Jüdische Identität:Unter Gaffern

Jüdische Identität: Nicht-jüdische Menschen in Deutschland, Symbolbild.

Nicht-jüdische Menschen in Deutschland, Symbolbild.

(Foto: mauritius images / Alamy / Bernh)

Streiten sich zwei Juden, freut sich der Deutsche. Ein Text über Maxim Biller, Max Czollek und die Chuzpe der Nicht-Juden.

Von Nele Pollatschek

Ich hatte ursprünglich einen enorm komischen Anfang für diesen Artikel: In diesem Anfang erkläre ich gleich im ersten Satz "der Aufrichtigkeit zuliebe", nicht jüdisch zu sein, kurz danach kommt aber raus, dass ich sehr wohl jüdisch bin und nur deshalb das Gegenteil behauptete, weil Maxim Biller auf einem Literaturfest vor einem guten Dutzend jüdischen Schriftstellern (unter anderem mir) sagte, er und Robert Menasse seien die einzigen jüdischen Schriftsteller im deutschsprachigen Raum. Und später in dem enorm komischen Anfang drücke ich Maxim Biller und Max Czollek an meinen knietief baumelnden Babushka-Busen und flüstere: "Bubele, keiner schriftstellert so jüdisch wie ihr." Wie gesagt, enorm komisch - aber dieser Anfang liegt seit ein paar Wochen auf meiner Festplatte in einem Ordner namens "Mach's nicht". Er liegt da, seit ein jüdischer Freund mit ungewohntem, unerwartetem Ernst sagte: "Wir sind in Deutschland" und "Die Deutschen verstehen nichts und geilen sich auf, wenn Juden sich streiten" und "Sei dir deiner Verantwortung bewusst".

Also schreibe ich einen anderen Artikel ohne enorm komischen Anfang und mit langwierigen Erklärungen, in dem unbequemen Wissen, dass man erstens als Deutscher und zweitens als Jude eine Verantwortung trägt.

Hier also die humorlose langwierige Erklärung.

Am 20. Juli dieses Jahres schrieb der Schriftsteller Max Czollek auf Twitter "Für Maxim Biller bin ich übrigens kein Jude. Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen. #patrilinear". Kurze Zeit später schrieb Maxim Biller einen Artikel, in dem er auf diesen Tweet Bezug nahm und die Aussage wiederholte, Czollek sei kein Jude, mit Verweis auf die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, nach dem Jude nur ist, wer eine jüdische Mutter hat, was auf Czollek nicht zutrifft. Der Streit eskalierte quer durch die Feuilletons. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, sprang Czollek zur Seite und beschrieb die Vorstellung, nach der das Judentum von der Mutter weitergegeben wird, als nicht zeitgemäß. Er verwies dabei auf die USA, wo auch sogenannte patrilineare Juden als vollwertige Juden gelten. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, schrieb in der Jüdischen Allgemeinen, wenn Czollek in der Öffentlichkeit als jüdischer Intellektueller zu jüdischen Themen spreche, segele er unter falscher Flagge. In der dritten Eskalationsstufe schrieb die patrilinear-jüdische Schriftstellerin Mirna Funk, Czollek habe ihr gegenüber vor fünf Jahren in einer privaten Unterhaltung behauptet, beide seine Eltern seien jüdisch.

Czollek wurden später vor allem in konservativen Zeitungen zwei Dinge vorgeworfen: 1) Dass er kein Jude sei, das aber behaupte. 2) Dass er unter Vortäuschung falscher Tatsachen eine Position und eine damit verbundene Autorität einnehme, die ihm nicht zustünden, und das in einem Land, in dem die Frage, wer eine jüdische Sprecherposition einnehmen dürfe, durchaus eine gewisse Relevanz habe. Als Reaktion auf diese Vorwürfe erschien zuletzt ein offener Brief, in dem 278 "jüdische und nicht-jüdische Kolleg*innen" ihre Solidarität mit Czollek bekundeten. In der dazugehörigen Pressemitteilung heißt es, dass Czollek "auf Basis einer haltlosen Unterstellung seine jüdische Identität abgesprochen wird".

