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Zwei Ausstellungen zu Martin Kippenberger in Essen:Mehr Heiligkeit im Fußballrasen

Mehr als fünfzig Tische für Bewerbungsgespräche: Martin Kippenbergers Installation "The Happy End of Franz Kafka's 'Amerika'" (1994).

(Foto: Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne / Simon Vogel)

Eine Doppelausstellung feiert Martin Kippenbergers Kunst in Essen. Der Bildhauer plünderte nicht nur die Kunstgeschichte - sondern auch Barbies Wohnzimmer.

Von Alexander Menden

Am 1. Mai 1987 sprach Papst Johannes Paul II. bei einer Messe im Müngersdorfer Stadion zu Köln die Karmeliterin Teresia Benedicta vom Kreuz selig. Ein paar der Spanplatten, die damals benutzt wurden, um den Fußballrasen zu schützen, sicherte sich Martin Kippenberger und baute daraus einen Tisch, den er fortan als "vom Papst geweiht" apostrophierte. Dieser bübische Behauptungsgestus macht der Schulmeinung nach ja den Kern von Kippenbergers Kunst aus. Er ermutigte das Publikum, alles ein bisschen verarschend und durchaus auch biografisch-positivistisch zu lesen.

Die australische Autorin Germaine Greer befand einmal, der Spaß in Kippenbergers Kunst komme ihr vor wie die Art von Spaß, den sich Jugendliche machen, wenn sie Betonklötze von Autobahnbrücken werfen. Tatsächlich sind viele seiner Arbeiten insofern zerstörerisch, als sie sich die Kunstgeschichte provokant einverleiben. Aber das ist mehr als ein Akt optischer und motivischer Verdauung - "nur essen mit den Augen ist uninteressant", wie Kippenberger selbst sagte.

Künstlers Eigenpropaganda: "Heute gedacht, morgen fertig"

Der Vater hatte Martin und seine Schwestern schon als Kinder im Museum ausschwärmen lassen, um das "beste Kunstwerk" zu finden. Zur Belohnung gab es eine Mark. Diese bildungsbürgerliche Schnitzeljagd hinterließ Spuren, sie war Anlass zur Auflehnung, bleibt aber auch ein Maßstab von Kippenbergers Produktion. Er war ein Künstler, der geliebt werden wollte, obwohl es ihm gleichzeitig auch irgendwie egal war, was die Leute dachten. Seine "Heute gedacht, morgen fertig"-Eigenpropaganda konsolidierte das Bild vom schlampigen Genie, war aber maximal die halbe Story.

Der im Jahr 1997 verstorbene Martin Kippenberger in seiner eigenen Installation.

(Foto: Wubbo de Jong / MAI (Maria Austria Instituut))

Man muss das alles nicht im Hinterkopf haben, um Kippenbergers Großinstallation "The Happy End of Franz Kafka's 'Amerika'" als jenes Opus magnum zu begreifen, das sie zweifellos ist. Man hätte auch so schon reichlich Betrachtungsstoff bei dieser Arbeit, eine Überfülle von Deutungs- und mentalen Ergänzungsmöglichkeiten. Die Installation, die Kippenberger selbst "Ausstellung" nannte, wurde 1994, drei Jahre vor seinem frühen Tod, im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen erstmals gezeigt und ist nun im Essener Museum Folkwang nach Langem wieder in ihrer "Urfassung" zu sehen: insgesamt 50 Tisch-Stuhl-Kombinationen, aufgebaut auf einer 20 mal 23 Meter großen Grundfläche, die ihrerseits einem gestauchten Fußballfeld nachempfunden ist.

Die Grundidee ist ein von Kippenberger imaginiertes "gutes" Ende für Franz Kafkas unvollendet gebliebenen Roman "Amerika". Darin wird der siebzehnjährige Protagonist Karl Roßmann, der daheim ein Dienstmädchen geschwängert hat, nach Amerika geschickt. Nach einer Odyssee durch das Land erreicht er in einem letzten Textfragment das "Naturtheater von Oklahoma", das mit dem Versprechen "Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich!" nach Personal sucht. Auf einer Rennbahn sind Schalter aufgestellt, an denen die Vorstellungsgespräche stattfinden. Wie alles endet, bleibt offen. Ob das Ende gut gewesen wäre, darf bei Kafka bezweifelt werden.

