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Martin Mosebach:Der Spion des Papstes

Ist das die Wende in Kultur und Politik, wenn ein "rückständiger Zeitgenosse" wie Martin Mosebach den Büchnerpreis gewinnt? Leitet er das neue Denken ein, auf das die neue Bürgerlichkeit schon lange wartet? Von der Sehnsucht nach Debatte.

Der Schriftsteller Martin Mosebach ist ein höflicher, gebildeter und oft heiterer Mann. Er schreibt kluge, gebildete und sehr lesbare Romane, die von gescheiterten Jurastudenten handeln, vom Untergang des Frankfurter Westends, oder von Architekten, die vor ihren treulosen Frauen nach Indien flüchten, um dort in nicht angenehmere Schwierigkeiten zu geraten.

Das tut er in einer Sprache, die an den großen Schriftstellern des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts geschult ist. Nebenher schreibt er Essays, in denen er den alten Ritus der katholischen Messe verteidigt oder ein Italien als gegenwärtiges Land beschwört, das wohl so immer nur in der Phantasie von Nordeuropäern existiert hat. In diesem Herbst hat er, was mehr als nur in Ordnung ist, für solches Schaffen den Büchner-Preis bekommen, die wichtigste Auszeichnung, die es in Deutschland für einen Dichter zu bekommen gibt.

Damit könnte es sein Bewenden haben, wenn da nicht seit Wochen - nein: keine Debatte, sondern etwas viel Kleineres und Vorläufigeres, nämlich ein diffuses Bedürfnis nach Debatte durch Zeitungen und Zeitschriften zöge, die ihn zum Protagonisten einer reaktionären Wende in der Kultur erheben möchte. Den Anfang hatte die Literaturkritikerin Sigrid Löffler gemacht, als sie in einer Polemik in ihrer Zeitschrift Literaturen den Schriftsteller zum "rückständigen Zeitgenossen" und Propagandisten einer neuen Reaktion erklärte.

Mehr Stoff fand sich, als Martin Mosebach in seiner Dankesrede für den Büchner-Preis eine Parallele zwischen der Rhetorik des St. Just in "Dantons Tod" und der Rhetorik Heinrich Himmlers zog - nicht an prominenter Stelle, denn die Rede handelte tatsächlich von Georg Büchner, sondern eher "aus Anlass von". Aber nun grummelt das Gerücht vor sich hin, in Martin Mosebach kündige sich eine Wende in die Vergangenheit an - ästhetisch wie politisch.

Überdruss an der Moderne

Wieso eigentlich? Wo wäre die erkennbare Gruppe, die dieses wollte, wo eine Partei, die an diesem Vorhaben arbeitete, wo fände man ein Programm, das sich die Rückkehr zum Schönen, Guten, Wahren auf die Fahnen geschrieben hätte? Nichts. Nicht die Spur einer solchen Bewegung, weit und breit.

Da ist nur ein Schriftsteller, der zuweilen von Fürsten und Priestern spricht, wie es früher einmal Novalis von der Christenheit oder Eduard von Keyserling von baltischen Baronen getan hatte. Und alle drei werden gewusst haben - beziehungsweise immer noch wissen -, dass solche Gedanken nicht um der Vergangenheit willen gedacht werden und auch nicht, um der Vergangenheit eine Zukunft zu geben, dass sie sich vielmehr mit ihrem Dasein als konservative Phantasie erschöpfen.

Der Ultramontanismus, die politische Bewegung des Katholizismus im späten neunzehnten Jahrhundert, war parteilich, war sozial verankert und organisiert. Aber mit Schriftstellern, und schon gar nur mit einem solchen, sind dermaßen gravierende Veränderungen im kulturellen Bewusstsein einer ganzen Gesellschaft nicht zustande zu bringen.

Und so ist Martin Mosebach auch nur der jüngste Inhaber einer Rolle, die vor ihm schon vielen zugewiesen worden war, ohne dass sie deshalb auch nur einer tatsächlich gespielt hätte. Zuletzt war sie vor fünfzehn Jahren Botho Strauß zugefallen, und vertretungshalber sollte sie zwischendurch von Dichtern und Gelehrten wahrgenommen werden, die sich für Ernst Jünger, Gottfried Benn oder Stefan George interessierten. Keiner von ihnen hat je eine tatsächliche Veränderung zustande gebracht.

Das müsse auch nicht sein, argumentieren nun die Anhänger der Debatte, denn eine Gestalt wie Martin Mosebach sei nur Ausdruck eines allgemeinen Überdrusses an der Moderne, die sich ansonsten auch durch die zunehmende Ablehnung des Flachdachs in der Architektur, die Wiederkehr des Einstecktuchs oder das medienwirksame Verlangen nach mehr Familie und echten Müttern zu erkennen gebe. Aber auch dieser Einwand trägt nicht: Wo wären denn die Lager, zwischen denen die entsprechenden Auseinandersetzungen zu führen wären, die kontroversen Überzeugungen, die echten, ernsthaft geführte Konflikte?