Süddeutsche Zeitung

Präsident der Marvel Studios:Der 2,79-Milliarden-Dollar-Mann

Ein Rekord nach dem anderen und kein Ende in Sicht: Filmproduzent Kevin Feige wurde durch die "Avengers" zur Galionsfigur eines neuen Kinos.

Mit vielen Tricks und Sondereinsätzen hat Kevin Feige, der Präsident der Marvel Studios, es am Wochenende geschafft. Sein Superhelden-Film "Avengers: Endgame", der seit April weltweit in den Kinos läuft, zog mit den letzten Ticketverkäufen an dem Rekord von "Avatar" vorbei, der zehn Jahre als uneinholbar galt: Die Marke von 2,79 Milliarden Dollar globaler Boxoffice-Einnahmen ist geknackt - wenn man die Effekte der Inflation mal nicht berücksichtigt.

Sechs weitere Marvel-Filme stehen aktuell in der Top 20 der ewigen Kino-Bestenliste, und Mastermind hinter diesen Erfolgen ist ebenfalls der 46-jährige Feige. Damit wird er endgültig zur Galionsfigur einer Idee, die das Kinogeschäft in den letzten Jahren mehr und mehr dominiert. Für die Studios geht es darum, möglichst viele Storys und Figuren zu erwerben, die das Publikum bereits kennt. Anders lässt sich der Kampf um Aufmerksamkeit, die ein millionenteurer Filmhit braucht, kaum noch gewinnen. In Hollywood verwendet man dafür das Kürzel IP, für "Intellectual Property" oder geistiges Eigentum.

Das geistige Eigentum, über das Feige herrscht, sind die Helden aus den Comicheften des Marvel-Verlags, der seit 1961 unter seinem heutigen Namen operiert. Protagonisten wie "Spider-Man" und die "Avengers" waren schon immer populär; Feige aber entwickelte die Besessenheit, all diese Figuren interagieren zu lassen und in ein weitverzweigtes, in sich kohärentes Kino-Universum zu integrieren. Seither kann man jeden Marvel-Neustart als Fortsetzung der bisherigen Filme betrachten und als Vorschau der kommenden - was die Fans auch mit Leidenschaft tun. So kommt es zu den neuen, Rekorde brechenden Erfolgszahlen, und ein Ende ist nicht abzusehen: Gerade erst hat Feige auf der Comic-Con in San Diego die neue Staffel der Verfilmungen vorgestellt, mit denen er seine Dominanz in den kommenden Jahren verteidigen will.

Zum Film wollte Feige, der 1973 in Boston geboren wurde und in New Jersey aufwuchs, schon immer. Fünfmal bewarb er sich vergeblich an der berühmten Filmschule der University of Southern California, beim sechsten Mal wurde er genommen. Als junger Produzent wirkte er an einer Verfilmung der "X-Men" mit, dabei blieben seine Leidenschaft für Superhelden und sein enormes Wissen über die Marvel-Figuren nicht verborgen. So war er zur Stelle, als der Marvel-Verlag die Gründung eines eigenen Filmstudios beschlossen hatte, und stieg im Jahr 2000 als Produzent ein. Seitdem musste er seine eigene Fantasy-Comic-Blase nicht mehr verlassen. Er erwies sich jedoch als äußerst smart darin, immer wieder neue Talente und etablierte Stars hineinzuziehen und die Dinge mit überraschenden Besetzungen in Bewegung zu halten.

Ohne die strategische Weitsicht des Disney-Chefs Bob Iger wäre Feige wohl dennoch auf dem Level eines erfolgreichen Comic-Nerds verblieben. Iger war es, der erkannte, dass man "Intellectual Property" - und damit die Grundlage für alle weitererzählbaren Kino-Universen - am besten in milliardenschweren Paketen erwirbt. So kaufte er die bunten Computerhelden der Pixar-Studios, sämtliche "Star Wars"-Rechte von George Lucas und eben die Marvel Studios komplett. Erst die Marketing- und Verhandlungsmacht von Disney macht die daraus resultierenden Filme nun wirklich global unentrinnbar.

Seine Position als neuer Spitzenreiter, das räumte Kevin Feige auf der Comic-Con ein, könnte deshalb auch von kurzer Dauer sein. In seinem letzten und größten Coup hat Disney die Fox Studios erworben, denen auch "Avatar" gehört - und dessen Schöpfer James Cameron arbeitet bereits an vier neuen Filmen über den Wunderplaneten Pandora, die ab Dezember 2021 ins Kino kommen sollen. Wer immer dann in der Bestenliste ganz vorne liegt - der Disney-Konzern wird es auf jeden Fall sein.

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SZ vom 24.07.2019/tmh
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