Wie Maxim Biller mit rührender Beharrlichkeit anderen Menschen das Judentum abspricht: Not a good look

Nicht-jüdische Deutsche fühlen sich also bemüßigt, sich in die Debatte einzumischen, ob ein Mensch jüdisch ist oder nicht, und damit die Haltung des Zentralrats der Juden und zahlloser Rabbiner abzutun, nach der Czollek überhaupt gar keine "jüdische Identität" habe, die man ihm absprechen könne. Spätestens jetzt spricht man in Amerika von einem cluster fuck: einer chaotischen Situation, in der alles schiefgeht, verursacht durch Inkompetenz und Kommunikationsversagen.

Um das ganz deutlich zu machen: ich persönlich, als halachischer Jude, bin und war in der innerjüdischen Patrilinearitätsdebatte auf Seiten der Vaterjuden, weil ich es nicht fair finde, wenn Menschen Antisemitismus und wahrscheinlich Multigenerationstrauma bekommen und dafür nicht wenigstens auch Juden sein dürfen. Und ich finde es ist, wie die Amerikaner sagen, not a good look, wenn Maxim Biller mit rührender Beharrlichkeit anderen Menschen das Judentum abspricht. Es spricht doch für eine große Bedürftigkeit, wenn einer das Judentum immer gerade so definiert, dass nur noch er selbst (und eventuell der patrilineare Robert Menasse) übrig bleibt. Und ich finde es falsch, wenn ein Artikel eine private Unterhaltung vor fünf Jahren öffentlich wiedergibt, um zu behaupten, Czollek hätte sich eine unambivalent jüdische Identität angedichtet. Verjährte Privatunterhaltungen sind nicht verifizierbar - und das müssen in Zeitungen veröffentlichte Anschuldigungen sein. Generell können private Unterhaltungen auch einfach mal privat bleiben.

Hätte Max Czollek eigentlich einen weniger berühmten Juden erwähnt?

Außerdem sollte eine innerjüdische Unterhaltung über Patrilinearität geführt werden können ohne persönliche Angriffe auf Einzelne. Hier bin ich ganz bei Czollek, der auf Twitter schrieb, dass der Streit wichtig sei, er sich aber von "allen Beteiligten erwartet [hätte], dass dabei das Thema und nicht meine Person im Zentrum steht". Diese Position wäre übrigens noch überzeugender, wenn Max Czollek die Diskussion mit "man sollte noch mal über Pluralismus im Judentum reden" eröffnet hätte und nicht mit "Maxim Biller hat gesagt". Um einen von Czollek zitierten jüdischen Witz zu paraphrasieren: Chuzpe ist es, sich vor 35 000 größtenteils nicht-jüdischen Twitter-Followern über eine private Unterhaltung mit Biller aufzuregen und sich dann zu beschweren, wenn es persönlich wird.

Man fragt sich, ob Czollek einen weniger berühmten Juden namentlich erwähnt hätte, oder ob nicht auch eine gewisse Bedürftigkeit daraus spricht, sich vor einer durchaus linken Followerschaft mit einer Verletzung durch den großen jüdischen Anti-Linken zu schmücken. Wenn man Billers Kolumnen kennt, fragt man sich allerdings nicht, von wem Czollek diesen Trick hat. Und so könnte man vieles als ödipalen Kampf zweier Hähne, als circumcised cock fight abtun. Man könnte milde sagen "Na gut, ihr führt eitle Kämpfe, ich kann nicht auf einen enorm komischen Anfang verzichten, ohne darauf hinzuweisen, dass er enorm komisch war, nichts Bedürftiges ist mir fremd" - wäre all das nicht auf Kosten von Juden und patrilinearen Juden geschehen und wären wir nicht in Deutschland und wäre da nicht die Sache mit der Verantwortung.

Die Verantwortung verlangt Folgendes: Es gibt Menschen, für die ist die Patrilinearitätsdebatte wichtig. Kinder jüdischer Väter zum Beispiel, die in Deutschland aufgewachsen sind und all die Fremdheitserfahrungen machen mussten, die wir alle machen, die von Shoah-traumatisierten Menschen großgezogen wurden, die Antisemitismus erlebt haben, die all das ertragen mussten, von dem nur wir wissen, wie schwer es sich tragen lässt, um dann ausgerechnet von Juden zu hören, dass sie auch hier nicht dazugehören. Oder jüdische Männer, die mit nicht-jüdischen Frauen Kinder zeugen möchten und damit ringen, dass diese Kinder dann für andere, vielleicht sogar für sie selbst, keine richtigen Juden sind.

