"Queen Lear" am Maxim-Gorki-Theater:Komplett sinnfrei

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"Queen Lear" am Maxim-Gorki-Theater: Eiskalte Diva: Corinna Harfouch als Queen Lear.

Eiskalte Diva: Corinna Harfouch als Queen Lear.

(Foto: Esra Rotthoff/Gorki)

Corinna Harfouch spielt am Berliner Maxim-Gorki-Theater in der Quatsch-Kraftmeierei "Queen Lear" und stürzt ihre Figur dabei atemberaubend in die totale Einsamkeit.

Von Peter Laudenbach

Wenn ein Theaterabend schon mit einer Trigger-Warnung losgeht, kann man sich auf einiges gefasst machen - zum Beispiel auf eine erhöhte Dosis scheppernder Selbstironie. Am Berliner Maxim-Gorki-Theater fällt die Warnung besonders energisch aus: "Es könnte zu Szenen von sexualisierter Gewalt kommen!" Die bleiben dann erfreulicherweise aus, aber auch so ist Christian Weises aufgekratzte Inszenierung "Queen Lear" in ihrer Selbstverliebtheit eine anstrengende Veranstaltung. In der Klassikerbearbeitung des Autoren-Pseudonyms Soeren Voima (hinter dem der Regisseur und der Schaubühnen-Dramaturg Christian Tschirner stecken), ist der Geschlechtertausch vom King zur Queen Lear noch einer der harmloseren Eingriffe. Shakespeares Figuren werden in einen großen Mixer mit jeder Menge Retro-Pop, Tuntenkabarett, Backstage-Scherzen, Knallchargentum, Berliner Proll-Schnauze und "Star Wars" gesteckt. Das wird einmal kräftig durchgerührt, fertig ist der Trash-Cocktail, Shakespeare als gespielter Comic. Aber weil Shakespeare bekanntlich unkaputtbar ist, übersteht zumindest der grobe Plot seiner Tragödie auch diesen Quatsch. In ihrer Wir-trauen-uns-was-Kraftmeierei wirkt die Grobmotoriker-Regie rührend anachronistisch. Kurz nach der Jahrtausendwende war so was in den etwas plumperen Regionen des Pop-Theaters eine Zeitlang fast hip, heute wirkt es leider etwas abgestanden.

Kindergeburtstag im altersschwachen Theater

Vieles in dieser Inszenierung ist komplett sinnfrei und in der spätpubertären Überdrehtheit höchstens mäßig lustig - zum Beispiel die Zufallsidee, das Ganze im Weltall spielen zu lassen. Die "Star Wars"-Scherze samt Lichtschwertern haben etwas von Kindergeburtstagsspäßen, aber manchmal wirkt es auch, als sei das Theater so altersschwach, dass es ohne künstliche Beatmung der Popkultur nicht mehr über die Runden kommt. Das erste Drittel der mit drei Stunden etwa zwei Stunden zu langen Veranstaltung wird als Live-Film in gemalter Raumschiff-Deko dargeboten (Bühne und Animation: Julia Oschatz), was zumindest für hübsche Bildeffekte im Stil der Augsburger Puppenkiste sorgt. Dumm nur, dass dabei jeder bescheidene Einfall so lange gnadenlos ausgewalzt und breitgetreten wird, bis er zuverlässig jeden Rest an Charme und Witz eingebüßt hat.

Dass der Abend trotz der inhaltlichen Dürftigkeit streckenweise durchaus Spaß macht, liegt an den Schauspielern, die sich mit Vollkaracho in die Schlacht werfen. Die große Corinna Harfouch als Queen Lear gibt im ersten Teil die eiskalte Diva im Zustand fortgeschrittener Menschenverachtung und Desorientierung. In der zweiten Halbzeit, verraten von ihren ungetreuen Söhnen und Erben in der Königsmacht, ruft sie tapfer "Ich bin eine Allegorie" und treibt ihre Figur atemberaubend in die komplette Einsamkeit, ein verlorenes, schutzloses Wesen auf leerer Drehbühne. Das andere Kraftzentrum des Abends ist wieder mal Svenja Liesau als Tochter der Gräfin Gloster (tough: Catherine Stoyan). Liesau ist, wie schon in ihrer Hamlet-Punk-Performance am selben Theater, eine Schauspielerin von der Explosivkraft einer entsicherten Handgranate. Als Adelstochter auf der Flucht verwandelt sie sich in eine Berliner Proll-Braut der herberen Sorte mit anstrengendem Kumpel-Charme und einem unerschöpflichen Arsenal harter Sprüche: "Bei mir im Kopf ist keiner mehr zu Hause, die sind alle unbekannt verzogen."

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