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Essay:Die Mitte, die keine mehr ist

Markus Messling: Universalität nach dem Universalismus. Über frankophone Literaturen der Gegenwart. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019. 222 S., 24 Euro.

Krise des europäischen Universalismus: Markus Messling anaylsiert die frankophonen Literaturen.

Unter dem breiten Dach der weltweiten französischen Sprachgemeinschaft und ihres politischen Überbaus, der "Frankophonie", ist das Licht in den vergangenen Jahren immer fleckiger geworden. An vielen Stellen schimmern neben der Pariser Zentralsonne andere Sonnen durch. Die französischsprachige Gegenwartsliteratur trägt unübersehbar auch karibische, nord- und schwarzafrikanische sowie orientalische Züge. Das schafft Spannung. Vor einem Jahr verweigerte der kongolesisch-französische Schriftsteller Alain Mabanckou seine Teilnahme an Emmanuel Macrons "Frankophonie"-Programm mit der Begründung, es sei weiterhin von postkolonialer Überheblichkeit bestimmt. Auch die gefügigere Schriftstellerin Leïla Slimani, die Macron als seine Sondergesandte für "Frankophonie" gewinnen konnte, stellt die französische Sprache gern in den Glanz ihrer geografischen Vielfalt.

So erscheint es interessant zu untersuchen, wie das Verrutschen des Blicks aus der französischen Zentralperspektive und dem damit verbundenen Universalitätsanspruch in Frankreich selber wahrgenommen wird. Wie sieht es in einer Mitte aus, die keine Mitte mehr ist? Das ist die Frage, die sich der 1975 geborene Romanist Markus Messling in seinem neuen Buch gestellt hat. Auf die französische Befindlichkeit beschränkt sich Messling, der lange am Centre Marc Bloch in Berlin gearbeitet hat und seit Kurzem an der Universität des Saarlandes lehrt, nicht. Die Krise des französischen Universalitätsmodells ist für ihn ein paradigmatischer Fall, der das Ende der europäischen Universalitätsidee schlechthin anzeigt.

Von Frankreich aus war diese Idee nach der Revolution von 1789 durch Napoleon und seine kolonialistischen Nachfolger als "zivilisatorische Mission" mit politischen Hinterabsichten zielstrebig umgesetzt worden. Entsprechend habe, so Messling, auch deren Krise in Frankreich heute "Welthaltigkeit". Und in der französischen Gegenwartsliteratur habe sie sich besonders niedergeschlagen.

Der Autor nimmt dort ein "neues Schreiben" wahr, das mit seinen vorherrschenden Tönen von Verunsicherung, Selbstzweifeln, Zorn, Sehnsucht nach Idealen und Melancholie symptomatisch für die Geistesverfassung Europas überhaupt stehe. In Anlehnung an den Romanisten Erich Auerbach und seine "Mimesis"-Theorie, aber auch an Zeitgenossen wie Felwine Sarr oder Camille de Toledo sucht er daraus Ansätze zu einem neuen Menschheitsbewusstsein zu gewinnen für eine Situation, die nicht mehr darauf aus sei, andere Kulturkreise in ein vom Westen bereitgestelltes Universalitätsprogramm zu integrieren, sondern frei vom postkolonialen Bedeutungsgefälle den philosophisch erstarrten Universalismus-Begriff zu überwinden. "Wir müssen uns neu erzählen", schreibt Messling.

Dafür erscheint ihm das Werk namhafter Vertreter der französischen Gegenwartsliteratur wie Michel Houellebecq, Mathias Énard, Alexis Jenni, Gilles Leroy, Jérôme Ferrari - lauter weiße Männer im mittleren Alter - mit ihrer melancholischen Grundstimmung von Weltverlust besonders aufschlussreich.

Houellebecqs kalte Beschreibung der menschlichen Existenz im Leid totaler Immanenz unter den Bedingungen des Neoliberalismus zeigt den Weltverlust als reine Negativität. Das idealistische Streben nach Liebe, Wahrheit, Kunst und die harte Realität kommen dort nicht mehr zusammen und kreisen beziehungslos im leeren Raum. Idylle und triste Faktizität wohnen stumm nebeneinander.

