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Marseille als Kulturhauptstadt:Touristenklischee, Sozialmief und Baufieber

Die nordafrikanischste aller europäischen Städte in ein Luxusobjekt nach dem Vorbild Barcelonas oder Neapels verwandeln zu wollen, ist aber ein schwieriges Unterfangen. Die Sanierung der Rue de la République ist ein Beispiel dafür. Dieser während dem Zweiten Kaiserreich nach dem Pariser Modell im Stil Haussmanns entstandene Boulevard hat nie das erhoffte Bürgertum angelockt und geriet in Verwahrlosung. Seine aufwändige Renovierung seit acht Jahren mit Verkehrsberuhigung, Baumbepflanzung, Boutiquen und vornehmen Apartments führt auch nicht zum angestrebten Ergebnis. Die Investoren kommen so wenig wie damals die Bürger der Belle Époque. Marseille will keine Bürgerstadt werden.

Dem muss das Kulturhauptstadtprogramm Rechnung tragen, zumal über die Stadt Marseille hinaus fünf Dutzend weitere Kommunen des Départements Bouches-du-Rhône beteiligt sind, darunter die vornehme Festivalstadt Aix-en-Provence. Neben den klassischen Veranstaltungsschwerpunkten - Ausstellungen über die "Maler des Südens" von van Gogh bis Matisse, über Albert Camus, über Le Corbusier - zeichnet sich das Programm "Marseille Provence 2013" mit seinem Gesamtbudget von 90 Millionen Euro vor allem durch eine Vielzahl origineller Kleinprojekte aus. Unter dem Titel "TransHumance" werden im Schritttempo der Pferdegespanne Künstler aus Italien und Marokko das Gebiet durchqueren.

250 Wanderkilometer durch Stromleitungswälder und Niemandsland

Vierzig am Stadtbauprojekt Euroméditerranée beteiligte Institutionen und Unternehmen lassen im Rahmen von "Marseille Provence 2013" je einen Künstler bei sich mitarbeiten. Oder im Großraum Marseille werden abseits der pittoresken Felsbuchten der "Calanques" 250 Kilometer neue Wanderwege durch Industriegebiete, Stromleitungswälder und Niemandsländer angelegt.

Zu den herausragenden Vorhaben gehört aber auch der Ausbau des ehemaligen Internierungslagers Les Milles, in dem zwischen 1939 und 1942 zunächst ausländische Exilanten wie Lion Feuchtwanger, Hans Bellmer, Max Ernst, dann Résistance-Kämpfer und schließlich jüdische Häftlinge vor dem Abtransport nach Drancy und Auschwitz eingesperrt waren, zu einem öffentlich zugänglichen Ort des Gedenkens.

Das kulturelle Herz Marseilles schlage mehr in der seit zwanzig Jahren sich entwickelnden Kulturbrache La Belle de Mai auf dem Gelände einer ehemaligen Tabakfabrik als im klassischen Kunstbetrieb, meint der Norddeutsche Ulrich Fuchs, der als stellvertretender Direktor für "Marseille Provence 2013" aus der ehemaligen Kulturhauptstadt Linz in den Süden gekommen ist. Die stark oral ausgerichtete Tradition dieser Gegend - in der Stadt gibt es laut Fuchs mehr Bars als Briefkästen - soll im Veranstaltungsprogramm wie im Vorgehen des Vorbereitungskomitees nutzbar gemacht werden.

Banlieu inmitten der Stadt

Dessen Vorsitzender Jean-François Chougnet hat wie sein Vorgänger Bernard Latarjet, der die Kandidatur Marseilles vor vier Jahren zum Sieg geführt hat, das bis zum Gezänk herzhafte Temperament der Ortsansässigen schätzen gelernt. Im Unterschied zu anderen Orten würden hier die Probleme nicht ausgegrenzt, sagt die für das Sozialprogramm von "Marseille Provence 2013" zuständige Nathalie Cabrera: Was anderswo in den mehr oder weniger fernen Banlieues abläuft, passiert in Marseille mittendrin. Mit fünfzehn Künstlerprojekten soll dieses explosive Potential im Programmteil "Quartiers créatifs" auf neue Bahnen gelenkt werden.

Das Stadtquartier Le Panier nördlich des alten Hafens hat solche Programme nicht mehr nötig. Es steht mit seinen engen Straßen gerade auf der Kippe zwischen authentischer Volkstümlichkeit und restauriertem Nostalgieschick. "Ich ging die Rue du Panier hinab", heißt es in einem Roman des Marseiller Krimi-Autors Jean Claude Izzo, "und meine Erinnerung hallte lauter als die Schritte der Passanten. Das Viertel war noch kein Montmartre, der üble Ruf blieb hartnäckig, die üblen Gerüche ebenfalls".

Das hat sich inzwischen geändert, und etwas weiter westlich blicken die Proletarier in den Filmen Robert Guédiguians, dieses verspäteten Marcel Pagnol der Leinwand, von ihren sonnenüberfluteten Kleinbürgerterrassen auf das Treiben im Hafen, dessen Kräne viel zu oft ruhen. Vorbei an Touristenklischee, Sozialmief, Eventkultur und Baufieber schickt Marseille mit einem klug zusammengestellten Programm sich an, sein Image neu zu richten.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung des Textes war ein Foto dargestellt, das französische Polizisten in Marseille zeigt. Die Bildunterschrift erweckte den Eindruck, dass die Beamten aus Sicherheitsgründen in Gruppen unterwegs seien. Tatsächlich begleiteten die abgebildeten Polizisten die Evakuierung von mehr als 4.000 Einwohnern anlässlich der Entschärfung einer amerikanischen Fliegerbomber aus dem Zweiten Weltkrieg . Dank bildblog.de haben wir diese irreführende Berichterstattung berichtigen können, indem wir das Foto entfernt haben.