Süddeutsche Zeitung

Mariam Kühsel-Hussainis Roman "Emil":Hitler auf dem Rheinschiff

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Mariam Kühsel-Hussainis schreibt auf Deutsch, doch darunter ahnt man andere Muster. Das hat abwechselnd hinreißende und verwirrende Folgen.

Von Burkhard Müller

Mariam Kühsel-Hussaini, 1987 in Afghanistan geboren, aber schon als Kind nach Deutschland gelangt, hat bereits eine ganze Reihe von Romanen vorgelegt, zuletzt das viel beachtete "Tschudi", nach dem Namen des Berliner Museumsdirektors, der zur vorletzten Jahrhundertwende, zum Missfallen seines Kaisers, französische Impressionisten erwarb. An diesem Buch hatten sich die Geister geschieden zwischen Begeisterung und Totalverriss. Liest man Kühsel-Hussainis neues Buch, denkt man sich: Recht hatten vermutlich beide.

Auch mit ihrem neuen Buch, dessen Titel wiederum nur knapp einen Namen aufruft, "Emil", hat sich die Autorin die Geschichte Berlins zum Gegenstand genommen. Wir befinden uns am Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft, und Emil ist niemand anderes als Emil Cioran, der rumänisch-französische Existenzialphilosoph, der seit den Achtzigern einen wachsenden Ruhm als Denker des "Cafard" genoss, der tiefen depressiven Verstimmung, und als wortgewaltiger Prophet von der Vergeblichkeit aller Hoffnung und allen Daseins.

Man staunt über die Kühnheit der Autorin, die lange Gesprächspartien mit Goebbels und Goering erfindet

Vor nicht allzulanger Zeit sind einige seiner frühen, auf Rumänisch verfassten Schriften ans Licht gelangt, und es erwies sich, dass er in der Zeit seines Deutschland-Stipendiums von 1933 bis 1935 ein großer Bewunderer der deutschen Faschisten war. Das führte zu Bestürzungen; aber es hätte auch schon vorher Anlass gegeben, dem pathetisch-unpräzisen Gefuchtel dieses Bajazzos des Schmerzes misstraut hatte.

Zur zweiten Hauptfigur macht das Buch Rudolf Diels, in den Anfängen des Nazistaats Chef der Gestapo, auch er eine zwielichtige, aber eben nicht rein dunkle Figur. Dieses Nebeneinander zweier verschiedenartiger dubioser Charaktere, die in ihren jeweiligen Sphären agieren, ist originell. Es hat aber den praktischen Nachteil, dass die beiden sich nicht begegnen können und die Handlung bis zum Schluss in zwei fast überschneidungsfreien Bahnen läuft, wobei der eine Handlungsstrang (derjenige von Diels), sich immer mehr beschleunigt, der andere jedoch (derjenige Ciorans) allmählich bis fast zum Stillstand abbremst.

Man staunt über die Kühnheit der Autorin, die nicht nur lange Gesprächspartien mit Goebbels und Goering erfindet, sondern es sogar riskiert, Hitler, mit Diels an der Reling eines Rheinschiffs stehend, seitenlang über den Auftrag der Vorsehung sinnieren zu lassen. Dabei passiert etwas, was Kühsel-Hussaini sonst nie passiert: Sie verliert, wenn auch nur vorübergehend, die eigene Sprache.

Denn dass sie eine überaus eigene Sprache hat, werden selbst ihre schärfsten Kritiker nicht bestreiten. Ihre Sprache bewahrt die Autorin davor, in die klassischen Fallen des historischen Romans zu gehen, vor allem beim Dialog, dem sonst meistens nur die Wahl bleibt zwischen schnoddriger Modernität und willkürlicher Altertümelei wie bei der Frakturschrift auf einer Bierflasche. Kühsel-Hussaini begeht ihre Fehlgriffe sämtlich auf eigene Faust. Das hebt sie aus dem Genre heraus, auch wenn man öfters mit Bedauern feststellt, dass da etwas nicht funktioniert.

Im Ausland geborene Autorinnen (Autorinnen mehr als Autoren), die auf Deutsch schreiben, haben die deutsche Gegenwartssprache in hohem Grad bereichert. Marica Bodrozic und Nino Haratischwili können mehr als perfekt Deutsch: Sie entdecken Möglichkeiten unserer Sprache, an die die Alteingesessenen nie gedacht hätten. Zu dieser Gruppe gehört auch Kühsel-Hussaini, die der deutschen Sprache auf ihre Weise noch viel mehr abgewinnt - um nicht zu sagen, mehr abzwingen will, als sie hergibt.

