Mario Adorf erinnert sich. Los Wochos Pistoleros

Ich war ein Mexikaner, dann noch ein Mexikaner, und dann wollte ich nicht mehr. Erinnerungen an den unerbittlichen Regisseur Sam Peckinpah. Von Mario Adorf

Von mail an Kultur

Ich hatte 1964 mit Sam Peckinpah den Western ¸¸Major Dundee" (deutscher Titel: ¸¸Sierra Charriba") gedreht, Hauptdarsteller waren Charlton Heston, Richard Harris, James Coburn, Warren Oates und Senta Berger. Ich spielte den mexikanischen Sergeanten Gomez. Der Film wurde in Mexiko gedreht und ich darf sagen, dass ich in den über drei Monaten Drehzeit einen guten Teil dieses wunderbaren Landes auf dem Pferderücken kennen gelernt habe. Ich hatte außer dem Reiten Lasso- und Messerwerfen, Pistolenjonglieren, La-Bamba-Tanzen und Tequilatrinken gelernt und war fast schon ein richtiger Mexikaner geworden. Ich hatte auch Sam Peckinpah kennen gelernt. Er war damals 39 Jahre alt, wirkte aber viel älter. Er war ein eher kleiner Mann, drahtig, und schien, wenn man ihm zuhörte, das zu sein, was man einen Macho nennen würde. Seine Träume drehten sich um Jagen und Fischen, Lagerfeuer und mit Männern reden und vor allem trinken. Man musste an Hemingway denken, wenn man ihn reden hörte, nur dass der glaubhafter als Jäger, Boxer und Frauenheld wirkte.

Man musste an Hemingway denken, wenn man ihn reden hörte, nur dass der glaubhafter als Jäger, Boxer und Frauenheld wirkte.

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In meinen ¸¸Unordentlichen Erinnerungen" habe ich mich nicht sehr schmeichelhaft über Peckinpah am Drehort geäußert: ¸¸Er brachte es fertig, morgens zehn Minuten vor Drehbeginn zu mir zu kommen, mir den Arm um die Schulter zu legen und heiser zu murmeln: ,Märiau, last night . . .", letzte Nacht, und er zeigte fünf ausgestreckte Finger, ,Five times!", und dabei machte er eine obszöne Bewegung, ,five times", fünf Nummern." Und nur fünf Minuten später, als ich ihm eine kleine Idee für die nächste Szene vorschlug, ließ er mich abblitzen. ¸¸,We follow the script!" Wir folgen dem Drehbuch. Ich konnte es immer noch nicht glauben, dass der privat so intim mitteilsame Peckinpah mich so abfahren ließ. Also machte ich einen letzten Versuch: ,Sam, ich . . ." worauf nur noch ein unleidliches , Fuck off!!!" folgte, verpiss dich."

Dann aber erinnerte ich mich an Peckinpah, der über die Geschichte Mexikos, das grausame Blutvergießen durch die Amerikaner, die Gringos, hervorragend Bescheid wusste, sich in jenen Monaten in das Land und die Menschen verliebte, bei einer Fiestaszene, die in vier Tagen abgedreht werden sollte und für die er vierzehn Tage brauchte, eine Mexikanerin kennen lernte und gleich heiratete.

Als dem Film wegen des Überziehens der Drehzeit von den ihm verhassten Hollywood-Produzenten und Verleihern der Geldhahn abgedreht wurde, arbeitete Peckinpah wie ein Besessener vier Tage und Nächte ohne Pause, ohne jemals auch nur aus den Stiefeln zu kommen. Das Team hatte er in zwei Teile geteilt, die sich abwechselten, nur der Kameramann hielt mit ihm durch. Dennoch wurde der Film, wie man weiß, vom Produzenten Jerry Bresler erbarmungslos zusammengeschnitten. Auch meine Rolle fiel weitgehend der Schere zum Opfer.

