bedeckt München 17°

Marina Abramović wird 70:Von der Schmerzensfrau zum weiblichen Dalai Lama

Sie rührt Menschen zu Tränen, nur indem sie Blicke tauscht: Marina Abramović.

(Foto: AFP)

Mit 70 Jahren ist Marina Abramović nicht nur die Königin der Performance-Kunst, sondern auch eine weltberühmte Trostspenderin. Der Weg dorthin war voller Leiden.

Von Michael Kohler

Alles beginnt 1973 mit einem Saufspiel, wie es jugoslawische Bauern gerne spielen. Marina Abramović legt ihre Hand auf einen Bogen Papier und sticht, so schnell sie kann, mit einem Messer zwischen ihre gespreizten Finger.

Nach den Spielregeln müsste sie jedes Mal, wenn sie sich verletzt, einen Schnaps trinken, doch Abramović stellt ihre eigenen, nicht weniger unerbittlichen Regeln auf: Sie lässt ein Tonband mitlaufen, um das Tack-Tack-Tack der Klinge und ihre Schmerzensschreie aufzuzeichnen, und greift nach jedem Durchgang zu einem größeren Messer.

Nach zehn Runden hält sie kurz inne, um das Tonband zurückzuspulen. Dann spielt sie die Aufnahme ab und versucht, die Messerstecherei von vorne beginnend, sich in exakt denselben Momenten zu verletzten wie beim ersten Mal.

An diesem Abend auf dem Kunstfestival Edinburgh wurde Marina Abramović noch einmal neu geboren. "Ich fühlte mich", heißt es in ihrer gerade erschienenen Autobiografie, "als wäre ich zugleich Empfängerin und Senderin einer gewaltigen elektrischen Energie. Angst und Schmerz waren verschwunden. Ich war eine andere."

Als der Applaus verebbt und der "Rausch" ihrer Jungfern-Performance verflogen war, verwandelte sich die 26-Jährige allerdings wieder in sich selbst zurück. Und war wieder die geprügelte Tochter, die ihre Mutter, eine hohe kommunistische Funktionärin, stets nur durch eines gnädig stimmen konnte - die totale Hingabe an die Kunst.

Der Körper als Bühne und Material

Marina Abramović, die viele Jahre Professorin an den Kunsthochschulen in Hamburg und Braunschweig war, ist heute die Königin der Performance-Kunst.

Diesen Aufstieg kann man durchaus mit kunsthistorischen Begriffen beschreiben. Man käme dann zu den Verwandtschaften mit Valie Exports Tapp-und-Tastkino; zu Joseph Beuys, der drei Tage und drei Nächte lang mit einem Kojoten lebte; und zu all den anderen, die um 1970 begannen, ihre Körper als Bühne und Material zu inszenieren.

Aber man würde dabei das Wesentliche übersehen und könnte vor allem nicht erklären, warum Abramović die Menschen mittlerweile zu Tränen rührt, indem sie sich auf einen Stuhl setzt und mit ihrem Gegenüber stumme Blicke tauscht.

Lange eher ein berühmter Fall als eine Berühmtheit

Hunderttausende kamen 2010 ins New Yorker Museum of Modern Art, um dieses über 700 Stunden dauernde reinigende Ritual zu erleben, darunter Filmlegenden und Pop-Stars wie Björk und Lady Gaga.

Seitdem ist Abramović, die lange eher ein berühmter Fall als eine Berühmtheit war, so etwas wie der weibliche Dalai Lama. Sie bietet den Menschen nicht nur Kunst, sondern Trost und Hoffnung durch Exerzitien und Askese. Und sie weiß, dass sie ein Vorbild ist: "Wenn ich durch die Tür des Schmerzes gehen kann, um das Leben dahinter zu umarmen, dann können es die anderen auch."

Oft gab es für sie einen Schmerz zu überwinden

Um Schmerz und Erlösung ging es von Anfang an. Aber da glich ihre Kunst noch einem Teufelskreis, sie konnte Schmerz nur mit Schmerz betäuben und riss die Wunden ihrer Kindheit wieder auf.

Die ersten Kapitel der Autobiografie handeln von Zwang und Leid. In diese Familienhölle kam Abramović mit sechs Jahren Verspätung, weil die Eltern, jugoslawische Kriegshelden, die 1946 in Belgrad geborene Tochter zuerst zur Großmutter gaben.

Es folgten die spartanische, brutale Erziehung der Mutter und dazu ein ewiger, bösartiger Ehestreit. Sie schreibt es nicht, aber man ahnt, dass diese Zeit das Gefühl zurückließ, dass Männer und Frauen weder mit- noch ohne einander leben können.

Ihre Selbstquälerei ist sehr erfindungsreich - die Spanische Inquisition war nichts dagegen

Heraus führte nur das Schlupfloch der Kunst. Ihre frühen selbstquälerischen Performances stellten den Erfindungsreichtum der spanischen Inquisition in den Schatten, aber sie waren immer auch kunstvoll genug, um nicht einfach Selbsttherapie vor Publikum zu sein.

Mit ihrem deutschen Lebens- und Kunstpartner Ulay spielte sie dann zwölf Jahre das elterliche Ehedrama nach: Abramović und Ulay rannten immer wieder nackt ineinander, um weibliche und männliche Energie zu einem "dritten Selbst" zu vereinigen, sie ohrfeigten sich gegenseitig mit steigender Frequenz und Ähnliches mehr.

Schließlich gingen sie 1988 von den entgegengesetzten Enden der chinesischen Mauer zu Fuß aufeinander zu, um sich nach drei Monaten in deren Mitte zu treffen. Ursprünglich wollten sie sich hier das Ja-Wort geben. Stattdessen trennten sie sich, und wieder gab es einen Schmerz zu überwinden.

Auf ihre Art wollte uns Marina Abramović immer davon überzeugen, dass sie auch für uns leidet, dass sie das Leiden aller Menschen kennt. Aber sie musste erst ihren eigenen Passionsweg bis zum Ende gehen, um den Heiligenstatus zu erlangen, den sie heute, mit 70 Jahren, inne hat.

© SZ vom 30.11.2016/doer
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema