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Kino:Die Parade der Glaskolben

Kino: Szene aus dem Film "Marie Currie"

Kann hinter der ermüdenden Parade von Glaskolben der Prozess der Wissenschaft spürbar werden? Rosamund Pike als Marie Curie.

(Foto: Studio Canal)

Marie Curie hat zwei Nobelpreise erhalten, die Nachwelt lohnt es ihr mit der Trivialisierung zur feministischen Superheldin. Kann der Sprung vom Labor zum spannenden Drama so schwer sein?

Von Juliane Liebert

Wer einen Film über Marie Curie drehen will, steht vor einem Dilemma. Versucht man sich dem Menschen zu nähern, endet das schnell in der Schmonzette. Komplexe Wissenschaft lässt sich andererseits schwer in Bilder übertragen.

Das ist ein Problem für alle, die von ihr erzählen wollen. Radioaktivität ist die Metapher der Moderne: Eine Zerfallsgeschichte, bei der ungeheure Mengen Energie frei werden. Und auf den Punkt gebracht hat's eine Frau. Marie Curie hat zwei Nobelpreise erhalten und hatte, noch unwahrscheinlicher, einen perfekten Ehemann. Die Nachwelt lohnt es ihr mit der Trivialisierung zur feministischen Superheldin.

Vor vier Jahren versenkte Marie Noëlle die arme Madame Curie in ihrer Verfilmung im Kitsch. Bei der iranisch-französischen Künstlerin Marjane Satrapi ist die Lage nicht so eindeutig. Als Autorin von "Persepolis" (sowohl des Comics, als auch der Verfilmung) hat sie Gespür dafür bewiesen, dass absurde Verhältnisse auch entsprechend verfremdet erzählt werden müssen. "Radioactive" heißt ihr Film über Marie Curie im Original (der deutsche Verleihtitel "Marie Curie - Elemente des Lebens" gehört, wie alle deutschen Verleihtitel, verboten).

Von wissenschaftlicher Ambition merkt man aber zunächst wenig. Die gealterte Marie (eine stets etwas erschrocken dreinblickende Rosamund Pike mit zäher Faltenmaske) fällt im Labor um. Ihr Leben zieht an ihr vorbei. Untermalt von Klaviergeklimper aus der Hollywooddose, wie es üblicherweise den Aufbruch ins Abenteuer anzeigt. Die jüngere Marie (Rosamund Pike in voller Schönheit) stößt auf den Straßen von Paris mit ihrem späteren Mann Pierre (Sam Riley mit akkurat angeklebtem Bart) zusammen. Der Reigen beginnt. Die junge Forscherin trotzt verstockten Ordinarii. Ihr Selbstbewusstsein ist beträchtlich. Im persönlichen Umgang ist sie mitunter direkt bis zur Grobheit. Sie scheint permanent vor Wissensdrang zu knistern.

Auch die Liebesgeschichte ist von Anfang an tief davon geprägt. Zwar gönnt die Regisseurin ihrer Heldin kurze Flitterwochen mit Pierre (für uns springt die Momentaufnahme zweier nackter Genies in Sommeridylle dabei heraus), doch schon in den ersten Minuten des Films wird beim Abendessen mit einem befreundeten Paar hochkomplexe Wissenschaft erläutert.

Ist Kernphysik tatsächlich so schwer in erzählende Bilder zu bringen?

Nun hält so ein Labor ja, auf den ersten Blick jedenfalls, nicht gerade das große Drama in bewegten Bildern bereit. Satrapi zeigt zwar auch eine ermüdende Parade von Glaskolben, weicht dem Problem aber nicht aus. Unvermittelt schwebt ein Klumpen Pechblende in einer surrealen Sequenz à la Kubricks "2001" bedeutungsschwer über die Leinwand. Das Mineral ist der Rohstoff für die Versuche der Curies. Die Animation von etwas, das ein zerfallendes Uranatom sein könnte, wird in die Dinner-Konversation geschnitten. Man merkt auf. Wagt dieser Film so etwas wie einen szientophilen Surrealismus? Leider jein. Immer wieder dämmert er weg in traumartige Passagen. Die Bilder sind oft gefärbt vom grünen Licht des Radiums - verführerisch und giftig zugleich. Aber das alles verdichten sich nie zum Gestaltungsprinzip.

Die Erzählung hangelt sich letztlich fast lustlos, zumindest etwas hektisch an den Stationen der Biografie entlang (Nobelpreis, Unfalltod Pierres, Affäre mit einem Kollegen, die zu einem öffentlichen Skandal führt usw.). Beide Forscher zeigen bald Zeichen von Krankheit, sie husten, Marie altert rasch. Die neu entdeckte geheimnisvolle Kraft sorgt zunächst für Euphorie. Die Öffentlichkeit wittert ein Allheilmittel. Später ist die Forscherin dann mit chauvinistischer Hetze konfrontiert.

Dazwischen montiert Satrapi Sequenzen, in denen Schlüsselszenen der Geschichte der Radioaktivität nachgespielt werden. Hiroshima, Krebstherapie, Atomtest. Sie will damit den narrativen Raum radikal ausweiten, zeigen, dass die Gedanken ihrer Protagonistin Konsequenzen von gigantischem, weltgeschichtlichem Ausmaß hatten. Aber sie verfährt dabei zu plump illustrativ und schafft es nicht, ihre disparaten Stilmittel zusammenzuhalten. Etwa wenn sie Marie Curie in einer Nahtodvision durch die dystopischen Ruinen von Tschernobyl wandeln und aus tiefem Mitgefühl die versehrte Stirn eines strahlenkranken Feuerwehrmanns küssen lässt.

Der Blick auf Wissenschaft bleibt Gemeinplätzen verhaftet. Es vermittelt sich kein Eindruck davon, wie Forschung wirklich funktioniert, wie aus Instinkt eine Hypothese, aus der Hypothese ein Versuch, aus dem Versuch eine tatsächliche Erkenntnis wird, kurz: wie geschulte menschliche Vernunft sich die Welt erschließt, ohne sie jemals zu fassen zu kriegen. Der Geist gelangt nicht in die Bilder, man ahnt ihn nur manchmal wie durch Milchglas. Immerhin: Dass "Radioactive" einen ins Grübeln bringt, spricht für den Film - trotz des hölzernen Spiels, der wenig subtilen Figurenzeichnung und der konzeptuellen Unzulänglichkeiten.

Ist Kernphysik tatsächlich so schwer in erzählende Bilder zu bringen? Dabei war doch der erste klare Hinweis auf Radioaktivität - ein Foto. Die Kunst beginnt, erst recht in Zeiten des Zerfalls, mit der Form. Zum Beispiel mit den schwarzen Flecken, die Uran in einem dunklen Raum auf einer Fotoplatte hinterlässt.

Radioactive, GB 2019 - Regie: Marjane Satrapi. Drehbuch: Jack Thorne. Mit Rosamund Pike, Sam Riley. Studiocanal, 110 Minuten.

© SZ vom 17.07.2020/tmh
Saralisa Volm, 2017

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