Martin Puchner: "Die Sprache der Vagabunden":Über Hack in dem Gequetsch

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Martin Puchner: "Die Sprache der Vagabunden": Martin Puchner, geboren 1969 in Erlangen, ist Professor für Literatur und Theater an der Harvard University in Cambirdge, Massachusetts.

Martin Puchner, geboren 1969 in Erlangen, ist Professor für Literatur und Theater an der Harvard University in Cambirdge, Massachusetts.

(Foto: Annette Hornischer)

Eine Sprache, um an Machtstrukturen vorbeizureden: Martin Puchner erzählt die Geschichte des Rotwelschen - und wie es mit seiner Familie verbunden ist.

Von Burkhard Müller

Wer weiß noch, was Rotwelsch ist? Oft wird es mit Kauderwelsch verwechselt, also für einen Sprachmischmasch gehalten, den keiner versteht und verstehen soll. Ganz falsch ist das ja nicht; aber es gibt dafür Gründe.

Die heute verpönte erste Strophe der deutschen Nationalhymne ließe sich niemals ins Rotwelsche übertragen: "Deutschland, Deutschland über alles, / Über alles in der Welt, / Wenn es stets zu Schutz und Trutze / Brüderlich zusammenhält." Oder vielmehr, wenn man es doch machte, klänge es so: "Sachsolm, Sachsolm über hackel, / über hackel in dem Zund, / wenn es alz voll Murr und Löwe / sepperisch zusammenstund".

Etsch und Belt müssen Plätze tauschen, zu Belt und Etsch, denn nur so reimt es sich auf "über hack in dem Gequetsch." Das ist keineswegs als Parodie gedacht, sondern ergibt sich sozusagen naturwüchsig aus der Eigenart dieses Idioms. Wo es heißt "über hack in dem Gequetsch" statt "über alles in der Welt", da lässt sich kein Staat machen, da ist die Feindschaft gegen die Obrigkeit, der Spott über alle Grandiosität programmiert.

Eine Zinke ist ein kleines Signal: Hier kriegst du was

Die Übersetzung stammt von Günter Puchner, dem Onkel des Autors Martin Puchner, der sie mitteilt in seinem Buch "Die Sprache der Vagabunden - Eine Geschichte des Rotwelsch und das Geheimnis meiner Familie". Beide, Neffe und Onkel, und dazu der düstere faschistische Großvater, der etymologische Forschungen betrieb, um die Juden, wenn schon nicht an ihren Nasen, so doch an ihren Namen zu entlarven, sind verbunden durch ein mysteriöses Band der Sprachverzauberung. Alle drei tauchen sie in dieselben Archive und ziehen doch ganz verschiedene Schlüsse daraus. Der Großvater hätte besagte Übersetzung mit grimmiger Genugtuung als Zeichen krimineller Entartung verbucht, der Onkel unternahm sie als aussichtslosen Versuch, dem Rotwelschen einen Platz unter den literarischen Schriftsprachen zu verschaffen. Der Neffe und Enkel, der im großen familiären Schweigen nach 1945 lang nichts von Verstrickung und Kontinuitäten ahnte und heute in Harvard lehrt, steht fasziniert vor beiden.

Warum kamen immer diese merkwürdigen Leute mit ihren muffigen, entfärbten Mänteln an die Tür der Familie Puchner, die ein Reihenhaus im Nürnberg der Siebziger bewohnte? Die Mutter trug Sorge, dass niemand von ihnen hereinkam, gab ihnen aber trotzdem was zu essen, Brot mit reichlich Butter und Aufschnitt, wie sie es liebten. Der Onkel findet den Grund heraus: Es ist ein kleines eingeritztes Kreuz, eine Zinke, von den Vorgängern hinterlassen, das ihnen signalisiert: Hier kriegst du was. Ein Netz solcher Zinken, den Uneingeweihten verborgen wie die Duftmarken der Hunde, liegt über dem Land und verrät den "Kunden", wo es alleinstehende alte Frauen gibt, wo Prügel, wo Polizei. Ein geheimes System ist es, das bis weit ins Mittelalter zurückreicht, verschwistert, aber nicht identisch mit dem Jiddischen und dem Romanes, den Sprachen der Ostjuden und der Roma. Zinken und Rotwelsch sind die Sprache des fahrenden Volks.

