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Marina Abramović wird 70:Oft gab es für sie einen Schmerz zu überwinden

Um Schmerz und Erlösung ging es von Anfang an. Aber da glich ihre Kunst noch einem Teufelskreis, sie konnte Schmerz nur mit Schmerz betäuben und riss die Wunden ihrer Kindheit wieder auf.

Die ersten Kapitel der Autobiografie handeln von Zwang und Leid. In diese Familienhölle kam Abramović mit sechs Jahren Verspätung, weil die Eltern, jugoslawische Kriegshelden, die 1946 in Belgrad geborene Tochter zuerst zur Großmutter gaben.

Es folgten die spartanische, brutale Erziehung der Mutter und dazu ein ewiger, bösartiger Ehestreit. Sie schreibt es nicht, aber man ahnt, dass diese Zeit das Gefühl zurückließ, dass Männer und Frauen weder mit- noch ohne einander leben können.

Ihre Selbstquälerei ist sehr erfindungsreich - die Spanische Inquisition war nichts dagegen

Heraus führte nur das Schlupfloch der Kunst. Ihre frühen selbstquälerischen Performances stellten den Erfindungsreichtum der spanischen Inquisition in den Schatten, aber sie waren immer auch kunstvoll genug, um nicht einfach Selbsttherapie vor Publikum zu sein.

Mit ihrem deutschen Lebens- und Kunstpartner Ulay spielte sie dann zwölf Jahre das elterliche Ehedrama nach: Abramović und Ulay rannten immer wieder nackt ineinander, um weibliche und männliche Energie zu einem "dritten Selbst" zu vereinigen, sie ohrfeigten sich gegenseitig mit steigender Frequenz und Ähnliches mehr.

Schließlich gingen sie 1988 von den entgegengesetzten Enden der chinesischen Mauer zu Fuß aufeinander zu, um sich nach drei Monaten in deren Mitte zu treffen. Ursprünglich wollten sie sich hier das Ja-Wort geben. Stattdessen trennten sie sich, und wieder gab es einen Schmerz zu überwinden.

Auf ihre Art wollte uns Marina Abramović immer davon überzeugen, dass sie auch für uns leidet, dass sie das Leiden aller Menschen kennt. Aber sie musste erst ihren eigenen Passionsweg bis zum Ende gehen, um den Heiligenstatus zu erlangen, den sie heute, mit 70 Jahren, inne hat.

© SZ vom 30.11.2016/doer
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