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Maroon 5 beim Super Bowl:Wenig ist so politisch wie Gleichgültigkeit

Super Bowl LIII - New England Patriots v Los Angeles Rams

Adam Levine, Sänger von Maroon 5, während der Halbzeit-Show beim Super Bowl 2019.

(Foto: Timothy A. Clary/AFP)

Die Show von Maroon 5 war langweilig? Nicht nur. Sie war ein gesellschaftliches Statement.

Glaubt man dem Internet, ist Adam Levine, Frontmann der Band Maroon 5, wohl das aktuell besttätowierte Stück Götterspeise des Pop: künstlerisch glitschig also, persönlich schartenfrei und inhaltlich nicht zu greifen. Vulgo, langweilig. Aber immerhin bunt bemalt. Und es fällt zunächst schwer, dem zu widersprechen.

Der 39-Jährige und seine Band haben in der Halbzeit des diesjährigen Super Bowl tatsächlich ein aseptisches Nichts von einer Show abgeliefert. Kalkulierte Ereignislosigkeit, wie die NFL - und mit ihr indirekt auch Donald Trump - sie sich wünschen, damit die Geschäfte reibungslos laufen.

Wie schön es wäre, wenn die Geschichte damit endete. Wenn man in der Nacht auf Montag einfach nur Langeweile erlebt hätte. Tatsächlich sah man aber: ein politisches Spektakel.

Bilder zur Halbzeitshow

Big Boi im Rapper-Nerz

Dem Glauben an die vermeintliche ereignis- und kontroversenlose Darbietung liegt nämlich ein grundlegender Irrtum zugrunde. Der Irrtum, Pop könne jemals unpolitisch sein. Der Irrtum, man könne agieren (oder noch mehr: nicht agieren), und damit keine Position beziehen.

Tatsächlich ist Pop aber immer politisch. Nicht nur dann, wenn er Pamphlete brüllt und Fäuste reckt. Mindestens genau so, wenn er all das offensiv vermeidet. Das Wunderbare an diesem großen Irrsinnszirkus ist, dass sich alles mit Bedeutung aufladen kann: die Sicherheitsnadeln der Punks ebenso wie die dicken Ketten und Karren der Kapitalismusjünger im Rap. Die waldschratige Zauselhaftigkeit der Folk-Sänger oder die retuschierte Zellulite in Hochglanzvideos. Egal was man tut oder lässt: Man kann nicht nichts sagen. Pop transportiert immer eine Haltung zur Welt - sei es nun Ablehnung oder Begeisterung, Widerstand oder Rückzug.

Oder Gleichgültigkeit. Wenig ist ja so politisch wie Gleichgültigkeit.

Zumal, wenn sie in einem Umfeld wie diesem auftritt. Die NFL ist von Debatten zersetzt wie lange nicht. In der Spielzeit 2016/17 hatte der damals noch als Quarterback engagierte Colin Kaepernick sich regelmäßig während der Nationalhymne hingekniet, um gegen Polizeigewalt und Rassismus zu protestieren. Er löste damit eine Bewegung aus - und eine Kontroverse, in die sich sogar der Präsident einschaltete: "Wäre es nicht großartig", hatte Trump auf einer Veranstaltung in Alabama gefragt, "wenn jemand unsere Flagge verachtet und der Eigner darauf sagt, 'nehmt den Hurensohn vom Feld. Er ist gefeuert. Er ist gefeuert.'"

Die politisch glaubwürdigeren Künstler des Landes hatten deshalb bereits im Vorfeld ihre Teilnahme an der Halbzeitshow abgesagt. Cardi B ("Es würde sich in meiner Seele falsch anfühlen") verweigerte sich ebenso wie Rihanna oder Pink. Jay-Z erwähnt den Schritt sogar im Song "Apeshit".

Maroon 5 sagten zu. Und hofften womöglich wirklich, durch offensive Nicht-Aktion davonzukommen. Das Märchen vom Unpolitischen auf die Bühne zu stellen. Ein bisschen "One Love"-Schriftzug und ein bisschen Gospel-Chor. Fans hatten hingegen gefordert, die Band solle sich, wenn sie schon spiele, während der Performance wenigstens ebenfalls hinknien. Aus Solidarität. Als Zeichen.

Die Kalifornier blieben stehen. Keine Solidarität. Ein Zeichen schon. Auch ein durchgedrücktes Knie kann sich mit Bedeutung aufladen - was etwas Tragisches in sich trägt: Mit etwas Wohlwollen muss man wohl sagen, dass Maroon 5 kaum eine Chance hatten. Pamphlete und geballte Fäuste passen nicht zum seifigen Soul-Rock der Band. Widerstandskniefälle hätte man den Musikern womöglich als Anbiederung ausgelegt.

Kontroverse um geforderten Sponge-Bob-Song

Eine falsch kalkulierte Aktion kann im Pop tödlich sein. Eine Nicht-Aktion ist es dieser Tage quasi garantiert. Wer versucht, etwas zu tun, ohne damit etwas auszudrücken, bekommt das passende Narrativ von außen verpasst. Wer eine Show wie ein großes lautes Achselzucken konzipiert, darf sich nicht wundern, wenn der Vorwurf der Gleichgültigkeit zurück brüllt.

Auch in Bereichen, die politisch weniger drängend sind: Kurz vor dem Super Bowl gab es nicht nur eine Petition, die einen Kniefall der Band forderte, sondern auch eine, die verlangte, man solle im Gedenken an den jüngst verstorbenen Sponge-Bob-Schöpfer Stephen Hillenburg einen Song aus der Comic-Serie spielen. Maroon 5 begnügten sich mit einem kurzen Einspieler. Die Reaktionen fielen fast noch heftiger aus als die auf die politische Ignoranz.

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