Der Leser steht erst skeptisch vor diesem Kentauren aus Sachbuch und Memoir. Aber schon bald lässt er sich hineinziehen in die verzwirbelte Doppelgeschichte eines Idioms und einer Familie. Sie übt die gleiche Lockung wie Stevensons "Schatzinsel" und Tolkiens "Herr der Ringe": Die heimische Idylle kriegt auf einmal einen Riss, durch den sich der Ausblick ins große Andere eröffnet, und von hier startet eine Reise in die ganze Welt. Denn selbstverständlich ist das deutschbasierte Rotwelsch nicht der einzige Jargon, den sich eine ausgeschlossene und doch geschlossene Gruppe zugelegt hat, um an den Machtstrukturen vorbeizukommunizieren - da gibt es das Zargari, Sprache der iranischen Roma und speziell der Goldschmiede, das Lomavren, das Loterâ'i ...

Vom Randbereich drangen die Wörter, zum Ärger der Puristen, in den Mainstream vor

Angst und List, Versteck und Verrat sind die Schlüssel dieser Sprache. Zäh gegen Verfolgung, immer eher zur Flucht als zum Kampf bereit, beweglich und auf der Hut: So hat sie im Schatten die Fäden ihrer Tradition gesponnen. Luther hasste die "Vagatores" mit einer Inbrunst, die er sonst für Papst und Juden reservierte, die Behörden suchten sie seit dem 18. Jahrhundert schrift- und dingfest zu machen - letztlich immer vergeblich. Emblematisches Tier der Fahrenden ist der Hase, und zahllos sind die Synonyme für "sich rasch und unauffällig verziehen". Fantasievolle, oft witzige Prägungen brachten auf den Punkt und verhüllten, was den Fahrenden wichtig war und die anderen nicht mitkriegen sollten: "Schule" heißt Gefängnis, "hohe Schule" entsprechend Zuchthaus, "Gabeln" bedeutet schwören, weil man dabei die Finger spreizt; "Sündfeger" sind vorgeblich reuige Prostituierte; "Zickissen" verbinden sich die Augen mit einem blutig gemachten Tuch, erzählen, sie wären von Räubern geblendet und im Wald an einen Baum gebunden worden, und heischen Mitleidsgaben. Und von ihrem Randbereich aus drangen solche Wörter, zum Ärger der Sprachpuristen, die ganz zurecht deren Respektlosigkeit beargwöhnten, auch in den Mainstream vor: schofel und mausen, Moos und Tinef, Bulle, Klemme und Kittchen.

Martin Puchner: "Die Sprache der Vagabunden": Martin Puchner: Die Sprache der Vagabunden. Eine Geschichte des Rotwelsch und meiner Familie. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Siedler Verlag, München 2021. 284 Seiten, 24 Euro.

Martin Puchner: Die Sprache der Vagabunden. Eine Geschichte des Rotwelsch und meiner Familie. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Siedler Verlag, München 2021. 284 Seiten, 24 Euro.

(Foto: Penguin Random House Verlagsgruppe)

Martin Puchner ist heute Bürger der USA. Ausführlich berichtet er von der Einbürgerungszeremonie: mürrische Beamte, ein Handzettel zum Mitsingen der Nationalhymne, der mindestens 30 Komma- und schlimmere Fehler enthält. Das verdrießt den Neubürger, dem es die feierliche Stimmung verdirbt, aber freut den Linguisten. Auch hier verwandelt sich der gehobene Ton der Autorität in den Händen Untergebener unversehens zu etwas anderem. Und gerührt liest er später den Brief mit dem Absender "Hochachtungsvoll George W. Bush", besonders den einen Satz: "Amerika war nie durch Blut oder Geburt oder Boden geeint." Ja, meint er, hier ist auch Platz für die Fahrenden; und verspürt scharf den Unterschied zur Bestimmung der Staatsbürgerschaft im Grundgesetz: Deutscher ist, wer von Deutschen abstammt.

Übrigens hat Puchner seine persönliche Lieblingszinke: ein Papagei, virtuos mit einem einzigen Strich gezeichnet, Signatur eines redegewandten Gauners. Ihn setzt er als winzige Vignette zwischen die Textblöcke. Sein Buch hat er, nach reiflicher Überlegung, auf Englisch geschrieben, nicht auf Deutsch oder gar Rotwelsch, und die Übersetzung von Matthias Fienbork empfindet er als so gelungen, dass er zufrieden festhält, es gebe nunmehr zwei Originale - ein bemerkenswerter Haken, den dieser Hase schlägt.

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