Matthias Nawrat: "Reise nach Maine":Du drehst dich im Kreis

An autumn view up Main Street in Camden, Maine. (Clarence Holmes)

Bis nach Camden in Maine tragen in Matthias Nawrats Roman ein Schriftsteller und seine Mutter ihre alten Konflikte.

(Foto: imago images/Clarence Holmes)

Mutter und Sohn machen einen Roadtrip an der amerikanischen Ostküste. Matthias Nawrats Roman über eine Reise, die eigentlich ein Liebesbeweis werden sollte.

Von Jutta Person

"Im Sommer 2018 brach ich mit meiner Mutter zu einer Reise in die USA auf." Dieser stocknüchterne, ein bisschen langweilige, gänzlich undramatische Erstsatz verdeckt so etwas wie einen schwer zu löschenden Flächenbrand, denn er enthält mindestens vier Komponenten, die unter der Oberfläche miteinander reagieren: Sommer, Mutter, ich und USA. Der Sommer 2018, das waren unendlich heiße Wochen eines vorpandemischen Jahres, in denen man überall auf der Nordhalbkugel geplättet nach Schatten suchte.

In dieser Sommerhitze lässt der Schriftsteller Matthias Nawrat einen etwas stoffeligen Schriftsteller mit seiner dynamischen Mutter an der amerikanischen Ostküste entlang reisen - ein literarischer Roadtrip, auf dem der Ich-Erzähler Land und Leute von New York City bis ins Küstenstädtchen Camden, Maine, mit kleinen, präzisen Skizzen porträtiert und sich dabei selbst als Teil einer Familiengeschichte beobachtet, die vermeintlich undramatisch ist, aber voller Tücken steckt.

"Aber ich kann doch nicht die Einzige sein, die ständig etwas erzählt"

Genauer gesagt, steigert sich die Reise zu einem anfangs verhaltenen, dann immer deutlicheren Pingpong passiv-aggressiver Signale - wobei so eine Zuspitzung der Mischung aus "anstrengend, aber doch auch schön" nicht gerecht würde, die diese Mutter-Sohn-Reise kennzeichnet. Der Schriftsteller protokolliert nicht nur seine Wut, sondern auch die Freude darüber, wenn der Mutter etwas gefällt; er lässt sich von ihrer jugendlichen Begeisterung anstecken, fürchtet sich vor ihrem Pragmatismus oder stellt sich ihre Jugend in Polen vor. Gleichzeitig ist aber auch die mütterliche Vorwurfs- und Klagemechanik am Werk. "Sie behauptete seit einigen Jahren immer wieder, dass weder mein Bruder noch ich gern Zeit mit ihr verbrachten, dass niemand von uns sie wirklich möge." Auch deshalb wird diese Reise unternommen, als Gegenbeweis gewissermaßen. Aber die alten Schnappmechanismen - sie die Leidtragende, er der Erpresste - lassen sich natürlich nicht so leicht aushebeln. Du drehst dich im Kreis, kontert er irgendwann, aber das gilt natürlich auch für ihn selbst.

Von Anfang an bestimmen besondere Umstände den emotionalen Verlauf: Der Sohn hatte eigentlich nur an eine Woche gedacht, aber er wird von der Mutter "ausgetrickst" und deshalb verdoppelt sich die gemeinsame Zeit; nach einer Woche New York nehmen sich die beiden einen Mietwagen, um an die Küste des Bundesstaates Maine zu fahren. Dazu kommt, dass sich die Mutter gleich am ersten Tag verletzt: Sie stolpert in der Airbnb-Wohnung über einen Hocker und stürzt aufs Gesicht, die Nase scheint gebrochen. Im Krankenhaus von Brooklyn wird sie zwar erstversorgt, viel mehr passiert aber auch nicht, und weil die patente Mutter den physischen Schmerz anscheinend gut wegsteckt, geht der Urlaub weiter, begleitet von den mitfühlenden bis ehrlich besorgten Nachfragen wildfremder Menschen, ob in der New Yorker U-Bahn oder unterwegs in New Hampshire.

Matthias Nawrat: "Reise nach Maine": Matthias Nawrat: Reise nach Maine. Roman. Rowohlt Verlag: Hamburg 2021. 218 Seiten, 22 Euro.

Matthias Nawrat: Reise nach Maine. Roman. Rowohlt Verlag: Hamburg 2021. 218 Seiten, 22 Euro.

Der Motelbesitzer, die Kassiererin, der Künstler Mike oder die schwarze Chirurgin Maurice, bei der sie in Camden wohnen: Sie sind natürlich Zufallsbekanntschaften, aber zusammen ergeben sie ein uramerikanisches Alltagspanorama, das lange nachwirkt, gerade weil Matthias Nawrat alle Begegnungen wie nebenbei und aus dem Augenwinkel skizziert. Dieser Sensor für atmosphärische Feinheiten und vermeintlich Nebensächliches wirkt sich auch auf die Wahrnehmung der Umgebung aus: "Ein flüchtiges metallisches Hämmern drang an mein Ohr, dann das Geräusch eines aufdrehenden Motors aus einem der Gärten." Wie solche unterschwelligen Geräusche allmählich hochdrehen, zeigt sich dann auch in den Mutter-Sohn-Dialogen - und damit nochmal zurück zum passiv-aggressiven Pingpong. Er wirke schlecht gelaunt und erzähle nie, was ihn beschäftige, meint die Mutter. "Ich muss mich aufs Fahren konzentrieren", antwortet der Sohn. Sie: "Aber ich kann doch nicht die Einzige sein, die ständig etwas erzählt." Er: "Ich habe gerade nichts zu erzählen."

Solche Dauerschleifen setzt die "Reise nach Maine", die sich als Roman tarnt, voller Lakonie und Komik in Szene. Nawrat, der wie sein Ich-Erzähler polnische Eltern hat und in Bamberg aufwuchs, tariert diese spezielle Form der Feinfühligkeit, die Ausschläge sowohl ins Melancholische als auch ins Versponnene kennt, in seinen Romanen immer neu aus, zuletzt in "Der traurige Gast" (2019) - einem Roman über einen empfindsamen Schriftsteller, der während des Attentats am Berliner Breitscheidplatz die Stadt und andere verloren wirkende Menschen beschreibt.

In "Reise nach Maine" gibt es einen Moment, in dem der Sohn über den Geruch der mütterlichen Handcreme nachdenkt, die in ihm sowohl Abwehr ("vielleicht sogar Ekel") als auch Mitgefühl und Zuneigung auslöst. In ihren ersten Jahren in Deutschland hat die Mutter in einer Wäscherei und im Altenheim gearbeitet, seither ist sie allergisch auf einige Seifen. Auch jetzt, in Rente, cremt sie die Hände mehrmals täglich ein, was die Haut gepflegt wirken und glänzen lässt, wie der Sohn registriert. Aber ganz egal, wie gepflegt die Hände jetzt auch sind: Man muss an geradezu archaisch zerschundene Mutterhände denken, an den ganzen Terror von Aufopferung, Pflicht und Fürsorge. Dieser Kreislauf, den Nawrat mit lapidarer Raffinesse untersucht, hat auch seine tragikomischen Seiten, wenn etwa der Sohnespyjama wieder gefaltet auf dem Kopfkissen liegt. Das Karussell dreht sich immer weiter, der Schriftsteller weiß das und setzt sich zum Schreiben ins Café - zum Glück.

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