Das reale Schicksal jüdischer Deutscher wurde benutzt, um Politik zu machen

Auch wichtig ist die Patrilinearitätsdebatte für all jene Juden, für die Patrilineare einfach keine Juden sind, weil es seit Tausenden Jahren so ist, weil es jüdisches Gesetz ist und weil man zu viel Antisemitismus erlitten hat, um sich jetzt auch noch vom Antisemitismus sagen zu lassen, wer gefälligst Jude ist. Und wenn man jetzt patrilineare Juden und patrilineare Großvaterjuden zu Juden erklärt, kann dann jeder irgendwo einen Urahnen ausgraben und Jude sein, in einem Land, in dem nicht-jüdische Deutsche einen mit großen Augen anschmachten und gern jüdisch wären, weil sie dann endlich den langersehnten Schlussstrich ziehen dürften.

Auch das ist eine jüdische Position, die Empathie verdient. Und wir werden uns weiter darüber streiten, wie wir uns über vieles streiten, und manche werden sagen "in den USA ist es aber so", und andere werden sagen "die USA sind nicht das Land der Nürnberger Gesetze". Wieder andere werden Israel anführen, wo patrilineare Juden jüdisch genug sind, um ein Recht auf Staatsbürgerschaft zu haben, aber nicht jüdisch genug, um heiraten zu dürfen. Wir werden streiten, weil es für uns wichtig ist, und ich hoffe, dass wir es empathisch und verantwortungsvoll tun.

Aber natürlich hat man nicht nur als Jude eine Verantwortung, sondern eben auch als Nicht-Jude in Deutschland, manche würden sagen: eine größere. Um an diese Verantwortung zu erinnern, schreibe ich diesen Artikel, über eine Debatte, die innerjüdisch hätte geführt werden sollen, in einer nicht-jüdischen Zeitung, die sich bislang rausgehalten hat aus diesem Streit. Und ich schreibe nicht für oder gegen Czollek und Biller, über die ich mich aufrege, wie sich Juden manchmal über andere Juden aufregen, ohne dass das etwas an der Verbundenheit ändert, sondern für eine nicht-jüdische Öffentlichkeit, die ihre Verantwortung zu vergessen scheint. Aus dieser Verantwortung muss man sich fragen, ob man wirklich jede jüdische Fehde über Monate in deutschen Feuilletons austragen lassen muss. Ob man dem voyeuristischen Interesse einer nicht-jüdischen Öffentlichkeit nicht auch widerstehen können sollte. Ob Medien nicht vielleicht eine Sorgfaltspflicht haben, wenn nicht verifizierbare Anschuldigungen gegen Menschen mit Shoah-Hintergrund gemacht werden. Ob man jüdische Debatten instrumentalisieren darf, weil sie einen Menschen diskreditieren, der nicht die eigene politische Anschauung vertritt.

Die Solidarität mit einem Einzelnen darf nicht größer sein als die Solidarität mit jüdischer Selbstermächtigung

Diese Debatte, das reale Schicksal jüdischer Deutscher, wurde benutzt, um Politik zu machen. Erst von Czolleks Followern gegen den linkenkritischen Biller, dann gegen Czolleks linke Stimme, aber dann eben auch von konservativen Zeitungen, um mit "Wokeness" aufzuräumen, und zuletzt von den Unterzeichnenden der Czollek-Solidaritätsbekundung. Ja, Solidarität ist wichtig, aber die Solidarität mit einem einzelnen Linken, der einen Streit in die Öffentlichkeit trägt, darf in diesem Land nicht größer sein als die Solidarität mit jüdischer Selbstermächtigung. Dass konservative Medien jüdische Debatten instrumentalisieren, gibt nicht-jüdischen Linken nicht das Recht, jüdische Debatten zu instrumentalisieren oder sich an einer Debatte über jüdische Identität auf irgendeine Weise zu beteiligen.

Wer Jude ist, das bestimmen Juden, mit allem Streit, allen Ambivalenzen, aller Bedürftigkeit, mit großen Verletzungen und hoffentlich großen Versöhnungen. Nicht-Juden müssen hier schweigen. Chuzpe ist es, als Nicht-Jude hier mitzumeinen und zu glauben, das sei Solidarität. Es ist ein merkwürdiges Verständnis von Solidarität, das Nicht-Juden sich das Recht anmaßen lässt, öffentlich zu bestimmen, wer eine jüdische Identität hat, 86 Jahre nach Erlass der Nürnberger Gesetze. Für Deutsche, für Nicht-Juden und gerade für Linke ist das not a good look.

© SZ/hert
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