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30 Jahre Maxim Biller:Deutscher wider Willen

Im Kopf von Maxim Biller. Essays zum Werk. Hg. v. Kai Sina, Mitarbeit von Tanita Kraaz. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 412 Seiten, 24 Euro.

Ein Sammelband denkt intelligent über das literarische Werk Maxim Billers nach - und über seine Position in den Diskussionen des Landes.

Von Felix Stephan

Was ist eigentlich genau dran an der These, dass die Aufarbeitung des Holocaust erst so richtig beginnen kann, wenn alle Zeitzeugen tot sind? Erst dann nämlich, wenn die Deutschen niemanden mehr haben, von dem sie förmlich Vergebung erbitten können, sondern mit ihrer Schuld und ihrem Entsetzen ganz allein sind?

In einem gewissen Sinne ist diese Zeit längst angebrochen, und eine ihrer Schlüsselfiguren ist der Schriftsteller Maxim Biller: Dessen Eltern hätten sich in der Sowjetunion kennengelernt und seien von der NS-Verfolgung nicht unmittelbar betroffen gewesen, schreibt der Literaturwissenschaftler Jan Süselbeck. Biller selbst kam in Prag zur Welt und erst im Alter von zehn Jahren nach Deutschland.

Obwohl Biller also genau genommen nicht zur "zweiten Generation" gehört, zu den Kindern der Holocaust-Überlebenden, befindet er sich dennoch knietief in dem kulturellen und sozialen Wirkungsfeld, in dessen Zentrum Auschwitz steht, und das auch noch die kommenden Generationen jüdischer Autorinnen und Autoren deutscher Sprache im Griff haben wird, solange aus dieser Quelle so viele unterschiedliche und widersprüchliche Selbstbilder entspringen. Und alle anderen Autoren deutscher Sprache übrigens auch.

In der Erzählung "Auschwitz sehen und sterben", die in Billers ersten Band "Wenn ich einmal reich und tot bin" erschienen ist, ist an einer Stelle von einer Mutter die Rede, einer jüdischen Russin, "die als Kind im Krieg keinen einzigen gottverdammten Nazi zu Gesicht bekommen hatte", mit zwanzig aber plötzlich Verfolgungsvisionen bekam: "Alle zwei Monate erwachte sie nachts mit kaputten Gliedern und zerfahrenem Kopf, um sich zu fragen, was das sollte: Dutzende von Schwarzuniformierten, mit Peitschen und Maschinenpistolen bewaffnet, jagten über Stock und Stein hinter ihr her, trachteten nach ihrem wertlosen jüdischen Leben." Obwohl sie also gemäß Aktenlage nicht persönlich betroffen ist, formt die Allgegenwart der Verfolgung und Vernichtung in der deutschen Alltagskultur ihr Unbewusstes.

Alles nahm seinen Anfang 1982 beim Schabbat im Cohen's in München

Bei Kiepenheuer & Witsch, dem Verlag, bei dem auch seine Romane erscheinen, ist kürzlich der Band "Im Kopf von Maxim Biller" erschienen, eine Sammlung mit Essays, die sehr detailliert am Werk des Schriftstellers Maxim Biller diese spezielle Sprecherposition unter die Lupe nehmen. Das ist kein kleiner Gegenstand, seit 30 Jahren veröffentlicht Biller jetzt schon Erzählungen und Romane. Und weil der literarische Erzähler Maxim Biller neben dem wutbegabten Interventionisten gleichen Namens oft nicht ausreichend zur Geltung kommt, ist die Genauigkeit und Intelligenz, mit der hier über seine Texte nachgedacht wird, unbedingt erkenntnisstiftend.

