Im Kino: "Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings":Prügelei im Märchenwald

Lesezeit: 3 min

Will Spaß. Kriegt er auch. Simu Liu als Kampfkünstler Shang-Chi. (Foto: Jasin Boland/Disney Studios/Marvel Studios/dpa)

Jetzt auch mit asiatischen Hauptdarstellern: Das Marvel-Superhelden-Geraufe geht in eine neue Runde.

Von Doris Kuhn

Sie sind Nichtsnutze. Katy und Shaun, beste Freunde, wohnen in San Francisco, arbeiten tagsüber für ein Upscale-Hotel, indem sie die Autos der Gäste ins Parkhaus fahren, nachts trinken sie die lokalen Karaokebars leer. Hinweise auf den Ernst des Lebens winken sie ungerührt durch, Autoabstellen ist ihnen beruflich anspruchsvoll genug, da sind sie sehr entschieden. Für den Film "Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings" treibt das die Erwartungen nach oben: Diese zwei wollen Spaß. Den wird man mit ihnen teilen.

Der Spaß explodiert schnell in alle Richtungen, der Film legt Tempo und Wandelbarkeit vor, dass man kaum hinterherkommt. Es beginnt im öffentlichen Personennahverkehr, in einem Bus, in dem die Freunde verkatert herumstehen, als ein Trupp Schläger auftaucht und Shaun zwischen Sitzen, Stangen, Halteschlaufen in einen brutalen Fight verwickelt. Im Getümmel streiken die Bremsen, der Busfahrer auch, Katy übernimmt das Steuer, der ganze Bus zerbricht in voller Fahrt. Man sieht auf engstem Raum eine Kampfchoreografie von atemberaubender Präzision, bei der Regisseur Destin Daniel Cretton zusätzlich ein Geheimnis lüftet: Shaun ist eigentlich ein unbezwingbarer chinesischer Martial-Arts-Held namens Shang-Chi, der sich auf der Flucht vor seinem noch unbezwingbareren Vater befindet.

Virtuose Actionszenen haben die Marvel-Studios inzwischen perfektioniert, auch unter erschwerten Bedingungen, wie im öffentlichen Personennahverkehr. (Foto: Walt Disney Pictures - Marvel Studios/imago images/Prod.DB)

In diesem Vater versammelt sich der übliche Unfug des Marvel-Universums, er ist also finsterer Schurke einerseits, der seit Generationen ganze Völker unterwirft, unsterblich durch die Kraft von zehn magischen Armreifen. Andererseits lässt er sich von einer zauberischen Kampfkünstlerin zähmen, mit der er zwei Kinder zeugt und friedlich bleibt, bis zu ihrem frühen Tod. Den Schmerz darüber steckt er ins Kung-Fu-Training des Nachwuchses und in eine zackige Wiederaufnahme seiner Verbrecherlaufbahn. Der Film erzählt von der Hassliebe der Kinder zu ihrem Vater, die mal gegen ihn kämpfen, dann wieder mit ihm. Ihr übergeordnetes Motiv ist die Rettung Chinas vor bösen Mächten, die den Menschen die Seelen rauben, oder noch größer, die Rettung der Welt - so viel ist das Mindeste bei einer Verfilmung von Comics aus dem Hause Marvel.

Zum ersten Mal werden in einem Marvel-Film die Hauptrollen von asiatischen Schauspielern übernommen

Man kann den Film gut anschauen, ohne Kenntnis der Marvel-Welten zu haben. Der Grund, warum man den Namen hauptsächlich erwähnen muss, liegt in der Besetzung: Zum ersten Mal werden in einem Marvel-Film die Hauptrollen von asiatischen Schauspielern übernommen, oder von solchen mit asiatischen Wurzeln. Da wurde gleich ordentlich geklotzt, Destin Daniel Cretton, selbst Amerikaner aus Maui, Hawaii, hat zwei der frühen Talente des Hongkong-Kinos geholt, Tony Leung und Michelle Yeoh. Gesichter und Bewegung der beiden lassen den Zauber eines altmodischen Martial-Arts-Genres aufleben, gerade Michelle Yeoh erinnert mit ihrem raumgreifenden, fließenden Kampfstil an ihre Präsenz in Ang Lees "Tiger & Dragon" vor zwanzig Jahren.

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Hier geben sie Schurkenvater und Heldentante, ihnen gegenüber stehen Simu Liu als Shang-Chi und Awkwafina als Katy, beide junge, urbane Comedy-Stars. Simu Liu ist Kanadier, Sohn chinesischer Immigranten, die Legende sagt, er habe die Rolle von den Marvel-Studios auf eine simple Twitter-Anfrage hin bekommen. Awkwafina wiederum, bürgerlich Nora Lum, kann so ziemlich alles, vom ironischen Rap-Imitat bis zur Entwicklung halbbiografischer Sitcoms wie "Awkwafina is Nora from Queens", und holte zudem 2020 als erste asiatisch-amerikanische Schauspielerin einen Golden Globe für ihre Hauptrolle in der Tragikomödie "The Farewell".

Es fließt also viel personeller Ruhm in "Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings" ein, was auf der Leinwand durchaus sichtbar wird. Die Schauspieler nehmen ihre Superhelden-Aufgabe ernst, selbst Awkwafina wird im Notfall zu einer Bogenschützin von Format. Die Action tobt durch Nachtclub oder Märchenwald, unterbrochen von ein paar lyrischen Momenten, in denen weise Worte zur Selbstfindung gesprochen werden. Destin Daniel Cretton will ein Kino der Gegensätze machen, magische Tricks und Kriegsgerät, Kampfkunst und Prügelei, Glücksdrachen und Fledermausmonster teilen sich den Plot. Gelegentlich wirkt die Kombination wie die amerikanische Idee von einem chinesischen Fantasyfilm; häufig hat man das Gefühl, das alles so ähnlich schon mal gesehen zu haben. Aber das heißt nicht, dass die beteiligten Nichtsnutze keinen Spaß haben. Und der wird vermittelt, denn das kann Marvel ja bestens: den Unterhaltungsauftrag erfüllen, egal ob mit oder ohne Realitätsnähe.

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings - USA 2021. Regie: Destin Daniel Cretton. Mit Simu Liu, Awkwafina, Tony Chiu-Wai Leung, Michelle Yeoh, Meng'er Zhang, Ben Kingsley. Walt Disney Pictures, 132 Minuten.

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