Bei Mathias Énard hingegen erkennt Messling zumindest die Ahnung eines "neuen Universalismus", der auf dem Umweg eines romantisch verbrämten Orientalismus erreicht wird, wenn Énard etwa im Roman "Kompass" eine Gruppe Orientalisten unterschiedlicher Herkunft und Religionen während einer Sternennacht bei Palmyra ein paar Stunden lang im Gefühl tiefer Gemeinschaft beieinandersitzen lässt. An solchen Momenten des Übergangs vom starren, selbstbezogenen Universalismus der europäischen philosophischen Tradition zu einer offeneren Universalitätsvorstellung ist Messling vor allem interessiert. Vom Schriftsteller Camille de Toledo übernimmt er den Gedanken, die Dekonstruktion der als universell angenommenen Begriffe sei kein Übel, sondern "eine Art Nullpunkt, von dem aus das Zusammenleben neu gedacht werden muss".

Messlings Buch, das aus einer Berliner Vortragsreihe unter der - zugunsten der Égalité neu geordneten - Trias "Égalité, Liberté, Fraternité" hervorgegangenen ist, hat die Vorzüge, aber auch die Nachteile des Typus von Studie, der eine komplexe Realität in die Perspektive einer Gesamtthese stellt. Zu den Vorzügen gehört, dass die Betrachtungen zur französischen Gegenwartsliteratur durch die Zuspitzung auf die Universalismusdebatte hin gesamteuropäische Relevanz gewinnen.

Zudem führen die literaturkritischen Tiefenbohrungen Messlings oft zu anregenden Deutungen, etwa, wenn er die heiter ungegenständlichen Tuschzeichnungen des Kriegsveteranen Salagnon in Alexis Jennis Roman "Die französische Kunst des Krieges" als Erlösung aus den langen Strapazen seiner Schauererzählungen deutet oder wenn er zeigt, wie im Werk des libanesisch-kanadischen Autor Wajdi Mouawad die traumatische Erinnerung an die Gewalt im Nahen Osten nach einer mühevollen Wiederaneignung der Kolonialsprache Französisch in einem besänftigten Schweigen aufgeht, das aber die alten Wunden weiter in sich trägt.

Fragwürdiger sind Forcierungen der Argumentation um der Grundthese willen. Houellebecq als Antimodernisten, politischen Antiliberalen und Bewunderer antiparlamentarischer Souveränität zu beschreiben, ist plausibel, kaum aber die Behauptung, seine Literatur sei eine "Aufforderung zur Kehre". Diese Literatur fordert nichts, sondern kratzt erbarmungslos an der Tapete scheinbar befreiter Individualität. Konstruiert wirkt auch die Gegenüberstellung der Melancholie der "weißen Männer" und der tatentschlosseneren Literatur "starker Frauen" wie Marie N'Diaye, Lydie Salvayre oder Maylis de Kerangal.

Eingehendere Betrachtung hätte der aus Martinique stammende Autor Édouard Glissant verdient, in dessen Theorie von der "Kreolisierung" der Welt die Frage der Universalität im Zentrum steht. Wohl ist Glissant eine schlüssige Antwort schuldig geblieben, inwiefern die heitere Kakophonie der heutigen "Chaos-Welt" und das von ihm propagierte "archipelische Denken" sich vom landläufig postmodernen Relativierungstrend genau unterscheidet.

Sein Plädoyer für die Vielfalt und Mehrsprachigkeit, die er nicht als ein Nebeneinander, sondern als gegenseitige Durchdringung und Übersetzung entwirft, geht theoretisch auf, ist aber lückenhaft geblieben und muss sich in der heutigen Spannung zwischen frivoler Globalisierung und panischer Abschottung hinter improvisierten Grenzen erst noch behaupten.

Messling sucht diese Lücken mit einem breiten Spektrum auch weniger bekannter Autoren zu füllen. Anhand der kamerunischen Schriftstellerin Léonora Miano etwa deutet er die zeitgenössische Migranten-Odyssee vorab der Frauen auf ihren Wegen über Ozeane und Grenzen hinaus als ein Weltbewusstsein, das starre Ursprungsfantasien aufgibt, zugleich aber starke Herkunfts- und Zukunftsvorstellungen durchaus beibehält. Diese Breite des Spektrums macht das Buch zu einem wertvollen und sehr aktuellen Debattenbeitrag.