Dieses Jahr ist ein Jammer für Leute, die schwere und harte Musik mögen. Da war dieses wirklich allerletzte Abschiedskonzert von Ozzy Osbourne, dem ganz kurz darauf die Meldung seines wirklich endgültigen Ablebens folgte, und das war in sich ja schon ein ziemlicher Doppelbasstrommelschlag, wenn auch ein absehbarer. Aber wer trat in der langen Liste der kondolierenden Bands auf diesem Konzert als Erstes auf? Mastodon aus Atlanta in Georgia. Und zwar im Ernst ohne ihren Gitarristen Brent Hinds, sondern mit irgendeinem Ersatz.
Das hat den Tag von Anfang an gleich noch viel trauriger gemacht. Denn als im März die Meldung kam, Mastodon hätten sich im tiefsten gegenseitigen Einverständnis von ihrem Lead-Gitarristen Brent Hinds getrennt, vulgo: ihn gefeuert, da war das zunächst mal kaum zu glauben. Die international (und auch in diesem Feuilleton) hochgelobte Progressive-Metal-Band wurde selbst langjährigen Fans schlagartig zum Rätsel. Brent Hinds war doch ein so integraler Bestandteil dessen, was Mastodon so besonders machte, dass man den gar nicht rausschmeißen konnte. Es kam einem vor wie eine Amputation nicht des Kopfes, sondern schlimmer noch: des Herzens.
Je mehr sich diese Band aus dem selbstzusammengepanschten Klangmorast von Hardcore und Sludge Metal hochzog in trockenere und melodischere, auch populärere Gefilde, desto präsenter wurde einem eigentlich der Mann, der immer aussah wie eine mürrische Oma mit Bart und dem Reifenabdruck eines Traktors auf der Stirn. Das Gesichtstattoo war so prägnant und eigenwillig wie sein Gitarrenspiel. Die anderen drei waren eine kompakte Rhythmusgruppe. Angesichts des hyperkomplexen Schlagzeugspiels von Mastodon könnte man auch sagen: eine Polyrhythmusgruppe. Aber Hinds, der zuschauerseitig gesehen immer links auf der Bühne stand, war mit seiner Gitarre sozusagen das Ventil, wo dieser ganze eng gepresste Überdruck ins Freie pfeifen und kräuselnde Klangwolken bilden konnte.
Dass musikalische Zentrifugalkräfte auf Bret Hinds gewirkt haben, konnte man sehen und hören
Man musste Hinds’ strengem Vater dankbar sein, dass er ihm, bevor er Gitarre lernen durfte, erst einmal ein Banjo verordnet hatte. Diese ganze kernamerikanische, mitunter als hillbillyhaft geltende Virtuosität auf Gitarrensaiten hat den Metal von Mastodon enorm bereichert und überraschend gemacht – von dem Surfgitarren-Wahnsinn, der mitten in dem Stück „Divinations“ von 2009 unvermittelt das Regime übernimmt, bis zu dem mississippibreit herumgurgelnden Blues, aus dem sich auf dem letzten Mastodon-Album irgendwann das zu Recht so genannte Stück „The Beast“ entwickelt.
Dass musikalische Zentrifugalkräfte auf diesen Mann gewirkt haben, konnte man sehen und hören. Er wirkte auf Konzerten oft ein bisschen für sich, wie eingesponnen in sein Tun auf der Gitarre, und seinen Gesang, live jedenfalls, hörte man kaum, weil er eher in ihn hineinzugehen schien als aus ihm heraus. So viele Nebenprojekte wie er hatte kein anderes Bandmitglied, und die EP „Cold Dark Places“ von 2017 sollte wohl offenbar zuerst sogar ein Soloprojekt werden, weil die Musik, die Hinds dafür geschrieben hatte, in seinen eigenen Worten ein bisschen melancholischer und gleichzeitig irgendwie nach dem Pop der Bee Gees klänge.
Hinds hat in dieser ohnehin sehr den psychedelischen Drogen zugeneigten Band am wenigsten einen Hehl daraus gemacht, wie zentral der Genuss von Rauschmitteln – vor allem psychedelischen wie Pilzen und LSD – für ihn und seine Arbeit sei. Alkohol spielte aber vermutlich auch keine ganz unbedeutende Rolle bei den Exzessen und Prügeleien, mit denen Hinds sogar am Rande von Grammy-Verleihungen für seine eigene Band Schlagzeilen machte.
Ob der Rauswurf mit Eskapaden im Lebenswandel zu tun hatte? Er war 25 Jahre lang mit Mastodon dauernd entweder im Studio oder auf Tour. Viele Ehepartner verbringen weniger Zeit miteinander und halten es schon früher nicht mehr aus. Die Trennung war keine im Frieden. Das hatte Hinds gerade in den letzten Tagen erst in Social-Media-Kommentaren noch einmal bitter deutlich gemacht.
Brent Hinds’ „Mastodon“ war eine Band, die einem von Freunden empfohlen wurde, die noch an Weiterbildung glauben
Nun ist er am späten Mittwochabend auf seiner Harley-Davidson daheim in Atlanta tödlich verunglückt. Keine Eskapaden, keine Pilze, kein Acid, keine Trunkenheit, soweit das aus den bisherigen Meldungen hervorgeht, sondern: Die Fahrerin eines SUV hat ihn beim Abbiegen geschnitten. Er sei noch am Unfallort verstorben. Er war erst 51 Jahre alt.
Brent Hinds’ Mastodon war eine Band, die einem von Freunden empfohlen wurde, die noch an das Konzept Weiterbildung glauben. Der Freund, von dem der Autor sie einst empfohlen bekam, kommentiert nun in einem ersten Krisengespräch: Das wäre ohne den Rauswurf nicht passiert, denn dann hätte Hinds jetzt nicht daheim auf seinem Motorrad gesessen, sondern mit den anderen im Tourbus.
Hinds’ eigene, ehemalige Band hatte auf ihrem letzten Album das ergreifendste Trauerstück der jüngeren Musikgeschichte hinterlassen. Was bei Bachs „Erbarme Dich“ der Klagesang der Violine ist, ist bei „Gigantium“ Hinds’ Gitarre. Dieser gigantische Gitarrist hätte es verdient, mit nichts anderem als dem majestätischen Schluss-Solo aus diesem Stück in den Musikerhimmel zu fahren. Aber der Einzige, der das so spielen konnte, war nun mal Brent Hinds selbst.