Gut zwei Jahre später bot mir Peckinpah eine Rolle in ¸¸The Wild Bunch" an. Ich las das Drehbuch und stellte fest, dass ich wieder einen Mexikaner spielen sollte, eine sehr viel kleinere, wenn auch wichtigere Rolle als in ¸¸Major Dundee", nämlich einen General. Nun, das wäre je eine schöne Karriere als Mexikaner gewesen, vom Sergeanten zum General! Dann aber las ich, dass ich als General einem Jungen die Kehle durchschneiden sollte. Ich las die anderen unglaublich gewalttätigen Szenen, für die der Film dann berühmt, für viele auch berüchtigt wurde. Ich sah mich wieder vier Monate lang durch Mexiko reiten. Ich hatte gerade mit Sophia Loren eine italienische Komödie gedreht, hatte ein Angebot, den Film ¸¸Das rote Zelt" in Russland zu drehen. Ich lehnte den Peckinpah-Film ab. Die Rolle des Generals spielte dann Emilio ¸¸Indio" Fernandez, den ich bei ¸¸Major Dundee" kennen gelernt hatte und der mir für die Rolle des Generals auch vom Alter und von seinem unglaublichen Kopf her richtiger und besser erschien. Dennoch, als ich den Film drei Jahre später im Kino sah, bereute ich meine Entscheidung, natürlich wegen des großen Erfolges, und ich bedauerte, dass ich Warren Oates, Ben Johnson, L. Q. Jones nicht wieder gesehen hatte und dass ich William Holden, Ernest Borgnine und Robert Ryan nicht kennen gelernt hatte, mit denen zusammen zu arbeiten ich erst viele Jahre später das Glück hatte.

Heute frage ich mich: Waren es wirklich die Gewaltszenen, die mich die Rolle ablehnen ließen? Ich war damals sicher nicht so gegen Gewalt im Kino sensibilisiert, wie einige gewalttätige italienische Filme, die ich später drehte, zeigen. War es meine Meinung über Peckinpah? Er war mir nicht unsympathisch, ich habe ihn später in Los Angeles getroffen, durchaus in der Hoffnung, wieder mit ihm arbeiten zu können. Er plante einen Film über Pancho Villa, schrieb das Drehbuch; ich erfuhr dann, dass man ihm den Film weggenommen hatte. Ich bekam aber auch bald mit, wie verbittert er gegenüber dem Hollywood-Establishment war, welche Schwierigkeiten er hatte, überhaupt einen Film machen zu können.

Als ich das Drehbuch von ¸¸Wild Bunch" las, war ich wohl zu jung, um für Peckinpahs Geschichten von alten Männern Verständnis zu haben, und so konnte ich wohl erst später ¸¸The Ballad of Cable Hogue" (Abgerechnet wird zum Schluss) schätzen und lieben, vor allem wegen Jason Robards, den ich viele Jahre später bei meinem verunglückten Versuch, mit Werner Herzog in ¸¸Fitzcarraldo" klarzukommen, kennen lernte. Denn nach Jack Nicholson und Warren Oates, die abgesagt hatten, war er Herzogs erster Fitzcarraldo, bis er wie Mick Jagger und ich ausschied und Klaus Kinski die Rolle schließlich spielte.

Ich habe ¸¸Wild Bunch" in den frühen siebziger Jahren gesehen, aber es gibt viele Bilder, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Die berühmt gewordene Anfangsszene, in der Kinder einen Krieg zwischen Skorpionen und Ameisen inszenieren und sie dann verbrennen, das markante Gesicht von ¸¸Indio" Fernandez, wie er die Kehle des Jungen durchschneidet. Dann sind die in Zeitlupe gedrehten blutspritzenden Einschüsse in Form farbgefüllter Plastikblasen, die endlosen Massaker grausame, unvergessliche Bilder, während die wenigen idyllischen Szenen am Lagerfeuer, die Gespräche zwischen Holden und Borgnine schwächer, aber dankbar in Erinnerung bleiben.

Peckinpah bot mir erst viele Jahre später wieder eine Rolle an, als deutscher Landser in seinem ¸¸Steiner - Das Eiserne Kreuz", eine negative Rolle, die ich nicht spielen wollte, was Peckinpah nicht verstehen konnte. Wenige Tage später trafen wir uns bei einem Filmball in München. Wir saßen am gleichen Tisch, durch einige Plätze getrennt. Ich beobachtete ihn, er spürte wohl meinen Blick, er sah mich lange an, kritzelte dann etwas auf seine Platzkarte und ließ sie mir weiterreichen. Ich las: ¸¸As a character-actor you should love to play the villains - it pays! Sam." (Als Charakterschauspieler solltest du gerne die Bösen spielen - es lohnt sich! Sam.) Ich lehnte dennoch die Rolle ab, die schließlich Klaus Löwitsch spielte. Danach sah ich Peckinpah nie wieder.

Der Autor hat zuletzt vor allem Fernsehfilme gedreht, unter anderem ¸¸Enigma" mit Volker Schlöndorff.