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Martin Mosebachs Roman "Krass":Würde und Pein

Martin Mosebach

Guter Konservativer und selbsterklärter Reaktionär: der Schriftsteller Martin Mosebach.

(Foto: Erwin Elsner/picture alliance)

Der Machtmensch offenbart sich als staunendes Kind: "Krass", der neue Roman von Martin Mosebach, dem Meister des Dekors.

Von Jörg Magenau

An Peinlichkeiten besteht kein Mangel in diesem Roman. Martin Mosebach schwelgt geradezu im Peinlichen. Er schreibt Sätze wie diesen: "Sie saß nackt auf dem Bidet und plätscherte mit den Händen, zwei paddelnden Entenfüßen; das Pelzchen war triefnass und erschien sehr dunkel gegen die helle Haut." Oder: "Im Nu lag ihr Décolleté frei, das schönste Kissen für diese Perlen, deren Farben auf der milchweißen Haut noch besser zur Geltung kamen als auf dem Samt im Fenster." Überhaupt ist Haut bei ihm gerne milchweiß, so wie Frauen vorzugsweise von "Haarfluten" umwallt werden und vor allem dekorativen Zwecken dienen.

Doch die Peinlichkeit ist gewollt. Mosebach erzeugt sie durch den preziösen, immer leicht blasierten, manikürt wirkenden Stil, der auf nichts als Kostbarkeit abzielt. "Allegro imbarazzante", "peinliches" Allegro, heißt deshalb der erste Teil dieses opulenten, sprachschwelgerischen Werkes, gefolgt von einem melancholischen "Andante pensieroso" und einem finalen Trauermarsch "Marcia funebre". Peinlichkeit wird schon deshalb zum Prinzip ausgerufen, weil der Titelheld, ein massiger Mann namens Ralph Krass, nach der Maxime lebt, dass Peinlichkeit allenfalls "etwas für Leute war, die sich ihrer eigenen Position nicht sicher waren und beständig in Angst vor Entlarvung lebten".

Diesem Mann von "raumgreifender Körperlichkeit" ist folglich nichts peinlich. Peinlich sind nur die Subalternen. Und wer beim Lesen von "Krass" Peinlichkeitsgefühle entwickelt, der ist eben nicht stark genug für diesen Stil und für Krass und seine Begleiterin: "Herr Krass allein war an sich schon wirkungsvoll genug, aber die junge Frau steigerte das. König und Königin. Es gab der Macht erst ihre Abrundung, wenn zur Kraft die Anmut, zur Düsternis das Lächeln traten."

Krass fasst das schmutzige Geld nie selbst an

Krass ist das Zentrum einer kleinen Reisegesellschaft. Im ersten, dem "peinlichen" Teil, befinden wir uns im Jahr 1988 in Neapel. Die Gruppe, die aus drei verschiedenen Paaren besteht, französisch, italienisch, deutsch, ist eigentlich unwichtig, bloße Staffage, um Krass zu umrahmen und den wortkargen Mann, der ihnen nur ab und zu seine Urteile zuwirft, umso besser zur Geltung kommen zu lassen.

Man isst und trinkt aufs Allerfeinste, besucht das Museum, um dort das berühmte Alexandermosaik zu betrachten, unternimmt einen Tagesausflug auf die Insel Capri, wo Krass eine zerfallene Villa hoch über der Steilküste zu kaufen erwägt. Er ist Geschäftsmann oder vielmehr, wie nach und nach deutlich wird, in illegale Panzergeschäfte verstrickt. Geld spielt keine Rolle; Geld befindet sich bündelweise in einem Koffer. Krass selbst fasst es niemals an, das muss für ihn Dr. Jüngel erledigen, der ihm als dienstbarer, unterwürfiger Sekretär und Organisator zur Seite steht.

