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Französische Literatur:Besonders wertvoll

Ein Teil der 12 Meter langen Papierrolle, auf der "Die 120 Tage von Sodom" niedergeschrieben wurde.

(Foto: Martin Bureau/AFP)

Der französische Staat kauft für 4,55 Millionen Euro das Originalmanuskript von Marquis de Sades "Die 120 Tage von Sodom".

Von Nicolas Freund

Der Marquis de Sade war ein Lieblingsmotiv des amerikanischen Künstlers Man Ray. Eine seiner Bronzebüsten zeigt den Schriftsteller, Philosophen und Triebmenschen mit der gelockten Haarpracht des Ancien Régime und einem von Furchen und Rissen durchzogenem Gesicht, als sei er selbst eine Ziegelmauer, die aber bereits dem Verfall ausgesetzt ist. Dieses eigenwillige Porträt wird meist als Symbol der doppelten Funktion de Sades verstanden: als Vertreter und Revolutionär einer Gesellschaft, für die er, aus altem provenzalischem Adel stammend, konstituierend war und der er zugleich mit seinen philosophischen und sexuell ausschweifenden Werken die Maske des Anstands herunterriss.

De Sade schrieb den Text während seiner Haft in der Bastille in winziger Schrift

Es wirkt deshalb ebenso zynisch wie konsequent, dass der französische Staat das Originalmanuskript des Romans "Die 120 Tage vom Sodom" gerade für 4,55 Millionen Euro ersteigert hat. De Sade schrieb den Text 1785 während seiner Haft wegen diverser Sittlichkeitsdelikte in der Bastille von Paris in winziger Schrift auf einer 12 Meter langen Papierrolle, die durch die Jahrhunderte mehrfach den Besitzer wechselte, gestohlen wurde und für mehrere Jahrzehnte Teil der privaten Sammlung eines Liebhabers erotischer Memorabilia war. Die Handschrift, die in pornografischen Details von den Vergewaltigungen und Folterpraktiken einer Gruppe gelangweilter Libertäre erzählt, bezeichnete der französische Staat schon 2017 als Nationalgut. Sie soll nun nicht nur bewahrt, sondern auch der Forschung zugänglich gemacht werden.

De Sade, der selbst als junger Kavallerieoffizier im Siebenjährigen Krieg Zeuge zahlloser Grausamkeiten geworden sein soll, gilt als Begründer einer subversiven, den korrekten Schein verachtenden Strömung in der französischen Literatur, die sich bis in die Gegenwart zu den Romanen Michel Houellebecqs verfolgen lässt. Flaubert, Huysmans und Baudelaire beriefen sich auf den Marquis (wenn auch nicht auf die "120 Tage von Sodom", das erst 1904 veröffentlicht wurde), ebenso wie George Bataille, Albert Camus und sogar die Vertreter der Kritischen Theorie, die seine Bedeutung für die Hinterfragung abendländischer Tabus betonten. Das sind doch ausnahmsweise gute Gründe, um 4,55 Millionen Euro in erotische Literatur zu investieren.

© SZ
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