"Fahnen überall... überall, wohin das Lid nur reicht!", so heißt es gleich zu Anfang. Aber so kann man das Auge nicht umschreiben, denn das Lid sieht nicht, im Gegenteil, es schließt den Blick. Eher gingen stattdessen noch die öfters erscheinenden "Linsen", wenngleich auch sie unter der Nähe zur Hülsenfrucht leiden. Aber dann wieder, wenn eine Frau leidenschaftlich das Gesicht eines Mannes küsst, der von seiner Studentenzeit in einer schlagenden Verbindung eine ausgesprochene "Hackfresse" zurückbehalten hat: "Im rechten und wirklich hauchzarten Mundwinkel verweilte sie besonders gern, um dann die wohl drastischste Narbe abzufahren, ihre Zunge spürte, wie sich die Wange hier vom Kinn fast schon trennte, und sie war ,in' seinem Gesicht, zwischen dieser Kluft aus Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, so tief, dass es sie kribbelte, so tief, dass sie, während sie die letzten Narben, die genau das Kinn abschlossen, mitsamt seinem milden Rasierwassergeschmack einlutschte, sagte: ,Du... ich will schon wieder.'" Das mag bizarr sein, aber man sieht es vor sich; man mag es für geschmacklos halten und schmeckt doch, was diese Zunge schmeckt.

Nie hört diese Autorin auf, sich über das Berlinerische zu wundern

Hier ist der Punkt, an dem Emil und die Autorin sich berühren: "Was ist das, dieses offene Geheimnis, das ich hier einatme? Wo ist die Langeweile meines verfluchten Ursprungs, meines zappelnd besessenen Rumäniens, dessen Wollen kein eigenes Ziel, keine Überwältigung besitzt -". Das klingt wie eine elend wörtliche Übersetzung. So schlecht mit Pauken und Trompeten muss man erst mal schreiben können. Es ist genau der Ton des sinistren Cioran selbst.

Mit anderen Worten, Kühsel-Hussaini trifft Cioran deswegen so gut, weil sie in ihm, wenn schon keinen Seelen-, so doch einen Sprachverwandten gefunden hat. Ihre Sprache redet Deutsch, denkt aber aus anderen Mustern, was abwechselnd entzückende und verwirrende Folgen hat: "Diese Berliner Wohnungen wiegen einen." Handelt es sich beim hier vorausgesetzten Gerät um eine Wiege oder eine Waage? Schwer zu sagen. Und nie hört diese Autorin auf, sich über das Berlinerische zu wundern. "Der Totenkopf, haik jehört, soll nu ümma stärka in die Uniformen einfließen". Das "haik" ist genau erfasst, das "ümma" vielleicht nicht ganz so. "Hitler hat in ihr (der Deutschen) Herz hineingesprochen": Das würde sich kein Einheimischer so zu sagen trauen; und doch ist es wahr.

Cioran gelangt letztlich mit all seiner theatralischen Verzweiflung und Eitelkeit nicht über sich selbst und die Seiten seines Journals hinaus, er kocht gewissermaßen ganz nach innen; das ermüdet auf die Dauer. Wer Kühsel-Hussaini dagegen wirklich fasziniert, das ist sein Gegenpol Rudolf Diels. (Er ist es auch, der so leidenschaftlich in seine Narben geküsst wird.) Ihn erklärt sie, mit einigem Trotz, zum "Widerständler" gegen das neue Regime. Das lässt sich beim Chef der Gestapo wohl mit ziemlicher Sicherheit ausschließen.

Immer wieder wird Diels bei Hitler vorstellig und erreicht die Freilassung von KZ-Insassen

Aber Diels gebot der SA und der SS in ihren Folterkellern Einhalt. Gerade weil er ein Nazi in führender Stellung war, konnte er die schlimmsten Exzesse abbiegen. War er darum ein Held? Kühsel-Hussaini will es so und wird damit auf Widerstand stoßen. Doch ist ein Held nur, wer das Böse eins zu eins bekämpft und dabei zugrundegeht - oder auch wer mitmacht und es von innen heraus abzumildern sucht?

Immer wieder wird Diels bei Hitler und Göring vorstellig und erreicht die Freilassung von KZ-Insassen, die beispielsweise auf dem Rücken keine Haut mehr haben, weil sie ihnen komplett abgepeitscht worden ist. Die sadistischen Ungeheuerlichkeiten gerade der NS-Anfangszeit breitet die Autorin in einem Detailreichtum aus, der in den Routinen unserer Gedächtniskultur nur selten zur Sprache kommt, denn so genau will man es dann doch nicht mehr wissen.

Aber nur vor diesem absolut entsetzlichen Hintergrund kann das relative Verdienst eines Einzelnen, der ansonsten bis über beide Ohren verstrickt ist, im nötigen Kontrast erscheinen. Das ist ein Wagnis. Ein Wagnis wie auch die Sprache, in der wir das alles erfahren. Beides zusammen bewirkt, dass man, was sich wahrlich nicht von allen Büchern sagen lässt, dieses Buch mit keinem anderen verwechseln wird.

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