Max Raabe über Schlager Verrückt nach Hilde

SZaW: Ist da nichts dabei, was in achtzig Jahren reanimiert werden könnte?

Raabe: Nein, das wird mit Popstücken passieren, aber nicht mit den deutschen Schlagern von heute. Das sind traurig verkümmerte Halbschattengewächse. Die aber nun mal ein riesiges Publikum haben.

SZaW: Sie haben auch mal mit Hildegard Knef ein Lied aufgenommen.

Raabe: Ja einige sogar, Stücke von Cole Porter, die sie aus dem Englischen ins Deutsche übertragen hat, und andere, die von ihr selbst stammen, wie "Jene irritierte Auster". Unglaublich toll, was Hildegard Knef an Liedern geschrieben hat!

SZaW: Sie waren ein Fan, als Sie sie trafen?

Raabe: Oh ja. Die Knef lief immer, wenn ich Partys gab.

SZaW: Wie sind Sie, wenn Sie jemandem gegenüberstehen, den Sie bewundern? Schüchtern glühend? Oder gar übersprudelnd?

Raabe: Wenn ich jemanden neu kennenlerne, egal, wer es ist, bin ich sehr zurückhaltend, vorsichtig und freundlich. Das haben Sie vielleicht auch schon bemerkt. Ich kann jemanden sehr mögen, ohne dass man es mir anmerkt. Die Qualität meiner Sympathie leidet nicht darunter, ich kann eben nur aus dieser Art nicht heraus. Ich bin einfach immer gleich.

SZaW: Das provoziert manche Leute sicher.

Raabe: Vielleicht. Ich weiß es nicht. Bei Frau Knef hat meine Zurückhaltung jedenfalls große Irritation ausgelöst. Sie hatte wohl mehr Euphorie und Begeisterung erwartet. Sie war eben eine Diva. Meine Zurückhaltung hat sie als Ignoranz aufgefasst. Erst im Studio hat sich das dann etwas gelegt. Die Arbeit hat großen Spaß gemacht. Und am Ende, als wir gemeinsam auf der Bühne standen, waren wir uns dann richtig sympathisch.

SZaW: Ihre Eltern, Landwirte in Lünen, haben unwissentlich den Grundstein für Ihre große Künstlerkarriere gelegt.

Raabe: Sie besaßen eine einzige Schellackplatte, auf die ich eines Tages stieß. Sie hieß "Ich bin verrückt nach Hilde". Ein heiteres Instrumentalstück, allerdings hatte es, wie mir damals schon schien, auch was Melancholisches. Ich war 13, 14 Jahre.

SZaW: Eigentlich ist in diesem Alter ja das, was die Eltern hören, abzulehnen.

Raabe: Genau das tat ich auch: Meine Eltern haben Operettenplatten gehört und James Last. Und mein Vater sonntags Marschmusik. Diese Schellack-Platte stand ganz vergessen irgendwo dazwischen. Die alten Schlager waren ansonsten nicht verschwunden, viele der Akteure lebten damals ja auch noch, und es gab Radiosendungen, die ihre Musik spielten. Eine hieß "Ein Plattensammler packt aus" und lief donnerstags um 19.30 Uhr. Ich musste um 19 Uhr zum Turnen, also musste jemand aus der Familie meinen Kassettenrecorder auf Aufnahme zu stellen.

SZaW: Sie als Jugendlicher, da stellt man sich einen versonnenen Menschen vor, der andere Platten hört als die anderen, auch anders aussieht. Waren Sie ein Sonderling?

Raabe: Ich war kein Sonderling und wollte keiner sein, ich war wie ich war und mittendrin. Ich habe zwar keine Pop-Platten gehabt, aber ich kannte Sachen wie Jethro Tull von meinem Bruder. Ich und mein Freundeskreis haben schon damals viel Big Band-Musik gehört, Jazz-Solisten, Karl Fontana, Four Freshmen, Herbolzheimer war so ein Thema . . . Diesen Freundeskreis habe ich immer noch. Heute sagen alle: Du hast dich im Grunde gar nicht verändert, du warst schon immer so konsequent mit Musik beschäftigt.

SZaW: Sie sind nie in schlechte Gesellschaft oder in Drogenorgien geraten? Es waren immerhin die Siebziger.

Raabe: In unserer Gegend konnte man gar nicht in schlechte Gesellschaft geraten, da war nichts. Oder ich war zu doof, es zu erkennen. Mein Bruder hat heimlich geraucht, das war's auch schon. Wie alle in unserer Gegend waren wir katholisch, vor dem Essen und Schlafen wurde gebetet, sonntags ging es in die Kirche. Ich war ein fleißiger Messdiener, in der Gemeinde aktiv, bei den Pfadfindern, fuhr auf Jugendfreizeiten. Ich war auch im Kinderchor, bei Bunten Abenden - und auf Jahresfeiern habe ich vorgesungen. Aber kein Mensch, am wenigsten ich, ist damals auf die Idee gekommen, dass das mal zu meinem Beruf werden würde.

