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Jazzkolumne:Kosmopolitenklänge

Mathias Modica

Mathias Modica, Labelchef von Gomma, Kryptox und Toy Tonics.

(Foto: David Bornscheuer)

"Berlin hat mit Techno inzwischen ein ganz ähnliches Problem, wie Buenos Aires mit dem Tango": Mathias Modica über sein Label für neuen Jazz aus Deutschland und die 25-Jährigen, die diese Musik jetzt hören.

Von Andrian Kreye

Kryptox ist ein neues deutsches Jazzlabel, was vor allem eine geografische Definition ist. Berlin, München und Frankfurt, wo die meisten Produktionen herkommen, sind Städte, die jede für sich einen kosmopolitischen Weltgeist pflegen, der so etwas wie der Humus für den Jazz der Gegenwart ist. Und es war schon lange fällig, dass sich jemand um den neuen Jazz kümmert, der da aus der Mitte Europas kommt und ein ähnlich klares und gleichzeitig offenes Profil hat wie in London, Los Angeles oder New York. Es musste halt nur jemand in die Hand nehmen. Das ist in diesem Fall der Produzent, Labelchef und Musiker Mathias Modica. In anderen Ländern funktionierte das in den vergangenen Jahren auch nur deshalb so gut, weil es ein paar Schlüsselfiguren gab, die das zusammenhalten. Der DJ Gilles Peterson und der Saxofonist Shabaka Hutchings in London. Die Produzenten Terrace Martin und Flying Lotus in Los Angeles. Die Pianisten Robert Glasper in New York und Nduduzo Makhathini in Johannesburg.

Wie jeder Charismatiker weiß auch Modica, wie er einem innerhalb von Sekunden das Gefühl vermittelt, irgendwie dazuzugehören zu seinem Kosmos aus extrem angenehmer Musik, Kunst, Clubkultur, dieser lässigen Mischung aus Münchner Lustleben und Berliner Tiefgründigkeit. Das ist bei ihm alles biografisch verankert. Er hat in München, Berlin, Rom, Paris und Marseille gelebt, mit seinem ersten Label Gomma und seiner Gruppe Munk den Münchner Disco-Geist wiederbelebt, mit seinem zweiten Label Toy Tonic der House Music den fiesen Stachel genommen, Ausstellungen organisiert, Grafikkunst gemacht. Er meldet sich aus seinem neuen Büro im Ruffinihaus, "gleich über dem Café, in dem früher immer die SZ-Leute ihren Espresso getrunken haben". Genau.

"Jazz hat plötzlich die unter 25-Jährigen begeistert. Für die ist Techno schon wieder langweilig"

Die Idee für Kryptox kam ihm in Berlin. "Unglaublich, wie viele Musiker da hingezogen sind." Gleichzeitig mache sich in der zweiten Hälfte der Zehnerjahre dieser neue Hunger nach Live-Musik breit. "Jazz hat plötzlich die unter 25-Jährigen begeistert", sagt er. "Für die ist Techno schon wieder langweilig." Und ja auch nichts Neues mehr. Im Gegenteil. "Berlin hat mit Techno inzwischen ein ganz ähnliches Problem wie Buenos Aires mit dem Tango." Zu viel. Zu viel dasselbe. In Neukölln aber, wo er wohnt, seit er aus Marseille nach Deutschland gezogen ist, "da gibt es um mich herum lauter Jazzclubs, vor denen die Kids mit den Nike Caps und den Balenciaga-Schuhen stehen". Auch weil beim Techno eher die 45-jährigen herumhängen.

Das mit dem Jazz war aber nicht nur so ein Gespür für den Zeitgeist im nächtlichen Untergrund. Mathias Modica ist Sohn des zeitgenössischen Komponisten Robert Maximilian Helmschrott. Nach der Schule hat er dann an der Musikhochschule erst mal Jazzklavier beim russischen Pianotitan Leonid Chizhik studiert. Es war also durchaus eine biografische Konsequenz, Kryptox zu gründen.

Seit drei Jahren gibt es das Label jetzt. Ein stattlicher Katalog ist schon zusammengekommen. Am vergangenen Freitag erschien "Kraut Jazz Futurism Vol. 2", der zweite Überblick über eine Szene, die ähnlich wie in London eher eine Haltung zum Rhythmus und zum Klangbild vereint, als ein strenges Stilformat. Modica bringt das so auf den Punkt: "Es gab schon immer Jazz mit Walking Bass und Jazz mit ostinatem Bass." Den Jazz mit Walking Bass, also das, was man gemeinhin als Jazz versteht, mit Swing und Synkopen. Das Ostinato ließ den Musikern ab den späten Sechzigerjahren dafür immer schon viel Freiheit in alle Richtungen.

So funktioniert Jazz jetzt schon ein halbes Jahrhundert lang. Offen. Nach allen Seiten.

Hier ein paar Kryptox-Alben zum Einstieg, das zeigt schon mal die Bandbreite: "Pheremon Crumble Wax" von Karaba aus München. Die nehmen den Faden auf, den die Krautrocker von Embryo rund um die Welt gespannt haben, improvisieren sich in Jamband-Besetzung durch exotische Tonsysteme, was auf dem Fundament von zwei Schlagzeugern eine extreme Leichtigkeit bekommt. "Erdtöne" von Niklas Wandt, Schlagzeuger und Elektroniker aus Köln. Macht die Sorte elektronische Musik, die früher immer so ausuferte, aber mit dem richtigen Rhythmusgespür jetzt sehr viel schlüssiger geworden ist. "Relief" von dem Saxofonisten Ralph Heidel aus Berlin. Spannt den Bogen zu jener zeitgenössischen Musik, die sich in den Harmonien wiedergefunden hat, was über den reduzierten Rhythmusspuren des Schlagzeugers Noah Fürbringer eine sehr eigene Qualität entwickelt.

Und dann natürlich die beiden "Kraut Jazz Futurism"-Sampler, die ähnlich wie die London-Sampler von Peterson und Hutchings als eine Art Lexikon der Vielfalt zu verstehen sind. Zu ungenau? Richtig. "Zwanzigjährige können sich heute auf Youtube innerhalb von Tagen ein musikalisches Wissen aneignen, für das man früher Jahre brauchte. Das geht alles nicht mehr in Schubladen", sagt Mathias Modica. Ist auch ein Ostinato, aber - so funktioniert Jazz jetzt schon ein halbes Jahrhundert lang. Offen. Nach allen Seiten.

© SZ/biaz
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