Süddeutsche Zeitung

Marlon Brando:Im Zwielicht der Erinnerung

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Wenn man fühlt, fühlt man immer zu viel: Zum Tod von Marlon Brando

Von Susan Vahabzadeh

Am Ende soll er gewesen sein, körperlich, seelisch, finanziell. Man hat es sehen können bei seinem letzten Filmauftritt, vor drei Jahren in dem Gangsterfilm "The Score", wie schwer es ihm gefallen ist, sich noch zu bewegen, dass sein Körper zur Last geworden war, ihn noch mehr Düsternis umgab als je zuvor - aber der Zauber war noch da, in jeder Szene. Und man hat sehen können, wie dieser Zauber auch Robert DeNiro erfasste, der ihm in diesen Szenen gegenüber saß.

Marlon Brando, der am Donnerstag gestorben ist, war einer der größten Schauspielen, die es je gegeben hat, und er war auch einer der schönsten, voll Wehmut sieht man heute die Bilder an, die Aufnahmen von dem jungen, zornigen Mann, der er einmal gewesen ist ... Glück ist, so sagt Stanley Kowalski in "Endstation Sehnsucht", dass man glaubt, man hat Glück .

Brando, der große method actor - man kann immer nur spielen, was man fühlt. Es muss schwer gewesen sein zuletzt, noch eine Rolle zu spüren, das letzte Lebensjahrzehnt war vielleicht zu hart dafür, von Tragödien überschattet. Neun Kinder hatte Brando aus diversen gescheiterten Ehen, eine seiner Töchter hat Selbstmord begangen, nachdem ihr Bruder ihren Freund ermordet hat.

Immer wieder hieß es, Brando sei pleite. Ein neues Buch, "Brando in Twilight", hat ihn vor wenigen Tagen wieder ins Gerede gebracht, es heißt, er habe seine Oscars versteckt vor Gläubigern. Solche Geschichten sind mit Vorsicht zu genießen, den Oscar, den er 1955 für "Die Faust im Nacken" bekam, nahm er entgegen, den zweiten für "Der Pate" aber nicht - die Geschichte mit der falschen Indianerin, die bei der Zeremonie seine Ablehnung verlas, gehört zu jenen Stories, für die Brando berühmt war.

Hat es tatsächlich zwei Oscars gegeben in seinem Haus? Der Mann ist halt immer gut gewesen für Legenden - aber er hat die Ehrfurcht, die im entgegenschlug, selbst nie verstehen können. "Würden die Leute", hat er mal gefragt, "mir auch applaudieren, wenn ich ein großartiger Klempner wäre?"

Brando wurde in Omaha, Nebraska geboren, am 4. April 1924, schwierig war er immer, ist schon als Kind aus der Schule geflogen. Er ging nach New York, um am Actor's Studio die Schauspielerei zu lernen - ein Überflieger von Anfang an, als er die erste Rolle am Broadway bekam, war er gerade mal zwanzig Jahre alt.

Dort hat er auch Stanley Kowalski zum ersten Mal gespielt, in "Endstation Sehnsucht", 1947 war das - aufsehenerregend genug, um eine große Karriere zu starten. In der Filmfassung war er natürlich dabei, vier Jahre später, bekam prompt eine Oscarnominierung, die erste von acht - die Academy hat ihm die Absage nicht übel genug genommen, um ihn von der Liste ihrer Götter zu streichen.

Napoleon in "Desirée", "Der Wilde", "Meuterei auf der Bounty", es hätte ewig so weitergehen können... In den Fünfzigern schon fing er an, sich immer mehr für Asien zu interessieren, dann für die Rechte der Indianer.

Das alles habe ihn viel mehr interessiert als die Schauspielerei, hat er zu Capote gesagt, 1956, während der Dreharbeiten zu "Sayonara". Er hat trotzdem weitergemacht. Für Geld, hat er selbst gern gewitzelt - 1978 bekam er für einen Kurzauftritt im Cape in "Superman" vier Millionen Dollar, mehr als der Hauptdarsteller.

Aber Geld allein kann es nicht gewesen sein, man sieht mehr als das auf der Leinwand, in jeder Sekunde. "Der Pate", "Apocalypse Now", "Der letzte Tango in Paris", die Szene am Bett seiner toten Frau - man kann immer nur spielen, was man spürt ...

Es blieb schwierig mit ihm, er galt als genial, aber auch als unbezähmbar - so ist es geblieben bis zum Schluss. Bei "The Score" hat Frank Oz Regie geführt, der einst bei der "Muppet Show" angefangen hat - Brando rief ihn also am Set "Miss Piggy", soll die Hosen runtergelassen haben beim Dreh, damit Oz keine Totalen von ihm drehen konnte.

Am Ende hat Co-Star DeNiro die Regie übernommen bei den Szenen mit Brando, vor dem hatte er mehr Respekt. Das Rüpel-Image war ihm bewusst, er hat ja selbst genug dafür getan, aber es ist immer nur Schutz gewesen, die Zerrissenheit, die Verletzlichkeit waren immer Teil der Rollen... "Je sensibler du bist", so Brando, "desto wahrscheinlicher ist es, dass man grausam zu dir ist, du verkrustest und kannst dich nicht entwickeln. Erlaube dir nie, irgendetwas zu fühlen, denn du fühlst immer zu viel."

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Quelle:
SZ vom 3.7.2004
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