Süddeutsche Zeitung

Martin Walser:Am liebsten auf der Herzseite

Susanne Klingensteins Buch "Wege mit Martin Walser" über Zauber und Wirklichkeit des Schriftstellers ist zugleich von hohem Erkenntniswert und großer Larmoyanz.

Kurz vor Weihnachten, nach einer gemeinsamen Lesung in München, nimmt Martin Walser Susanne Klingensteins Hand in seine beiden Hände. "Es war schön. Reisen Sie morgen gut. Gute Nacht", sagt Walser und geht in der Gruppe seiner Begleiter davon. Kurz darauf erfährt sie, dass der Abend noch weitergehen würde: Im engeren Kreis, so sagt man ihr, würde jetzt noch gemeinsam Weihnachten gefeiert. Für Klingenstein ist diese Information eine Demütigung. Nach rund fünf Jahren gehört sie offenbar nicht mehr dazu. Oder, wie sie es gleich zu Beginn formuliert: "Der Umschwung kommt, wenn die Neugier des Zauberers befriedigt ist und sich einem anderen Sujet zuwendet. Dann dringt die Wirklichkeit durch die Zauberwolken. Abgehakt. Mit dieser Empfindung muss der Verzauberte zurechtkommen. Es beginnt die Arbeit an der Rückreise."

Das ist ein Aspekt dieses merkwürdigen Buches, das man in einem stetigen Wechsel von Interesse und Widerwillen liest: die Verarbeitung einer Kränkung. Susanne Klingenstein wurde in Baden-Baden geboren, hat zunächst in Heidelberg und dann in Harvard studiert, heiratete einen amerikanischen Arzt und lehrt heute Literatur in Harvard. Sie war es, die Martin Walser mit der Welt des jüdischen Schriftstellers Sholem Yankev Abramovitsh in Berührung brachte und damit das anstieß, was in einem Akt der Simplifizierung als eine späte Kehrtwende Walsers in seinem Verhältnis zum Judentum biografisch eingeordnet wurde. 2014 veröffentlichte Walser sein Buch "Shmekendike blumen", in dem er Abramovitsh und der versunkenen Welt des Ostjudentums ein Denkmal setzte; kurz darauf publizierte Klingenstein in einem Kleinverlag ihre eigene Abramovitsh-Studie "Mendele der Buchhändler". Gemeinsam waren Walser und Klingenstein auf Lesereise.

Unter anderem davon erzählt "Wege mit Martin Walser", aber auch von Klingensteins Faszination für den zwar gealterten, vor Virilität, Produktivität und Originalität aber noch immer sprühenden Schriftsteller. Von seiner perfekten Selbstinszenierung, die jeden seiner Auftritte tatsächlich einzigartig erscheinen lässt. Gleichzeitig aber, und das ist das Glück dieses Buchs, dringt Klingenstein mit hoher analytischer Kunstfertigkeit tief in die Grundlagen von Walsers Schreiben ein. Und auch wenn sie immer Literaturwissenschaftlerin bleibt, gelingen ihr in Bezug auf autobiografische und religiöse Aspekte in Walsers Werk, erschlossen aus den Romanen "Ein springender Brunnen" (1998) und "Muttersohn" (2011), Erkenntnisse und Einsichten von einer Präzision, wie man sie so nicht allzu oft finden dürfte.

Die Nähe zu Walser schließt dessen Werk auf, verkleistert aber auch den Blick auf die Person

Wenn Klingenstein über Literatur schreibt oder spricht oder mit Martin Walser über Literatur spricht, wird es hoch interessant. Ihre Streifzüge durch Walsers Kindheitsort Wasserburg, ihre profunde Textkenntnis und ihr umfassender Bildungshorizont produzieren das präzise und anschauliche Bild des Autors in seiner geografischen und geistigen Landschaft. Das Problem allerdings ist, dass Klingenstein ab dem Zeitpunkt, an dem sie zum ersten Mal auf der Walser'schen Terrasse gesessen und sich von Käthe bewirten hat lassen (das Szenario ist bekannt: der See, der selbstgebackene Kuchen, der König, der Hof hält), Person und Werk nicht mehr trennen kann. Klingenstein hat, und schon der Titel des Buchs macht daraus keinen Hehl, ein religiöses Verhältnis zu ihrem Gegenstand. Die Person Walser wird permanent nobilitiert und exkulpiert durch den Denker und Schriftsteller Walser. Die persönliche Nähe und Verbundenheit schließt einerseits das Werk auf, verkleistert aber zugleich den Blick.

