Martin Kordićs Roman "Jahre mit Martha":Der Gärtner

Lesezeit: 5 min

Martin Kordićs Roman "Jahre mit Martha": Einmal in die Integrationshölle und zurück: Martin Kordić, geboren 1983 in Celle, wuchs in Mannheim auf und studierte in Hildesheim und Zagreb.

Einmal in die Integrationshölle und zurück: Martin Kordić, geboren 1983 in Celle, wuchs in Mannheim auf und studierte in Hildesheim und Zagreb.

(Foto: Peter Hassiepen/S. Fischer)

Martin Kordićs Roman "Jahre mit Martha" erzählt vordergründig eine sommerliche Liebesgeschichte. Dahinter verbirgt sich eine brutale Abrechnung mit Deutschland.

Von Christian Mayer

Die Wut ist ein mächtiger Impuls, sie ist die Waffe der Ausgeschlossenen sowie all jener, die sich dafür halten. Nicht selten ist die Wut auch Antrieb für Veränderung, wenn Zustände unhaltbar geworden sind und Menschen sich zur Wehr setzen, sei es gegen Diskriminierung, private Kränkungen oder das Gefühl der Zurücksetzung. Wut kann ungeheure Kräfte freisetzen, doch sie hat leider das Potenzial zur Selbstzerstörung und zum Wahn - wer besinnungslos wütet, läuft Gefahr, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.

Auch im gerade erschienenen Roman "Jahre mit Martha" von Martin Kordić ist die Wut ein beherrschendes Motiv, sie ist der Antrieb, den eigenen Verhältnissen zu entkommen. Željko heißt der Erzähler, der von allen nur Jimmy genannt wird, er nimmt uns mit auf eine Reise durch seine Jugend als Kind einer kroatischen Einwandererfamilie aus Bosnien-Herzegowina.

Brillant werden die Boshaftigkeiten der deutschen Klassengesellschaft geschildert

Der Vater verdient sein Geld als Hausmeister und Bauarbeiter auf bundesdeutschen Großbaustellen, die Mutter verdingt sich als Putzfrau in Ludwigshafen; ihre zwei Söhne und die Tochter sollen es einmal besser haben. Man passt sich an und schlägt sich durch, schließlich will man zu den "guten Ausländern" gehören, deshalb serviert die Mutter bei besonderen Anlässen lieber eine Schwarzwälder Kirschtorte aus dem Supermarkt statt die selbstgebackenen Kekse.

Am stärksten wirkt der Anpassungsdruck beim 15-jährigen Jimmy, der jedes Buch und jeden Zeitungsartikel verschlingt, täglich Listen mit unbekannten Wörtern auswendig lernt und über sich hinauswachsen will: "Ich wollte einer werden, den man nicht herumschieben kann. Ich wollte einer werden mit Verstand. Ich war bereit, alles dafür zu tun."

Martin Kordićs Roman "Jahre mit Martha": Martin Kordić: Jahre mit Martha. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2022. 288 Seiten, 24 Euro.

Martin Kordić: Jahre mit Martha. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2022. 288 Seiten, 24 Euro.

Martin Kordić schildert brillant die Boshaftigkeiten der deutschen Klassengesellschaft, in der Kinder von Zuwanderern bewusst klein gemacht und ins passende Kästchen sortiert werden. Aufs Gymnasium darf Jimmy erst aufrücken, als sich eine Realschullehrerin beschwert, dass dieser ehrgeizige Besserwisser viel zu gut für ihren Unterricht sei. Bei der Berufsberatung in der zehnten Klasse empfiehlt ihm der Mitarbeiter im Arbeitsamt, vom Gymnasium abzugehen und lieber eine Ausbildung zum Gärtner zu machen - er liest aus den Unterlagen ein Interesse für Blumen und Bäume heraus, weil der Junge so gut in Mathematik und Biologie ist. Das ist mehr als Ignoranz, es ist blanker, rassistischer Hohn.

"Ich bin kein Gärtner", antwortet der Junge trotzig, der hier erstmals von seiner bodenlosen Wut berichtet, von diesem "schrecklichen Gefühl", das in ihm aufsteigt. In diesem Moment der Erniedrigung überlässt er sich dem Impuls, ein Zeichen zu setzen, er versetzt dem Computermonitor einen wuchtigen Tritt, der mit einem großen Knall zu Bruch geht. Und wird erst mal für zwei Wochen von der Schule verwiesen: "Ich hatte genau das getan, was von Željko Draženko Kovačević erwartet wurde."

Ist ein Junge, dessen Eltern dem Krieg entronnen sind, nicht besonders schutzbedürftig?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Sohn der Putzfrau sich in die eigentlich unerreichbare Professorin aus besten Verhältnissen verliebt, bei der seine Mutter die Toiletten reinigt. Jimmy nimmt einen Ferienjob bei Frau Gruber an, und im Garten einer Heidelberger Villa beginnt bald ein vorsichtiges Taxieren und gegenseitiges Herumscharwenzeln. Jimmy beobachtet Martha Gruber "beim Denken, beim Schreiben, beim Klugsein", vor allem aber beim täglichen Schwimmen im Pool und ihrer sehr offensiven Art der Gymnastik, und die deutlich ältere Frau fühlt sich ebenso zu dem 15-Jährigen hingezogen.