Alles nahm seinen Anfang im Jahr 1982, erzählt die Buchhändlerin und Literaturkritikerin Rachel Salamander in dem Band, mittags beim Schabbat im Münchner "Cohen's", wo der junge Maxim Biller mit älteren Juden und ihren schrecklichen Geschichten zusammengesessen habe. Damals sei noch Thomas Mann sein literarischer Fixpunkt gewesen und Biller noch kein Schriftsteller, aber eines Tages habe er ihr ein Manuskript zu lesen geben. Sie habe es gelesen und angemerkt, dass sie sich ununterbrochen über jüdische Themen unterhielten, sich in dem Text hingegen keine einzige jüdische Figur befände. Was es denn damit auf sich habe?

Nach dieser Kritik sprachen die beiden eine Weile nicht mehr miteinander, bis 1990 Billers erstes Buch "Wenn ich einmal reich und tot bin" erschien, das mit einem Motto von Saul Bellow eröffnete: "Überdies, wenn ich ein Jahr in Deutschland zubrächte, würde ich nur an eines denken, zwölf Monate lang wäre ich ein Jude und sonst nichts. Ich kann mir nicht leisten, dafür ein ganzes Jahr herzugeben."

Maxim Biller, stellte sich bald heraus, gab dafür ein ganzes Leben her. In den vergangenen drei Jahrzehnten führte keine Aufarbeitungsdiskussion an Biller vorbei, jeder voreiligen Übereinkunft stellte er sich zuverlässig in den Weg. Keine Sekunde erlaubte er es den Deutschen, ohne Gegenüber einfach mit sich alleine zu sein, stets aus dem begründeten Verdacht heraus, dass dabei selten etwas Gutes entsteht.

Die jüdische Perspektive wird in der Aufarbeitung nicht immer als hilfreich empfunden

Dass er sich die komplizierte, unerfreuliche Rolle als Jude unter Deutschen nicht einfach sparte, indem er sich zum Beispiel in den USA niederließ, wo es ein relevantes jüdisches Publikum für seine Romane gegeben hätte, während er in Deutschland in erster Linie für nichtjüdische Deutsche schreibt, um dann an ihrer Verständnislosigkeit zu verzweifeln, ist Biller gelegentlich als Selbsthass ausgelegt worden. Andererseits ist sein Thema eben das sehr spezielle Erlebnis, als Jude in einem Deutschland zugegen zu sein, das sich mühevoll ein Verständnis seines geistig-moralischen Totalbankrotts zu erarbeiten versucht, und die jüdische Perspektive dabei nicht immer als hilfreich empfindet. Billers Prosa funkelt vor allem dann, wenn sie sich unerwünscht wähnt, und das geht nirgends besser als genau hier.

Nicht dass der Gedanke an eine Ausreise seine Prosa nie gekreuzt hätte, im Gegenteil: Von seinem Vater habe er die Angewohnheit übernommen, ständig von einem Ortswechsel zu träumen, sagt einer von Billers Ich-Erzählern: "In Wahrheit jedoch wird keiner von uns beiden jemals mehr seinen Hintern irgendwohin bewegen - eine besonders raffinierte Art von Assimilation."

Der Band über Biller hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Schriftsteller "zu verstehen", erklärt der Herausgeber im Nachwort, er sei keine Festschrift, sondern eine "kritische Würdigung". Das wird nicht ganz ohne Grund extra dazugesagt. Mit der Kritik ist wahrscheinlich Rachel Salamanders Bemerkung gemeint, Billers Geste als "letzter intellektueller Jude Deutschlands" treffe auch bei deutschen Juden nicht ausschließlich auf Zustimmung, weil sie im Widerspruch stehe, "zur tatsächlichen Vielfalt jüdischer Literaturen und Intellektualität in diesem Land".

Deutlich wird in diesem Band aber doch, dass Maxim Biller sich seit seinem ersten Buch konsequent einer bestimmten Aufgabe widmet und dass diese Aufgabe dieselbe ist, die auch die Generation von Marcel Reich-Ranicki, Grete Weil und Theodor Adorno zum Entsetzen vieler an Deutschland gebunden hat: dass in diesem Land dringend Leute gebraucht werden, die die deutsche Literatur vor den Deutschen beschützen.

© SZ/masc
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