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Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre:Verbrechen und Strafe

Benjamin von Stuckrad-Barre

Schriftsteller, Gesellschaftsreporter, Witzautor: Benjamin von Stuckrad-Barre.

(Foto: Regina Schmeken)

Ohne Schuld keine Vergebung: Deutschlands Pop-Protestant Benjamin von Stuckrad-Barre hat sein Vaterfigurenkabinett um Martin Suter ergänzt.

Von Felix Stephan

Einen wahren Moment gibt es in dem Gesprächsband "Alle sind so ernst geworden", als Benjamin von Stuckrad-Barre sein Gegenüber Martin Suter einmal verletzt: Suter erwähnt, dass er sein erstes Geld als junger Mann einst mit Stanzen verdient hat, und Stuckrad-Barre antwortet: "Machst du ja heute noch. Ha!"

Da wird Suter ganz wortkarg, und als Benjamin von Stuckrad-Barre bemerkt, was er da angerichtet hat, stürzt er sich erschrocken in die Vorwärtsverteidigung: Der beste Job, den er je gehabt habe, erzählt er hastig, sei der Job als Gagschreiber bei der "Harald-Schmidt-Show" gewesen, eine Arbeit, die darin bestanden habe, morgens alle Zeitungen zu lesen, sechs Themen zu identifizieren und über diese Themen dann bis zwölf Uhr Witze zu schreiben.

Diese Denkweise, die er da eingeübt habe, sei er nie wieder losgeworden, und "deswegen musste ich das eben mit der Stanze einfach sagen. Das geht gar nicht anders. Es muss dann raus. Stanzen, Geld mit Stanzen verdienen, Doppelbedeutung des Wortes - und dann muss gesagt werden: Das machst du ja heute noch. Und dann - da ist es - dem eigenen Witz hinterherrennen und gucken, ob es Verletzte gibt." Martin Suter vergibt ihm natürlich sofort, wie könnte er nicht, dafür sitzt er ja schließlich da.

Geständniszwang provoziert immer auch Vergebung

Diese Zirkelbewegung aus Verbrechen und Strafe, Bekenntnis und Vergebung ist vielleicht überhaupt das große Thema des Pastorensohns Benjamin von Stuckrad-Barre. Unermüdlich legt er Bekenntnisse ab, auch in diesem Buch, über seine Drogensucht, seine peinlichsten Urlaubserlebnisse, seine peinlichsten Lieblingsbands, seine niederschmetterndsten Trennungen und größten Irrtümer. Zum Wahrheitsinstrument werden diese Totaloffenbarungen dann, wenn sie Kritik provozieren, die sich ihres eigenen Dünkels nicht bewusst ist.

Mit heißem Herzen wirft sich Stuckrad-Barre zielsicher jenen Instanzen in die Arme, die den Pastorenhaushalt widerlegen, in dem er aufgewachsen ist: Männern in weißen Jeans, Boulevardzeitungsmatadoren, Madonna. Ein ganzes Kapitel ist in dem neuen Buch dem Themenbereich "Glitzer" gewidmet.

Gleichzeitig liegt in dem beharrlichen Geständniszwang natürlich auch die Sehnsucht, Vergebung zu erlangen für seine Verfehlungen. Seinem Vaterfigurenkabinett hat Benjamin von Stuckrad-Barre nach Udo Lindenberg und Helmut Dietl deshalb jetzt auch noch Martin Suter hinzugefügt. Die Redeanteile sind bei ihren Gesprächen, die sie für dieses Buch im Grand Hotel Heiligendamm geführt haben, ungleich verteilt, und Martin Suter ist hier am ehesten das, was im Theater "Anspielpartner" heißt.

Duldsam setzt sich der 72-jährige Suter den Fragen aus, die Stuckrad-Barre eher an die Welt im Allgemeinen richtet als an Suter selbst. Suter besetzt die Rolle des Vertrauensmannes, der im Zweifel vermitteln könnte, wenn es zwischen der Welt und Stuckrad-Barre mal knirscht.

Martin Suter Der Schweizer Schriftsteller Martin Suter hat als Werbetexter angefangen und ist später insbesondere mit seinen "Allmen"-Krimis bekannt geworden.

(Foto: Urs Jaudas)

Protestantisch gesehen ist das, was Benjamin von Stuckrad-Barre da macht, natürlich Leistungssport. Die Drogensucht, die Entzugskliniken, die rustikale Eitelkeit. Aber wenn man es ernst meint mit dem Protestantismus und die Vergebungsfähigkeit der Welt tatsächlich ernsthaft auf die Probe stellen will, muss man eben auch ernsthafte Verfehlungen im Angebot haben. Alles andere könnte ja jeder.

Wenn die Umschläge der Mahnungen rot sind, wird es ernst

Für diese Schuldanhäufung gibt es bei Stuckrad-Barre sogar einen Farbcode, auf den er in den Gesprächen mit Martin Suter immer wieder zu sprechen kommt: Je dunkler die Umschläge der Briefe werden, die bei ihm zu Hause eintreffen, desto strenger ist der Ton der Mahnungen, desto ernster und substanzieller wird die ganze Angelegenheit.

Benjamin von Stuckrad-Barre berichtet aber, dass er die Rechnungen, wenn die Mahnungen schon dunkelrot sind, erst recht nicht mehr bezahlen kann, selbst wenn er wollte, dass es da eine innere Blockade gebe, die dafür Sorge trägt, dass das Verhältnis mit dem Rechnungssteller immer auf einen Showdown hinauslaufen muss. Das wirkt nur auf den ersten Blick widersinnig: Um den Preis für den kommenden Zirkel aus Geständnis und Vergebung in die Höhe zu treiben, muss man natürlich zuerst maximal eskalieren.

Letztlich geht es ihm vielleicht darum, sich am Ende nichts vorwerfen zu können. Als Stuckrad-Barre in der Schweiz gelebt hat, erzählt er Suter an einer Stelle, wollte er immer in die Klink nach Herisau, in der auch Robert Walser gewesen sei: "Das ging von der Krankenkasse her aber leider nicht. Von meinem damaligen Lebensstil her aber durchaus, also, an mir lag es nicht!"

Martin Suter/Benjamin von Stuckrad-Barre: Alle sind so ernst geworden. Diogenes, Zürich 2020. 272 Seiten, 22 Euro.

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