Die übersteigerte Empathie für Menschen, die man gerne an die Hand nimmt, um sie an den richtigen Platz zu führen, ist ja oft eine Kompensation; sie soll das schlechte Gewissen der Privilegierten beruhigen. Die Professorin versucht, ihren jungen Freund von Grund auf zu verstehen, sie schleppt ihn mit in die Oper und checkt ihn ab auf mögliche Traumata, auf ihrem Schreibtisch steht bald das Buch "Krieg und Frieden in Bosnien-Herzegowina". Ist ein Junge, dessen Eltern dem Schlachtfeld entronnen sind, nicht besonders schutzbedürftig? Andererseits hat er auch Sex-Appeal, im Gegensatz zu den saturierten Bürgersöhnen und langweiligen Ehemännern.

"Jahre mit Martha" ist nur beinahe eine Liebesgeschichte. Was sich zwischen diesen beiden in jeder Hinsicht unterschiedlichen Menschen mit vielen Unterbrechungen entwickelt, hat auch den Charakter eines romantischen Machtspiels, eines Kräftemessens. Jeder bleibt letztlich bei sich, gefangen in seiner Schicht; gelebt wird diese Sehnsuchtsgeschichte über Postkarten-Botschaften und einen Aufenthalt im Luxushotel auf Juist, wo die beiden schwer bekifft immer nur beinahe zum Höhepunkt kommen.

Um Erfolg zu haben, ist Željko bereit, alles zu opfern, auch seine Identität

Auch nach dieser Annäherung bleibt das soziale Ungleichgewicht bestehen. Die geheimnisvolle Martha, die selbst nichts von sich preisgibt, will alles über ihren jungen Liebhaber wissen, der in München Literaturwissenschaften studiert und sich rastlos in immer neue Affären stürzt. Notfalls zahlt er die Rechnungen in dieser teuren und abweisenden Stadt mit der Kreditkarte, die Martha ihm geschickt hat, eine besonders subtile Form der Kontrolle.

2014 hatte der Autor Martin Kordić ein gefeiertes Debüt mit seinem Roman "Wie ich mir das Glück vorstelle", die Geschichte der Vertreibung einer Familie im jugoslawischen Bürgerkrieg. In seinem zweiten Buch erzählt der Sohn bosnisch-kroatischer Einwanderer, der heute in München als Lektor arbeitet, stilsicher und eindringlich von der Gefahr, seine Identität und seinen Stolz zu verlieren - genau das geschieht mit dem jungen Mann. Er ist bereit, alles zu opfern, um Erfolg zu haben.

Dieses Buch, das erst so leichtfüßig daherkommt, sollte man nicht unterschätzen: Es ist eine brutale Abrechnung. Eine Abrechnung mit einer Gesellschaft, in der Menschen aus bildungsfernen Schichten oft nur dann nach oben kommen, wenn sie entweder bis zum Umfallen malochen oder bereit sind, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen. Und eine Abrechnung mit den Profiteuren des Systems, die es sich leisten können, tolerant zu sein, weil sie schon immer alles gehabt haben.

Der Protagonist in diesem Roman weiß genau, wie sich das anfühlt, wenn man immer besser sein muss als die Kinder der deutschen Mittelklasse, auch disziplinierter, härter gegen sich selbst, ohne Selbstmitleid, das man sich gar nicht leisten kann. Jimmy ist ständig auf der Flucht, er weiß, wie das ist, wenn man den Kindergeburtstag bei McDonald's feiern muss, weil die Wohnung viel zu eng ist, da bleibt nur das Fastfood-Ausweichquartier, auch wenn man dort mitleidige Blicke erntet.

Kordić schickt seine bildungshungrige Hauptfigur in die Integrationshölle und zurück

An nicht wenigen Stellen muss man unweigerlich an Saša Stanišićs autobiografisches Meisterwerk "Herkunft" denken, das vom Drama der Flucht seiner Familie aus Bosnien-Herzegowina und von seiner jugoslawischen Großmutter erzählt. Im Vergleich zum Roman "Jahre mit Martha" ist "Herkunft" aber ein heiteres und versöhnliches Buch, denn der aus Višegrad an der Drina stammende und in Heidelberg aufgewachsene Saša Stanišić kann sich auch unter widrigen Umständen behaupten, sein Mittel gegen die große Traurigkeit, gegen den Verlust von Heimat, ist sein unschlagbarer Humor.

Auch der 1983 in Celle geborene Martin Kordić schickt seine bildungshungrige Hauptfigur in die Integrationshölle und zurück. Letztlich gelingt es dem nicht mehr ganz so jungen Mann, seine Wut zu bändigen. Indem aus Jimmy wieder Željko wird, ein deutscher Kroate, der zu seiner Vergangenheit steht. Nur in den Armen seiner Familie gibt es Trost und ein halbwegs sinnvolles Leben, das er als gut bezahlter, aber stark unterforderter Angestellter eines auf Bullshit-PR spezialisierten Kommunikationsunternehmens nicht finden konnte. Und so wird der stolze Hochschulabsolvent tatsächlich doch noch Gärtner, er kehrt buchstäblich zurück zu den Wurzeln. Das klingt nicht nur wie ein böser Witz. Es ist für ihn auch eine Erlösung.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungAmanda Gormans Rede vor den UN
:Cato, die Jüngere

Amanda Gorman hat bei den Vereinten Nationen eine bessere Klimapolitik angemahnt. Ihre Rede war rhetorisch gut. Doch warum nur wird sie so beharrlich für ein Gedicht gehalten?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB