Süddeutsche Zeitung

Marseille als Kulturhauptstadt 2013:Kultur und andere Sorgen

Lesezeit: 4 min

Marseille ist jetzt Kulturhauptstadt Europas und feiert das Mediterrane als Lebenseinstellung. Doch erst einmal müssen die Bewohner der Krisenviertel überzeugt werden, dass Kunst ihnen nützt und keine Geldverschwendung ist.

Von Joseph Hanimann

Als am Samstag um 19 Uhr mit dem "großen Klamauk" aus Auto- und Schiffshupen, Kirchenglocken, Gesang und Geschrei Marseille offiziell seine Rolle als Kulturhauptstadt Europas antrat, war aus Barcelona, Algier, Kairo, Beirut, Athen übers Meer kein Gegenecho vernehmbar. Dabei hatte "Marseille-Provence 2013" den Mittelmeerraum ausdrücklich zum Hauptthema seines Programms gemacht. Der Mittelmeerraum hat andere Sorgen: Als die französische Hafenstadt vor vier Jahren das Rennen um den Kulturhauptstadttitel gewann, war der Staatspräsident Sarkozy gerade dabei, eine "Union pour la Méditerranée" ins Leben zu rufen. Es war eine Totgeburt: Zu den Vizepräsidenten gehörten der Ägypter Mubarak und der Tunesier Ben Ali.

Das Mittelmeer ist ein Kultur- und ein Problemraum, neuerdings auch ein ganz eigener Bewegungsraum. Das kommt im Marseiller Kulturprogramm durch eine starke Künstlerpräsenz aus den Ländern rund ums Mittelmeer zur Darstellung. Zahlreiche Werkbeiträge spielen auf die Figur von Odysseus an, dessen späte Nachfahren heute auf unsicheren Kähnen über allerlei Kultur- und Kontrollsperren hinweg nicht mehr heim, sondern in die Fremde hinaus wollen. Der Grundtenor dieses aus insgesamt fünfhundert Ausstellungen, Aufführungen, Konzerten und sonstigen Veranstaltungen bestehenden Programms "Marseille-Provence 2013" lautet auf Konfrontation, Begegnung und Durchmischung. Er bildet die nette Obertonreihe zu einem europäischen Ohrwurm, der wirtschaftlich und politisch eher nach Abschottung und Dichtmachung klingt.

Wohin der Sprung gehen soll

Zwei dauerhafte Kulturinstitutionen werden in diesem Jahr in Marseille am prominenten Ort des alten Hafeneingangs eingeweiht. Das Musée des Civilisations de l'Europe et de la Méditerranée (MuCEM), ein Glas-Beton-Quader vom Architekten Rudy Ricciotti, ist die erste staatliche Museumsgründung Frankreichs außerhalb von Paris seit langem. Sie geht auf einen Entschluss der Kulturministerin Catherine Tasca vor zwölf Jahren zurück, die im Musée des Arts et Traditions populaires im Pariser Bois de Boulogne versteckte ethnografische Sammlung im Zug der Dezentralisierung nach Marseille auszulagern. Dort verwaiste das Projekt dann als Provisorium, bis es im Kulturhauptstadtrausch wachgeküsst wurde. Im Frühjahr soll es mit seiner Sammlung und mit Ausstellungen die Programmtätigkeit aufnehmen.

Unmittelbar daneben ist die vom Italiener Stefano Boeri entworfene Villa Méditerranée geradezu ein Schnellschuss des Regionalfürsten Michel Vauzelle. Der Präsident der Region Provence-Alpes-Côte-d'Azur wollte den Kulturhauptstadtzug nicht untätig vorbeifahren sehen. Der Bau bildet eine Art Sprungbrett mit einer dreißig Meter stützenlos vorgreifenden Ausstellungsplattform. Nur weiß offenbar noch niemand genau, wohin der Sprung gehen soll. Die allgemeine Rede von Kulturaustausch vermag die Konzeptarmut dieser neuen Einrichtung nur schlecht zu verbergen. Die Stadt Marseille wiederum tat sich unter dem seit achtzehn Jahren regierenden Bürgermeister Jean-Claude Gaudin für das Kulturhauptstadtjahr mit Stadterneuerungen vorab um den alten Hafen hervor.

Dass für einen echten Kulturhauptstadtsog auch wirtschaftliche Schubkraft nötig ist, war den Polit-Granden der Mittelmeerstadt klar. Viele Beobachter haben bis zuletzt an einer termingerechten Fertigstellung der Projekte gezweifelt. Wenn sie sich getäuscht haben, ist das nicht zuletzt einem Mann zu verdanken, der als Vorsitzender des Organisationsvereins "Marseille-Provence 2013" aus dem Hintergrund die Fäden knüpfte. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Jacques Pfister, verstand es, scheinbar widersprüchliche Interessen zusammenzuspannen. Marseille hatte nie ein Kulturbürgertum, bis zum Zweiten Weltkrieg aber ein Besitzbürgertum. Daran sucht die Stadt heute anzuknüpfen. Dank dem Hochgeschwindigkeitszug TGV liegt sie drei Stunden von Paris entfernt. Im Unterschied zu anderen Städten Frankreichs liegen in Marseille die Krisenviertel auch nicht draußen in den Vororten, sondern mitten drin, mit einer scharfen Bruchkante zwischen den heruntergekommenen nördlichen und den eher wohlhabenden südlichen Vierteln.

