Im Kino: "Martin Eden" von Pietro Marcello:Nirgendwo zuhause

Filmszene

Er kommt aus der Arbeiterklasse und will Schrifsteller werden: Martin Eden (Luca Marinelli)

(Foto: Verleih)

Pietro Marcello hat Jack Londons "Martin Eden" nach Neapel verlegt und daraus eine Reise durch die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts gemacht.

Von Susan Vahabzadeh

Ein Kampf, bei dem man vergessen hat, worum es geht, ist schon verloren. Martin Eden (Luca Marinelli) kämpft verzweifelt, er ist besessen von der Idee, Schriftsteller zu werden. Obwohl man ihn, das Arbeiterkind, als er sich weiterbilden möchte, auf die Grundschule zurückschicken will; obwohl seine Schwester und vor allem ihr Mann ihn für einen Taugenichts halten, der mal zur See fährt und dann wieder die Nase in seine nutzlosen Bücher steckt.

Martin aber hält an seinem Plan fest und versucht es immer wieder, selbst als Elena (Jessica Cressy), in die er sich verliebt hat, ihm einen anderen Weg weist: Sie ist aus reichem Hause, der Vater würde ihm eine Stellung verschaffen, und dann könnte er sie heiraten. Oder er soll wenigstens nicht über die finsteren Verhältnisse schreiben, aus denen er stammt. Aber er will unbedingt aus eigener Kraft bestehen, und als das, was er tatsächlich ist.

Pietro Marcello hat Jack Londons Roman "Martin Eden" adaptiert und nach Neapel verlegt. Wahre Liebhaber des Buchs werden die Figuren zu weichgezeichnet finden, und das Ringen um Anerkennung tritt in den Hintergrund. Ganz wundervoll aber sind die schwarz-weißen Szenen, die Marcello zwischen die eigentliche Handlung geschnitten hat, als würden wir in diesen Momenten mit Stummfilmschnipseln und nachgemachtem Neorealismus Martins Gedanken und seinen Geschichten folgen. Und Luca Marinelli ist ein betörender Martin Eden, verletzlich, voll unterdrückter Wut. Selbst wenn er spottet, bleibt sein Blick unendlich traurig - bei den Filmfestspielen in Venedig, wo "Martin Eden" 2019 Premiere hatte, wurde er dafür mit dem Darstellerpreis Coppa Volpi ausgezeichnet.

Jack Londons Roman "Martin Eden" von 1909 ist ein bemerkenswert weitsichtiges Buch, deswegen hat Pietro Marcello es ja auch verfilmen wollen: "Wir haben den Roman Jack Londons auf eine freie Weise interpretiert", sagt er, "und ihn als ein Fresko genommen, das die Verwerfungen und Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts vorausgesehen hat, ebenso wie seine entscheidenden Themen: das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, die Rolle der Massenkultur, den Klassenkampf..." Und so hat er sich eben auch bemüht, seinem Film eine sichtbare Allgemeingültigkeit zu verleihen, ihn nicht in einer festen Epoche zu verankern - so kann man all das, wovon er erzählt, nicht abtun als abgeschlossene Vergangenheit.

Der Regisseur lässt eine Traumzeit entstehen, die unbestimmt bleibt

Marcello lässt eine merkwürdige Traumzeit entstehen, man weiß bei seinem Neapel nie so recht, woran man ist. Die Interieurs der Upper Class bestehen sowieso aus Antiquitäten, und die Stadt sieht manchmal nach den Zwanzigern, dann wieder nach den Fünfzigerjahren aus, und die oft beschirmte Elena trägt Kleider, die in die Jahrhundertwende gehören, dafür dann aber doch zu kurz sind, während Martin selbst in einer doch recht zeitgemäßen Daunenjacke herumspaziert. So hat Marcello aus dem Roman, der kurz nach der Jahrhundertwende entstand, einen Film gemacht über den Kulturbetrieb des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts.

Hoffnungsvolle Geschichten hat Elena von Martin verlangt, aber als er mit seinen realistischen Erzählungen über das Elend der Arbeiterklasse endlich zum Star-Autor wird - so ähnlich ist es Jack London ergangen -, findet er noch immer kein Fünkchen Hoffnung. Er beschreibt wahrhaftig die grausame Welt, die er gesehen hat, aber er glaubt nicht, dass seine Beschreibungen sie verändern. Ein mitleiderregender Mann - und so hat ihn Jack London wohl auch gemeint, der selbst Sozialist war. Martins Streben nach Individualismus ist gleichermaßen der Motor seiner Kunst und die Krankheit, die ihn auffrisst.

Mit dem Erfolg erfasst ihn eine Leere, die er nicht verkraftet. Was bleibt? Martin Eden gehört nirgendwo dazu, vom Sozialismus hat er sich abgewandt, den alten Verbündeten ist er zu intellektuell, seine Bücher versteht niemand, Elenas reiche Freunde bleiben ihm fremd, und am schlimmsten: Er kommt zu dem Schluss, dass sie ihn nie geliebt hat - sonst wäre es ihr egal gewesen, ob aus ihm was wird. Martin Eden ist ein Mann voller Talente, aber ohne Empathie. Nicht mal der Triumph über seine Herkunft kann ihn retten; Liebe ist nicht alles, aber ohne Liebe ist alles nichts.

Martin Eden, IT/F/D 2019 - Regie: Pietro Marcello. Buch: Marcello und Maurizio Braucci. Kamera: Francesco Di Giacomo, Alessandro Abate. Mit: Luca Marinelli, Jessica Cressy, Denise Sardisco. Piffl Medien, 129 Minuten.

© SZ/kni
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