Kippenberger behauptete, die Geschichte nur aus zweiter Hand zu kennen. Doch die Kommunikationssituation der Vorstellungsgespräche von Oklahoma ist klar aufgegriffen: Den meisten Tischen sind einander gegenüberstehende Stühle zugeordnet - auch dem "Papsttisch", an dem zwei balinesische Kultbilder platziert sind. Das alles nur auf Kafka zu beziehen, würde viel zu kurz greifen, schier unüberschaubar sind allein die Anspielungen auf die Designgeschichte. Aldo Rossi und Luigi Colani sind unter anderem mit Stühlen vertreten, auch Klassiker von Thonet und Eames. Ein eigens für ihn bei einer Möbelmanufaktur im Schwarzwald gebauter Fernsehschrank ist in den Ikea-Farben Blau und Gelb gehalten - ein Spiel mit dem Gegensatz von exklusiver Sonderanfertigung und Massenproduktion, aber auch mit der Ästhetik des Kollegen Donald Judd, von dem auch ein in einer anderen Anordnung verwendeter Sperrholzstuhl stammt. Kippenberger inkorporiert beziehungsweise recycelt zudem frühere eigene Arbeiten, darunter einen in Menschengröße nachempfundenen Tisch aus einem Barbie-Wohnzimmer-Set von 1987 und den Barbara-Hepworth-Pastiche "Die Familie Hunger", deren amorphe Skulpturen Löcher im Bauch haben.

Ein weiteres Beispiel für den albern-profunden Grundton ist die Wiederkehr des Ei-Motivs in seinem Werk. Martin Kippenberger fand bekanntlich, das Ei sei sträflich unterrepräsentiert in der Kunst. Zwei Schleudersitze kreisen auf Schienen um ein gigantisches Spiegelei, auf dem Nachbau des Schreibtischs, an dem Robert Musil den "Mann ohne Eigenschaften" schrieb, steht eine Arbeit Cosima von Bonins, eine Tischlampe mit weißem Schirm und einem Bronzeständer, auf dessen Fuß zwei Eier aus Bronze liegen. Nicht nur ein Mann ohne Eigenschaften also, sondern auch einer ohne Eier, oder zumindest mit externen Eiern, wie es scheint.

120 Künstlerbücher und 100 Plakate werden in der Villa Hügel ausgestellt

Einige Möbel wurden aus der Essener Villa Hügel ergänzt, ein weiterer Verweis, hier auf eine Kippenberger-Arbeit mit dem Titel "Vergessene Einrichtungsprobleme in der Villa Hügel", die 1996 in der Villa Merkel zu sehen war (nicht in Essen, sondern in Esslingen). In der Villa Hügel - dem Stammhaus der Krupp-Dynastie am Rand von Essen - sind derzeit flankierend zu "Amerika" 120 Künstlerbücher und 100 Plakate Kippenbergers aus der Folkwang-Sammlung ausgestellt, was den offiziellen Essener Ausstellungstitel "2 x Kippenberger" erklärt.

Martin Kippenberger war immer auch - womöglich sogar vor allem - Darsteller. Es ist kein Zufall, dass seine quasi-chaotische Wimmelästhetik aus Designermöbeln, Objekten, geliehenen Arbeiten anderer Künstler, Hoch-, Schiedsrichter- und Schleudersitzen zu einer Art Blaupause der Einrichtung deutscher Theaterinszenierungen geworden ist. Letztlich ist "Amerika" ja selbst ein Bühnenbild, vielleicht sogar ein Filmset, jedenfalls aber ein uneingelöst bleibendes Versprechen wirklicher Kommunikation zwischen Menschen, die diese Kunstwelt bevölkern könnten. Eine gigantische Arbeit, gebauter, gesammelter, arrangierter Pluralismus, ein spielerischer, kluger, nahezu unerschöpflicher Referenzkosmos.

2 x Kippenberger. Museum Folkwang und Villa Hügel, Essen. Bis 16. Mai. Der Katalog kostet 48 Euro.

© SZ/lorc
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