"Wege mit Martin Walser" ist ein Gottesdienst. Das führt unter anderem dazu, dass jede auch noch so vorsichtig vorgetragene Kritik an Walser umgehend von Klingenstein als argumentum ad hominem aufgefasst und mit einem solchen erwidert wird. Das ist psychologisch verwickelt und manchmal auch ein wenig peinlich. Ein Beispiel: Als der C.H.-Beck-Verlag Klingensteins Abramovitsh-Manuskript ablehnt, setzt Walser sich mit Verve für eine Veröffentlichung bei Rowohlt ein, wo seine eigenen Bücher erscheinen Die Assistentin des damaligen Verlegers Alexander Fest prüft das Manuskript und lehnt es ab. Dies empfindet Walser als eine persönliche Kränkung, was Klingenstein wiederum dazu veranlasst, jene Assistentin als inkompetent zu diskreditieren.

"Wege mit Martin Walser" ist auch ein larmoyantes und kitschiges Buch. Der Kitsch und der Zauber sind nicht voneinander zu trennen: "Wir gehen zum Hotel zurück. Walsers Griff um meinen rechten Arm ist wie immer angenehm fest. Ich hab's lieber, wenn er auf meiner Herzseite geht. Aber das ergibt sich nicht immer. Das Wichtigste ist, sein Gewicht beim Gehen zu spüren. Es teilt mir mit, dass ich nicht nur Dekoration bin."

Klingenstein und Walser reisen also gemeinsam durchs Land. Die Beschreibungen dieser Abende wiederholen sich: Mikrofonprobe, die obligatorische Flasche Weißwein für Walser (wehe, es ist ein billiger oder die falsche Rebsorte!), dann die Lesung, sie fühlt sich klein, er strahlt vor Charisma, dann die riesige Signierschlange bei ihm und das Signierschlängelchen bei ihr. Das hat man irgendwann verstanden, und einige beherzte Streichungen hätten dem Buch gut getan. Allerdings: Klingenstein hat viel erfahren und viel verstanden über den Intellektuellen und das Alphatier Walser, der sich in der Öffentlichkeit gerne dümmer gibt, als er ist, und vor der Fernsehkamera noch zum zwanzigsten Mal einen Satz so hervorbringen kann, als sei er ihm gerade eingefallen. Und der subtile, feine Verletzungen, Zurechtweisungen, Platzanweisungen nahezu instinktiv setzt.

Ein begnadeter Inszenator seiner selbst und ein hoch reflektierter Autor, der weiß, dass er aus dem Impuls des Augenblicks lebt: "Denken, Sprache und Sein", so schreibt Klingenstein, "sind für ihn eins geworden und ruhen unerschütterlich auf der Authentizität seines Empfindens." Zu diesem Lebensverständnis von Literatur gehört, folgt man ihr, nun einmal auch, dass ihm erst durch die Abramovitsh-Lektüre "das immense Ausmaß der Zerstörung durch den Holocaust jenseits aller Zahlen klar geworden" sei, eine "kulturelle und spirituelle Zerstörung von solcher Tiefe, dass es ihm im Nachhinein die Sprache verschlug." Man mag darüber denken, wie man will, aber es scheint zu stimmen.

Und zum Schluss also die Entzauberung. Das Begreifen, dass Walser den Kosmos gewechselt hat. Dass er einen neuen Gegenstand braucht, an dem sein "kreativer Furor" sich beweisen kann. Es ist Susanne Klingenstein zu verdanken, dass wir jetzt viel mehr wissen über Martin Walser. Auch wenn man vielleicht nicht alles hätte wissen wollen.

Susanne Klingenstein: Wege mit Martin Walser. Zauber und Wirklichkeit. Verlag Weissbooks, Frankfurt am Main 2016. 380 Seiten, 24,90 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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Quelle:
SZ vom 07.07.2016
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