SZaW: Ihr Lieblingsbuch ist "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz. Ein Sturm-und Drang-Roman. Er hat viele Parallelen zu Ihrem Leben, Herr Raabe ...

Raabe: ... ja, ich habe mich darin wiedererkannt. Er handelt von einem um Anerkennung bemühten Jungen aus der westfälischen Provinz, der die pietistische Welt seiner Eltern als kleinbürgerlich, bedrückend und eng empfindet, und der sein Glück in der Stadt auf der Theaterbühne versucht. Anders als Reiser hatte ich keine unglückliche Kindheit. Aber das Gefühl der Enge in der Gefühlswelt, auch so eine bestimmte Form der Eitelkeit, das kannte ich.

SZaW: Wann wussten Sie denn, dass Sie Sänger werden wollen?

Raabe: Mit 17, 18, 19 Jahren haben ich nur noch Schubert-Lieder gehört. '86 bin ich nach Berlin gegangen und habe viermal die Woche abends Gesangsunterricht genommen. Tagsüber habe ich in Gärtnereien gearbeitet oder Hausflure gewischt. Ich flog überall raus. Hatte ich es eingangs erwähnt? Ich bin sehr träge! Aber ich habe nie Arbeitslosengeld bezogen, nur sehr bescheiden gelebt.

SZaW: Das ging damals in Berlin wahrscheinlich sogar noch besser als heute, oder?

Raabe: Absolut. Meine Wohnung in Neukölln hat 110 Mark gekostet. In den Urlaub bin ich nach Italien gefahren, für eine Woche mit nur 30 Mark und Rei in der Tube im Gepäck. Ich habe unter freiem Himmel übernachtet, morgens meinen Rucksack versteckt und bin dann in Sakko, Hemd und geputzten Schuhen in die Stadt gegangen. Ich wollte nie abgerissen oder wie ein Tourist aussehen. Jeden Abend traf ich verrückte Leute. Ich bin von italienischen Familien rangefüttert worden wie ein seltener Vogel, habe tolle Abenteuer erlebt, auch amouröser Natur. So bin ich von Florenz bis Assisi gewandert.

SZaW: Waren Sie glücklich?

Raabe: Der glücklichste Mensch, den man sich denken kann.

Seit 2007 sind Sie der Kulturpreisträger Ihrer Heimatstadt Lünen.

Raabe: Ja.

SZaW: War das eine Genugtuung? Seht her, ich bin ausgezogen und habe geschafft, woran hier keiner geglaubt hat?

Raabe: Wenn ich lange komplett erfolglos und unbekannt gewesen wäre, dann vielleicht. Aber die zu Hause haben ja mitgekriegt, was mit mir passierte. Ich musste auch nichts beweisen, keine alten Rechnungen begleichen. Vielmehr war ich wahnsinnig verlegen.

SZaW: Hängen heute in Lünen in jedem Kiosk Bilder mit Ihrer Unterschrift?

Raabe: Die findet man vielleicht eher noch in Hamburger Würstchenbuden oder Münchner Wäschereien.

SZaW: Sind die Lünener denn nicht wahnsinnig stolz auf Sie?

Raabe: Ach, wir Westfalen sind eher nicht so wahnsinnig stolz auf irgendetwas.

SZaW: Aber was ist mit der Carnegie Hall?

Raabe: Meine Mutter kannte die Carnegie Hall gar nicht. Meine Eltern haben schon argwöhnisch betrachtet, dass ich die Künstlerlaufbahn eingeschlagen habe. Und dann geht der Junge noch nach Berlin . . .

SZaW: ... zu den Kriegsdienstverweigerern . . .

Raabe: ... das kann doch nicht gutgehen. Die Lünener machen heute kein großes Aufhebens, meine Eltern noch weniger. Die Haltung ist: Der soll mal gar nicht glauben, dass er so was Besonderes ist. Und das ist so herum auch besser.

Max Raabe wurde am 12. Dezember 1962 im westfälischen Lünen geboren; seinen Geburtsnamen Matthias Otto hat er abgelegt. 1986 ging er nach Berlin, um Sänger zu werden. Er gründete das Palast Orchester und trat auf kleinen Bühnen auf. Parallel ließ er sich an der Hochschule zum Opernsänger (Bariton) ausbilden. Seinen Durchbruch hatte er 1992 mit der Eigenkomposition "Kein Schwein ruft mich an". Marilyn Manson wünschte sich und bekam Max Raabe und sein zwölfköpfiges Orchester als Hochzeitskapelle für seine Trauung mit Dita von Teese. Mittlerweile spielt Raabe nicht nur in Deutschland vor ausverkauften Häusern, sondern auch in Japan, Russland und Amerika. Am 11.April 2008 erscheint das neue Album, ein Konzert-Mitschnitt namens "Heute Nacht oder nie - Das Carnegie Hall Konzert." Raabe lebt in Berlin.