Über diese Kante hinweg sucht das Überbauungskonsortium Euro-Méditerranée seit bald zwanzig Jahren mit Flächensanierung und einigen Prestigevorhaben wie einem Büroturm von der Architektin Zaha Hadid eine neue Dynamik zu schaffen. Ein langwieriger Prozess. Auf der 480 Hektar großen Dauerbaustelle trocknen über ersten Luxusboutiquen vor den Fenstern die Gebetsteppiche. Dank dem Kulturhauptstadteffekt hat diese Entwicklung aber erstmals einen zusammenhängenden Ausdruck gefunden.

Das Problem von Marseille ist seine zu große Berühmtheit für die explosive Mischung aus Sonnenschein, Pastis und Kalaschnikow-Schüssen. Im Gegensatz zu den Kulturhauptstadt-Vorgängern Lille oder Liverpool bildet in Marseille das Veranstaltungsprogramm auch nicht die Krönung eines eingeschlagenen Wegs aus der Krise, sondern erst den erhofften Anfang. Selbst die Metropolenbildung ist im Großraum Marseille im Planungshickhack rivalisierender Gemeinden stecken geblieben.

So erscheint "Marseille-Provence 2013" schon heute als ein Erfolg. Denn hinter der Doppelbezeichnung stecken neben Marseille fünf Dutzend weitere Städte einschließlich der schicken Bürgerstadt Aix-en-Provence. Nicht allein das Kalkül einer ansehnlicheren Geldsumme - neunzig Millionen Euro Veranstaltungsbudget, fast siebenhundert Millionen Investitionsbudget - drängte die Stadtväter zu einem regionalen Schulterschluss. Auf kulturellem Gebiet sollte hier eingeübt werden, was demnächst auch an besser koordinierter Raumplanung, Verkehrsberuhigung, Umweltpflege zustande kommen kann.

Vielfältig aufgefächert

Ein Blick durch die erste der drei Programmphasen des Jahres wirkt insgesamt überzeugend. Zwar ist eine in Aix-en-Provence geplante große Ausstellung über den Schriftsteller Albert Camus durch Unstimmigkeit zwischen den Veranstaltern, der Stadt und der Camus-Tochter Catherine gekippt worden. Die mediterranen Spannungs- und Verwandtschaftslinien werden dennoch vielfältig aufgefächert. In einer restaurierten Lagerhalle des Hafens La Joliette zeigt die Ausstellung "Méditeranées", wie unterschiedliche Mittelmeer-Erfahrungen seit der Antike einander ablösten. Die Exponatauswahl zu Troja, Tyra, Al-Andalus, Venedig, Istanbul, Algier mag teilweise unverständlich, mitunter dürftig sein, doch verstanden die Kuratoren am Leitfaden des Schiffsbaus zu zeigen, dass im Kielwasser der Kriegsschiffe stets auch die Handelsschiffe folgten und dass das mediterrane Kulturmodell mehr mit Segel und Ruder als mit Trutzburgen gemacht wurde, wie der Historiker Fernand Braudel schon lehrte.

Blickwechsel aus dem zeitgenössischen Kunstschaffen zum Thema Mittelmeer werden in den neuen Ausstellungsräumen auf dem Gelände der ehemaligen Tabakmanufaktur La Belle de Mai - seit zwanzig Jahren Frankreichs berühmteste kulturell genutzte Industriebrache - geboten. Dort reflektieren vierzig Künstler mit Installationen und Videos über das Fremdsein am vertrauten Ort. Der Palästinenser Taysir Batniji ließ den Satz vom Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit in Marseiller Seife stanzen. Annette Messager schickt in einer Installation ein Schiff über ein bewegtes Meer aus dunklen Haarwellen auf ungewisse Reise. Der Ägypter Youssef Nabil setzt sich per Foto als Fremdling an markanten Marseiller Orten in Szene.

Prägnanter sind indessen die Meditationsräume, die gut ein Dutzend Autoren und Künstler vom Nobelpreisträger Orhan Pamuk bis zum Algerier Nourredine Ferroukhi und zur Israelin Sigalit Landau unter dem surrealistisch anmutenden Titel "Cadavre exquis" im Musée Granet in Aix-en-Provence einrichteten. Und im ehemaligen Hospiz der Vieille Charité von Marseille wiederum zeigt der Fotograf Joseph Koudelka eine beeindruckende Auswahl aus seinen seit zwanzig Jahren entstehenden Schwarz-Weiß-Bildern mit Ruinenlandschaften aus dem Mittelmeerraum, die nicht mehr von Menschen, sondern von Wolken, Licht- und Schattenkontrasten bewohnt werden.

Ein solches Veranstaltungsangebot darf weder an der Ortsbevölkerung vorbei auf dem Niveau eines Kunstbiennalenpublikums, noch als Jahrmarkt gemacht werden. "Kulturhauptstadt ist nicht Documenta", sagt der Programmmacher Ulrich Fuchs. In Marseille wird auf die Einbeziehung aller Bevölkerungsschichten Wert gelegt. Die Eröffnung begann in den kulturfernen Nordquartieren. Mehr als mit spektakulären Aktionen, so wissen die Veranstalter, ist mit dauerhafter Vermittlungsarbeit dem Einwand jenes Stadtviertels zu begegnen, das in Marseille mit der Begründung, Kultur sei Geldverschwendung, die Teilnahme abgelehnt hat.

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Quelle:
SZ vom 14.01.2013
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