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Marktgesetze:Die Vielen

Zwei von vielen, vielen Elvissen aus Andy Warhols Werk: "Double Elvis" (1963).

(Foto: Christie's Images Ltd. 2019)

Auf dem Kunstmarkt zählt das Einzelstück, das nicht Reproduzierbare. Warum verkaufen sich dann - von Edouard Monet bis Warhol und Jeff Koons - gerade Werke aus Serien so gut?

Von Astrid Mania

Aktuelle Kunst muss nicht zwangsläufig Kunst von heute sein. Sie kann auch von 1957 stammen und ein Schlaglicht auf gegenwärtige Fragen werfen. In jenem Jahr hatte Yves Klein eine Ausstellung in der Mailänder Galerie Apollinaire. Er zeigte dort elf monochrome Gemälde, alle im Format von 78 mal 56 Zentimetern und in seinem berühmten hypnotischen Blau. Die Leinwände waren in unterschiedlicher Höhe auf Stangen montiert und standen dadurch leicht von den Wänden ab. Der Clou aber war: Jedes Werk hatte einen anderen Preis.

Klein begründete dies mit der unterschiedlichen Wirkung der nur vermeintlich identischen Gemälde: Jedes würde unterschiedliche Empfindungen hervorrufen. Der Preis beruhte also nicht auf objektiven Kriterien auf Seiten des Werks, wie etwa der Größe, sondern auf nicht fasslichen, subjektiven Reaktionen auf Seiten der Betrachter und Betrachterinnen.

Kleins Versuchsanordnung, bei der jenes je ne sais quoi seinen monetären Ausdruck finden sollte, ist ein unverändert scharfsinniger Kommentar zu den Mechanismen auf dem Kunstmarkt. Der Kontrast zwischen der Serialität seiner Gemälde und der Diskrepanz zwischen ihren Preisen führt heute auch zu der Frage, warum gerade bei Auktionen oftmals die Werke Höchstsummen erzielen, die nicht aus dem Œuvre eines Künstlers herausstechen. Unter den teuersten Losen der letzten Jahre finden sich auffallend viele, die im Kontext einer Serie oder sogar als Edition erschienen sind.

Das klingt zunächst erstaunlich, ist es doch in der Regel das Seltene, das begehrt und damit teuer ist. Doch es gibt gute Gründe, das Serielle auch ökonomisch zu schätzen - Wiedererkennungswert zahlt sich aus, das gilt für einzelne Künstler wie auch für einzelne Werkgruppen.

Böcklin malte die "Toteninsel" gleich fünf Mal. Das Motiv war populär, und er brauchte Geld

Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass von einem Werk mehrere Fassungen existieren. Zu den bekannteren Beispielen der Moderne dürften wohl Édouard Manets "Die Erschießung des Kaisers Maximilian" oder auch Arnold Böcklins "Toteninsel" gehören. Manet arbeitete sich von 1867 bis 1869 durch vier Fassungen des Gemäldes, das verbildlichte Scheitern der Expansionspolitik Napoleons III. Während Manet mit der Frage rang, wie er die politische und menschliche Dimension dieses Ereignisses darstellen könne, malte Böcklin wenige Jahre später seine morbide "Toteninsel". Sie entstand zwischen 1880 und 1886 in fünf Fassungen, auch weil das Gemälde derart populär war und Böcklin eine Option bot, sich aus einem finanziellen Engpass zu befreien.

Im Impressionismus wird die Serie Programm. Claude Monets bei veränderten Licht- und Wetterbedingungen gemalte Motive, seine Heuhaufen oder Kathedralenansichten, verlangen geradezu nach dem Abgleich mit ihren Pendants, damit das Wandelbare am Gleichbleibenden überhaupt sichtbar wird. Ein "Heuhaufen"-Gemälde aus dem Jahr 1890 bietet Sotheby's nun am 14. Mai in der Auktion mit Impressionismus und Moderne an, geschätzt auf über 55 Millionen Dollar.

Was das Werk so attraktiv macht? Genau jene Spannung zwischen Serialität, Musealität und Rarität: Ist es doch, laut Sotheby's, eine von nur vier Leinwänden dieser insgesamt 25-teiligen Serie, die, so behauptet Sotheby's einfach, "in diesem Jahrhundert angeboten werden", wobei sich 17 in den prominentesten Museen des Westens befinden, vom Metropolitan in New York bis zum Musée d'Orsay in Paris. Branding in Perfektion.

