dass für einen Teil der Menschheit Herrschaft nach wie vor durch brutale Manneskraft legitimiert wird.

Und doch wirkt der Staatschef schon rein habituell wie der letzte Witz der obsoleten Männlichkeit. Seine Präsidentschaft zieht an den bestürzten Augen der Welt vorbei wie ein Fastnachtsumzug mit platinblondem Narrensaum und Männern in grotesken Masken des Bösen. Nichts könnte besser das Ende des männlichen Zeitalters vor Augen führen. Ermöglicht nicht dieses Schauspiel den Anbruch einer Zeit, in der das Ringen um die herrische Männlichkeit abschwellt, weil Macht und Legitimation nicht mehr des aggressiven Mannseins bedürfen? Trump jedenfalls muss als Geburtshelfer von "Me Too" verstanden werden: dem Angriff auf die letzten Auswüchse der männlichen Gewaltherrschaft.

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