Süddeutsche Zeitung

Matthew Barney: Ancient Evenings:Einlass in die Unterwelt

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"Das ist unser Rom, hier gehen wir unter": Performance-Künstler Matthew Barney verwandelt Detroit in eine Mythenwelt und führt sein Publikum in die Abgründe der Stadt. Es ist Ausdauertest und Offenbarung zugleich.

Jörg Häntzschel

Mit seinem "Cremaster"-Zyklus und seinem letzten Film "Drawing Restraint 9" hat Matthew Barney Bilder- und Mythenwelten geschaffen, die elaborierter und betörender sind als das Meiste, was es in Film oder Kunst derzeit gibt. Der Ausdauertest, den er selbst und die Zuschauer zu bestehen hatten, gehörte dazu. Doch mit "Khu", dem zweiten Akt seines Performance-Zyklus "Ancient Evenings", den er gemeinsam mit dem Komponisten Jonathan Bepler am Samstag im industriellen Wasteland von Detroit aufführte, hat er sich selbst übertroffen.

"Wir haben überlebt!" riefen sich die 200 überwältigten Zuschauer - Sammler, Galeristen, Museumsleute - über dem Donnern von fünf Hochöfen zu, während sie vom letzten Schauplatz der neunstündigen Tour de Force stolperten. Und sie meinten nicht nur die 25 Tonnen kochenden Stahls, der ihnen eben beinahe um die Ohren geflogen wäre.

"Ancient Evenings" beruht lose auf dem gleichnamigen Roman von Norman Mailers gleichnamigem Roman. Mailer, dessen "Executioner's Song" schon die Vorlage von "Cremaster 2" war, und der dort den Zauberer Harry Houdini spielte, erzählt in dem undurchdringlichen Buch die Geschichte der dreifachen Reinkarnation von Menenhetet I, einem Ägypter zur Zeit der Pharaonen.

Jeder der sieben Akte von Barneys Zyklus ist einem der Stadien gewidmet, in denen nach der ägyptischen Mythologie die Seele den toten Körper verlässt. Die Handlung selbst folgt dem Mythos von Isis und Osiris, dem ägyptischen Gott des Jenseits und der Wiedergeburt.

Nicht er selbst ist hier aber der Protagonist, sondern sein Körper, ein 1967er Chrysler Crown Imperial, der in "Cremaster 3" siegreich aus dem Demolition Derby im New Yorker Chrysler Building hervorgegangen war und in "Ren", dem ersten Akt der "Ancient Evenings", der vor zwei Jahren in Los Angeles aufgeführt wurde, einen grausamen Tod stirbt: In einem Chrysler-Showroom riss eine Baumfällmaschine seine Karosserie in Stücke.

Doch wie immer bei Barney lagert sich um das mythologische Grundmotiv von Werden und Vergehen ein dichtes Geflecht verwandter Mythen an: Da ist die Geschichte von Houdini, dessen berühmter Detroiter Brückensprung hier von einem ins Wasser stürzenden Pontiac Trans Am wiederholt wird.

Da ist "The Death of James Lee Byars", dessen goldene Todeskammer Barney sich hier in einem Notarztwagen einrichtet. Da ist das Gold von Midas. Und natürlich der Mythos von Detroit selbst, der wahren Hauptdarstellerin: Labor kapitalistischer Produktivität, Geburtsmaschine von Amerikas industrieller Macht, heute eine zerfledderte Untote in den Weiten der Great Plains.

Eskortiert von zwei Scharfschützen der Detroiter Polizei gehen die Zuschauer nun auf eine Reise, die teils Prozession ist, teils Geiselnahme, teils Unterweltfahrt. Kaum hat die Buskolonne die ersten Blocks zurückgelegt, erscheint die verlassene Innenstadt wie erträumt von Barneys Imagination. An einem ausgehöhlten Wolkenkratzer prangen Pharaonenbilder; an einem Haus, dessen Dach eingesackt ist, zeugen ikonographische Relikte - Zirkel, Hammer, Zahnräder - die aus den "Cremaster"-Filmen stammen könnten, von der untergegangenen Arbeiterkultur.

Ein überwältigendes Balett der Verbrennungsmotoren

Und dann erreichen wird die seit 20 Jahren vergeblich auf den Zug wartende Michigan Central Station, den 18 Stockwerke hohen Bahnhofs-Tempel mit seinen Wartesälen, die pompejischen Bädern nachempfunden sind. Er steht so rätselhaft in der Steppe wie die Pyramiden. "Das ist unser Rom, hier gehen wir unter", sagt eine Mitfahrerin.

Wir werden in eine alte Leimfabrik geführt. Sieben Arbeiter bauen hier Geigen aus Stahl. Und sobald eine fertig ist, beginnt ein Violinist sein Spiel. Bis schließlich Belita Woods von den P-Funk All Stars der Kakophonie ein Ende macht. "What are those two rivers, Magic-Man? / They are the Rouge and the Detroit", hebt sie zu ihrer hinreißenden Ouvertüre an. "Who are those two kings, Magic-man? / They are the Trans American and the Crown Imperial."