Und dann ist da noch Lidewine, eine schöne Belgierin, die zunächst als Assistentin eines Zauberers auftritt, dessen Vorstellung von der Reisegesellschaft besucht wird. Krass nimmt diese Frau als eine Art Mätresse in seine Gesellschaft auf; Jüngel bekommt den Auftrag, sie an Land zu ziehen. Auch sie ist, wie alle um Krass herum, käuflich. Der Deal ist einfach: Krass wünscht kein sexuelles Verhältnis, aber jugendliche Schönheit und würdevolles Verhalten an seiner Seite. Würde bedeutet für ihn, dass die Menschen in seiner Umgebung wissen, was sie ihm schulden.

Würdelosigkeit ist das Pendant zur Peinlichkeit

Indem Dr. Jüngel dieses Anforderungsprofil übererfüllt, verspürt er jedoch ganz im Gegenteil eine "perfekte Würdelosigkeit". Darin besteht vermutlich das Machtgefälle: Würdelosigkeit ist das Pendant zur Peinlichkeit. Eines Nachts beobachtet Jüngel durch den Spalt seiner Zimmertür, wie Lidewine in ihrem Hotelzimmer den weißhäutigen Kellner empfängt und erst nach Stunden wieder entlässt. Er ist sich nicht zu schade, diesen Sachverhalt am nächsten Morgen seinem Chef zu melden. Damit leitet er das Ende der Reise und nicht nur Lidewines sofortige Entlassung, sondern auch die eigene Kündigung ein. Mit dem Zerfall der kleinen Gesellschaft gibt es auch für ihn nichts mehr zu tun.

Der zweite Teil, das nachdenkliche Andante, spielt ein Jahr später im französischen Zentralmassiv. Hier ist alles karg, arm und abgelegen, nur Mosebachs Sprache bleibt üppig und schwelgerisch schön, auch wenn nun Dr. Jüngel als Ich-Erzähler und Tagebuchschreiber firmiert. Jüngel ist in akuter Geldnot und versucht, über das Scheitern seiner Ehe hinwegzukommen. Seine Depression hindert ihn jedoch nicht daran, sehr genau zu beobachten und die Geschichten zu erzählen, die ihm begegnen. Er lernt einen stummen Kuhhirten kennen, der die Milch direkt aus dem Euter trinkt, eine Nachbarin mit einem mordlustigen Wellensittich und einen Schuster, der im nahe gelegenen Kloster arbeitet und ihn auf einen Ausflug mitnimmt, der nach sehr vielen Schnäpsen mit einem Autounfall endet.

Zeitgeschichte bleibt jenseits des Horizonts der unmittelbaren Umgebung vollkommen ausgeblendet. Das Andante ist im Herbst 1989 angesiedelt, doch am 9. November ist in Jüngels Tagebuch noch nicht einmal ein ferner Hinweis auf den Mauerfall und die Ereignisse in der DDR zu finden. Es muss Martin Mosebach eine große Freude bereitet haben, die deutsche Wenderomanzwangsverpflichtung weiträumig zu umschreiben. Derlei Historismen interessieren ihn nicht; wichtiger ist ihm seit eh und je die weite Welt. Der arabische Raum und Italien als klassischer Sehnsuchtsort liegen in seinem Werk näher als die deutschen Niederungen. In seinem vorigen Roman "Mogador" diente Marokko einem Düsseldorfer Banker als Zufluchtsstätte; zuletzt begab Mosebach sich in auf eine italienische Reise und dann auf die Spuren der koptischen Märtyrer in Ägypten.

Reich sein kann jeder, das ist keine Kunst

Kairo - Schauplatz des dritten Teils - bietet sich also an für das wüste Finale, in dem Krass zwanzig Jahre später, also im Jahr 2008, ohne Geld und jegliche Perspektive auf der Straße steht und sich von einem Mann namens Mohammed, der für den Propheten, für Marx und für Hitler schwärmt, retten lassen muss. Mohammed ist ein zartfühlender, grobschlächtiger Mensch und der letzte in der langen Reihe derer, die Krass verfallen.

Doch Krass agiert jetzt nicht mehr aus einer Machtposition heraus, sondern als Hilfsbedürftiger. Dabei bemerkte er doch einst, dass nichts unerotischer sei als Bedürftigkeit. An seinem eigenen Lebensgefühl ändert sich dadurch aber nichts. Darin besteht seine wahre Stärke. Reich sein kann schließlich jeder; das ist keine Kunst. Jetzt aber nimmt er auf fast schon arabische Weise sein Schicksal als Kismet an und wird sogar fast ein kleines bisschen sympathisch, wenn er aus dem eigenen Absturz heraus bemerkt: "Ach, so sah die Welt aus, das war es also, was sich hinter dem Zufälligen verbarg."