Warhol spielte mit Prinzipien der Massenproduktion. Den Preisen merkt man das nicht an

Bei Christie's kommt nur einen Tag später ein "Double Elvis" von Andy Warhol auf den Block. Bei ihm ist das Serielle, vor allem in seiner mechanisierten Form des Siebdrucks, bereits eine Replik auf die Massenproduktion von Gütern und Information. Es erscheint auch als Gegenentwurf zu den genialischen Ergüssen der Abstrakten Expressionisten. Der Siebdruck von 1963, den Christie's zwischen 50 und 70 Millionen Dollar taxiert, stammt aus Warhols legendärer Ausstellung in der Ferus Gallery in Los Angeles, in der der Pop-Künstler kurz zuvor seine erste Solo-Schau gehabt hatte. Elvis war dort auf silbern glänzender Leinwand wie in einem Spiegelkabinett in nahezu unendlicher Vervielfachung erschienen. Heute befindet sich ein großer Teil auch dieser Werke in den Händen von Museen.

Darin liegt der Reiz solcher Werke, die zwar in Serie entstanden, jedoch nicht in Serie verfügbar sind. Paul Cézannes "Die Kartenspieler" beispielsweise, 2011 für kolportierte 275 Millionen Dollar anonym und privat verkauft und damit eines der teuersten Gemälde überhaupt, existiert in fünf Versionen. Zwischen 1890 bis 1895 entstanden, befinden sich vier davon in öffentlichen Museen. Ein Werk mit solch einer Verwandtschaft kommt nicht häufig auf den Markt.

Pablo Picassos "Les femmes d'Alger (Version 'O')" von 1954/55, bis zum Verkauf des "Salvator Mundi" von, vermutlich, Leonardo da Vinci das teuerste jemals versteigerte Gemälde, ist gar das fünfzehnte aus einer Reihe gleichnamiger Bilder mit dem orientalisierenden Motiv. Aber es ist das letzte seiner Art, und so kann sich der unbekannte Käufer oder die Käuferin im Besitz eines Meisterwerkes wähnen, weil es den Abschluss und damit wohl auch aus Künstlersicht den Höhepunkt einer ganzen Serie darstellt.

Unter den Toplosen der vergangenen Jahre finden sich auch veritable Editionen. Die Aluminiumskulptur "Oozewald" (1989) von Cady Noland existiert als Viererauflage plus Artist's Proof. Bis sie im Herbst von der Britin Jenny Saville übertrumpft wurde, hatte Noland damit und mit rund sechseinhalb Millionen Dollar den Höchstauktionspreis für ein Werk einer lebenden Künstlerin inne: Einerseits bietet das Werk mit seinem Bezug zum Kennedy-Attentat ein amerikanisches Sujet par excellence, andererseits hat die Künstlerin ihre Praxis aufgegeben. Das Angebot ihrer Werke ist also begrenzt.

Erstaunlicher ist da der Fall Jeff Koons, der bis zum vergangenen Jahr, als er von David Hockney überrundet wurde, der lebende Künstler mit dem teuersten Werk war. Koons' rund drei Meter hohe Aluminiumskulptur "Balloon Dog (Orange)" (1994-2000) erzielte 2013 bei Christie's New York knapp 60 Millionen Dollar, wiederum gezahlt von einem unbekannten Käufer. Er oder sie hat sich nicht an der Tatsache gestört, dass der einer Luftballonskulptur nachempfundene Hund gleich mehrfach existiert - in verschiedenen Farben zwar, aber als Fünferedition.

Hier dürfte wohl eher der Preis rückwirkend auf das Werk abstrahlen, als eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. Dass das Werk jemals wieder in eine Auktion kommt, dass es also seinen Preis je verteidigen muss, ist unwahrscheinlich. Es wird sein Dasein wohl als (bislang) teuerster Koons und eines der teuersten Werke der Gegenwart fristen müssen.

Möglicherweise werden, sofern sie auf den Markt kommen, die übrigen "Balloon Dogs" ähnliche Preise erzielen. Bis dahin versucht Christie's es mit einem Häschen. Am 15. Mai kommt Koons' Edelstahl-"Rabbit" (1986), das zweite aus einer Dreierauflage plus Artist's Proof, zum Aufruf. Der Schätzpreis orientiert sich sichtlich am bisherigen Alphatier Hund: Er liegt zwischen 50 bis 70 Millionen Dollar.

© SZ vom 11.05.2019

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