Gerne bliebe man noch bei den Arbeitern, die sich hinter der Fabrik am Feuer wärmen. Doch am Dock wartet ein Lastkahn, der die Zuschauer nun den River Rouge hinaufbringt. Oder ist es der Nil? Der Styx? Kohlehalden säumen den toten Fluss, gelber Qualm leuchtet giftig über Schloten, und das einzige Lebenszeichen stammt von einem Güterzug in der Ferne. Hier ist die Apokalypse schon alte Geschichte.

Doch irgendetwas ist passiert. Polizeiwagen mit Blaulicht stehen am Ufer, das FBI ist da, Spezialisten in weißen Overalls, die das Gebüsch absuchen, sogar ein Boot von der Homeland Security. Schließlich preschen vier Schnellboote heran und umkreisen zum atemlosen Warnsirenenchor der auf ihnen postierten Bläserensembles die Szene. Der Hubschrauber, auf dem eine der vielen Kameras postiert ist, mit dem Barney das Geschehen den ganzen Tag über filmt, knattert immer wieder im Tiefflug über den Kahn. Es ist ein überwältigendes Ballett der Verbrennungsmotoren.

Vier lebende Schlangen aus einer Plastiktüte

Was die Detektive schließlich mit dem Schiffskran aufs Deck hieven, ist ein riesiges muschelverkrustetes Bündel: die sterblichen Überreste des Crown Imperial, Osiris' Körper, den seine Schwester Isis, die Chefin der Spurensicherung und die Polizistinnen nun in berückenden Arien beweinen. Isis, gespielt von der Cremaster-Veteranin Aimee Mullins, die seit der Amputation beider Unterschenkel auf Karbon-Hufen geht, entlässt schließlich vier lebende Schlangen aus einer Plastiktüte in den aus dem Wrack geborgenen Motorblock, lässt ihre Hose herunter und setzt sich zu einem Liebesakt auf das schlammige Metall.

In New York war es noch schwülwarm. Hier, auf dem Kahn ist der Herbst schon vorüber. Zitternd drängen sich die Zuschauer in ihren Wegwerf-Ponchos in die warme Diesel-Abluft des Stromgenerators. Nur Barneys Frau Björk stapft in Bergstiefeln zufrieden über das Deck. "This is a crime scene!" herrscht sie eine der Kommissarinnen an, die mit blauen Latexhandschuhen im Schlamm nach den inneren Organen des Autowracks graben.

Eine Stunde lang ist der Kahn unterwegs, bis in der Dämmerung am Horizont die fünf Türme der Detroit Steel Docks auftauchen. Dutzende von Stahlarbeitern mit Helmen, Gasmasken und Schutzanzügen befeuern dort fünf Hochöfen, aus deren Schloten fauchend die Flammen schießen. Vor den Öfen haben sie in einer Erdmulde Kanäle für den flüssigen Stahl gebaut, die in einer Gussform münden, die ein ägyptisches Symbol darstellen könnte - oder ein Auto-Chassis.

Während die Stahlkocher im Glutregen in den Öfen stochern, dirigiert Bepler ein grandioses Konzert der Schwerindustrie. Zwei Arbeiter werfen im Rhythmus Felsbrocken in Container. Zwei andere schlagen auf Drahtseile, die hier zu einer gigantischen Harfe gespannt sind. Und auf den Erdhügeln zu beiden Seiten der Öfen haben sich Bläser und Sänger aufgestellt, die mit ständig wachsender Vehemenz mit den Öfen singen und gegen sie an. Die Szene könnte wagnerhaft-pathetisch wirken oder kitschig wie bei André Heller, doch nicht eine Sekunde lang gerinnt das Bild. Dazu wird hier viel zu hart gearbeitet.

Nach zwei Stunden in gnadenlosem Wetter sind alle am Ende ihrer Kräfte: Die Sänger können ihren Mund kaum noch bewegen, den Perkussionisten spritzt bei jedem Trommelschlag das Wasser ins Gesicht, das Publikum ringt mit der Verzweiflung. Doch ohne diese Qual hätte man die Welle aus Wärme nicht gespürt, die einem ins Gesicht schlägt, als sich nun im grandiosen Finale endlich die Öfen öffnen und in sprudelnden Bächen ihr Metall ejakulieren, ein Orgasmus, in dem Detroit sich endlich ganz hingibt.

An den rußigen Türmen rinnt in breiten Schlieren Gold hinunter. Nur der tote Osiris muss weiter auf seine Erlösung warten. Sein "Khu", das in Form eines Geiers gen Himmel fliegen sollte, bleibt wegen Explosionsgefahr bis zum nächsten Akt von "Ancient Evenings" in dem Ford Crown Victoria gefangen, der mit Blaulicht an der Rampe parkt.

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Quelle:
SZ vom 05.10.2010
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