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Buchempfehlung "Harte Jahre":Gespenstisch verdunkelte Zeit

Eine Wandmalerei in Guatemala-Stadt erinnert an den 50. Jahrestag des von der CIA unterstützen Sturz des gewählten Präsidenten Jacobo Árbenz 1954.

(Foto: AP)

Mario Vargas Llosas neuer Roman handelt - unter anderem - von einem Präsidentenmörder, der als Romanfigur völlig unglaubwürdig wäre, hätte er nicht tatsächlich gelebt.

Von Rudolf von Bitter

Seit er als verschreckter Schüler einer Kadettenanstalt die extremsten Charaktere auf ihre Funktionsweisen reduziert und literarisch dargestellt hat, reflektiert Mario Vargas Llosa grundlegende Elemente lateinamerikanischen Befindens. Wahrscheinlich wollte er zu Anfang bloß verstehen, womit er zu tun hatte. Die gesellschaftliche Relevanz seiner Beobachtungen, ganz abgesehen von seiner Bedeutung für die lateinamerikanische und Weltliteratur, erweist sich in seinen späteren Werken, wenn diese Jungen, erwachsen geworden, Politik machen; die einen als politische Idealisten, die anderen als blutrünstige Intriganten, und immer wieder taucht das Bordell als Zentralort männlichen Bewusstseins auf.

In den Achtzigerjahren begann Vargas Llosa, sich aktiv in der Politik zu engagieren, seine gescheiterte Kandidatur für das Amt des peruanischen Staatspräsidenten 1990 war der Höhepunkt. Aber es war wohl eher eine Recherchereise in die Sphäre der Politik Lateinamerikas, wo dieselben extremen Charaktere enorme Wirkungen erzielen, wie der dominikanische Diktator Trujillo, der im Gruselkabinett des 20. Jahrhunderts ziemlich nah bei Hitler und Stalin rangiert, nur eben lateinamerikanisch mit karibischen Zutaten wie Voodoo und nordamerikanischem Wirtschaftsimperialismus. Über seinen neuen Roman sagte Vargas Llosa in der Casamérica in Madrid, ihn habe eine Begegnung mit einer Frau in Santo Domingo darauf gebrach. Es handelte sich um eine Frau aus der Elite Guatemalas, die mit ihrem energischen Eigenwillen, einer unausgesprochenen Opposition zum Elternhaus und Ablehnung traditionell allgemein verbindlicher Werte dazu beitrug, dass im Guatemala der 1940er-und 1950er-Jahre politisches Chaos ausbrach. Vargas Llosa hat diese Frau, einst Geliebte des Diktators Castillo Armas, Freundin von dessen Mörder und mutmaßliche Informantin des CIA, treffen können.

Ausgangspunkt des Romans ist ein Dilemma in der Geschäftsführung der US-amerikanischen United Fruit Company, die in Guatemala über riesige Flächen zum Bananenanbau verfügte und damit große Gewinne erzielte. Man befürchtete eine Landreform, Steuern und Gewerkschaften, denn es waren nach einer brutalen Diktatur 1944 Politiker gewählt worden, Juan José Arévalo und nach ihm Jacobo Árbenz, die sich die rechtsstaatliche Verfassung der USA zum Vorbild genommen hatten.

Treibende Kraft des Umsturzes war der Botschafter der USA

Es war die Zeit der Truman-Doktrin, des beginnenden Kalten Kriegs, McCarthys und der wirtschaftlichen Vorherrschaft der USA. Bei der United Fruit Company kam man auf die Idee, das Gerücht zu verbreiten, in Guatemala solle der sowjetische Kommunismus einziehen. Es wurden Umsturzpläne erarbeitet, die 1954 erfolgreich waren. Treibende Kraft war der Botschafter der USA, John Emil Peurifoy, der zuvor bereits in Griechenland mit seinem doktrinären Eifer erheblichen Schaden angerichtet hatte. Dass mit solchen Verleumdungen Politik gemacht wird, weiß man, dass der Begriff "Bananenrepublik" hier geprägt wurde, ist weniger bekannt.

Es folgten Attentate, Diktaturen und ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg, die handelnden Personen des Romans sind alle involviert und müssen erklärt werden, was viel Platz braucht. Dazu, als weitere Ebene, die persönlichen Recherchen des Autors. Aber Vargas Llosa will Literatur schaffen. Er montiert auf die historischen Eckpunkte seines Romans, die Wahl von Árbenz und den Mord an dem Diktator Carlos Castillo Armas, der ihn gestürzt hatte, zwei Parallelhandlungen, die in die Erzählung der politischen Ereignisse eingestreut sind, eine davon voller Rückblicke auf das politische und private Leben, sodass ein sehr weites Assoziationsgeflecht entsteht, das man im Kino, wo die vielen Einzelereignisse dicht auf dicht einander folgen würden, oder als anspielungsreiche Lyrik für Wissende goutieren könnte. Hier macht es den Romananfang sperrig.

Nach einem etwas zähen Anfang entwickelt sich Spannung

Ab der Mitte, wenn die zum Verständnis des Geschehens notwendigen Informationen abgearbeitet sind, verlässt der Autor die Sphäre nationaler Politik mit ihren Anordnungen und Depeschen, und es entwickelt sich ein spannender Abenteuerroman mit reichlich Action, so zum Beispiel, als der Mörder des Präsidenten nach seinem Attentat dessen Geliebte zur Flucht auffordert, um sie dann, gleich hinter der Landesgrenze, sexuell zu überfallen, was aber ihrer Verbindung zu ihm keinen Abbruch tut. Von ihrer abenteuerlichen Fahrt durch ein gespenstisch verdunkeltes Land hat sie dem Autor erzählt. Da ist man nah am Geschehen.

Außer ihr und dem hysterisch antikommunistischen US-Botschafter hat es Vargas Llosa vor allem der Präsidentenmörder angetan, ein Geheimdienstmann Trujillos, der Folterungen gerne beiwohnte und Mordanschläge organisierte. Abbes García wäre als Romanfigur völlig unglaubwürdig, doch sein verderbliches Wirken ist historisch verbürgt. Faszinierend wird er in Vargas Llosas Ausgestaltung: umgänglich, charmant, ein liebevoller Sohn und vollendeter Kavalier, der mit einer zweiten Identität in den USA überlebt haben könnte. Im Roman aber bereitet der Autor ihm und den anderen Finsterlingen, und seinen Lesern, ein moralisch versöhnendes Ende. Der US-Botschafter wird von einem Lkw zermalmt, Trujillos Agent wird in Haiti zerhackt und zerstampft, sein ortsansässiger Handlanger wird von den Nachkommen derer, die er umbrachte, in die Luft gejagt. Heil davongekommen ist nur die eigenwillige Informantin, für die es überhaupt keine Grundsätze gab, die sie an irgendetwas gebunden hätten.

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre. Roman. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2020. 411 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 22.04.2020/tmh
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