Mosebach fürchtet sich nicht davor, als Erzähler den Zufall zu strapazieren. Nicht genug damit, dass Dr. Jüngel - inzwischen Professor für Urbanistik, der an einem Buch über Kairo arbeitet - das Hotelzimmer bezieht, das Krass kurz zuvor verlassen musste, weil er nicht bezahlen konnte. Auch Lidewine steigt zufällig hier ab, und zufällig, endlich, landen die beiden für eine Liebesnacht im Bett. Mosebach führt durchaus sichtbar Regie; erzählerisch betätigt er sich als der Zaubermeister, mit dem sein Roman beginnt. Und so wie Lidewine dort dessen Trick ausplaudert, so macht auch der Autor kein Geheimnis aus seiner Kunstfertigkeit. Um der Bewunderung willen schreibt er ja. Als guter Konservativer und selbsterklärter Reaktionär bedient er sich dabei selbstverständlich der alten Rechtschreibung.

"Krass" ist ein Roman, der in seiner Opulenz, Detailfreude und Schönheitsverfallenheit überwältigt und der, auch wenn er nirgendwo hinführt, niemals langweilig wird. Es geschieht im Grunde recht wenig, obwohl sich vieles ereignet. Handlung aber ist nicht das Wesentliche. Sie ist bloß Spielmaterial und notwendige Basis, um darauf die Oberflächen wirkungsvoll funkeln zu lassen. Mosebach ist ein Meister der Beschreibungskunst und des Dekors, auf angenehme Art altmodisch und vornehm, ein distinguierter Herr mit Einstecktüchlein, der aus seiner Geschmacksüberlegenheit auf demonstrative Weise Lust gewinnt - und durchaus auch zu vermitteln versteht.

Dieser Roman will einfach nur schön sein

Wenn man will, lassen sich die drei Teile des Romans als Triptychon eines bürgerlichen Psychogramms lesen. Das Zentrum dieses Flügelaltars behandelt die Melancholie aus Liebesverlust und Geldnot. Sie steht zwischen der Allmachtsfantasie des Geschäftsmannes und Menschenhändlers auf der einen und der Verlust-, Untergangs- und Todesangst auf der anderen Seite. Auch Vergesellschaftung und Vereinsamung sind Pole, aus denen die bürgerliche Daseinserwartung ihre Spannung bezieht. Mosebachs Roman ist reich an vergoldeten Ornamenten. In seinen Nischen und Winkeln enthält er viele kleine Geschichten, die sich in ihrer Bildhaftigkeit tief einprägen und einzeln genossen sein wollen.

Martin Mosebach_Krass_Rowohlt

Martin Mosebach: Krass. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021, 526 Seiten, 25 Euro.

(Foto: Rowohlt)

Dieser Roman will einfach nur schön sein. Denn worin sonst als in der Schönheit sollte sich der Konservatismus bewähren? Nichts stünde Krass ferner als der Gedanke, die Welt zu verändern. Die Dinge sind, wie sie sind. Diese Einsicht bewährt sich, indem Krass nicht nur im Reichtum an ihr festhält, sondern auch dann, wenn es nichts mehr zu genießen gibt als die nackte Existenz. Er ist immer ganz er selbst und mit sich im höchsten Maße einverstanden.

"Dass sein Körper, so wie er nun einmal war, als Wohnstatt seines Willens höchste Beachtung verdiente, das stand für ihn außer Frage", heißt es über ihn, als er sich das noch leisten konnte. Doch Krass hält bis an sein Lebensende an dieser unmittelbaren, leiblichen Art, in der Welt zu sein, fest. Der Machtmensch offenbart sich als staunendes Kind, und nur weil er das immer schon war, konnte er überhaupt je so machtvoll sein.

© SZ/fxs
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