Weihnachtskonzert Festliche Laszivität

Mariah Carey bei der letzten Silvesterfeier am New Yorker Times Square.

(Foto: dpa)
  • Mariah Carey geht erstmals mit ihrem Weihnachtskonzert auf Tour.
  • In Berlin singt sie live und trifft die Töne perfekt und beeindruckend.
  • Ihr neues R&B-Album "Caution" ist dagegen reichlich dünn.
Von Jan Kedves, Berlin

Natürlich hat der größte Weihnachts-Pop-Hit des dritten Millenniums eine eigene Show verdient! Die Frage ist nur, ob man eine Stunde und zwanzig Minuten, also bis zur Zugabe, auf ihn warten will? Das kann man sich im Spektakel "All I Want for Christmas Is You: A Night of Joy and Festivity" durchaus fragen, während Mariah Carey, umringt von einem Gospelchor in weißen Gewändern und einem Ballett-Ensemble in Rentier- und Wichtel-Kostümen, zunächst eine ganze Reihe von Songs singt, die zwar auch aus ihren Weihnachtsalben "Merry Christmas" (1994) und "Merry Christmas II You" (2010) stammen, aber eben nicht "All I Want for Christmas Is You" sind.

Letzteren Hit schrieb sie 1994 zusammen mit dem brasilianisch-russischen Songwriter Walter Afanasieff, der auch für Aretha Franklin und Destiny's Child komponiert und den Titanic-Hit "My Heart Will Go On" für Celine Dion produziert hat. Sixties-Rock-Boogie mit Gute-Laune-Gospel-Power im bombastischen Phil-Spector-Stil. Das Lied geht einfach nicht weg, es hat "Last Christmas" von Wham als penetranteste, vorhersehbarste und doch schönste Herzheizung zu Weihnachten überholt. Auch, weil es den ganzen Geschenkewahnsinn so gut auf den Punkt bringt: Ach, ich wünsche mir ja eigentlich gar nichts zu Weihnachten, außer die große Liebe! Und wenn es die nicht gibt, dann nehme ich irgendetwas Teures mit Schleife.

Pop Von den Farben und Narben eines Lebens Bilder
Alben der Woche

Von den Farben und Narben eines Lebens

Jeff Tweedy zeigt sich auf seinem Soloalbum als der große Trost-Poet Amerikas. Und KT Tunstall schichtet Popgeschichte.

Zuhause in New York gibt es dafür seit Dezember 2014 eine eigene Show, alle Jahre wieder im Beacon Theatre am Broadway. In diesem Jahr geht Carey, 48, zum ersten Mal damit auf Tour. Am Mittwochabend machten die glänzenden Schlitten Halt in der großen, fast ausverkauften Arena am Berliner Ostbahnhof. Derweil klettert der Song in den Charts schon wieder nach oben. Gerade steht er in Deutschland auf Platz 25, Tendenz steigend. Wobei noch sensationeller ist, dass "All I Want For Christmas Is You" seit vergangenem Jahr, seit Weihnachten 2017 (Platz 3) gar nicht mehr aus den deutschen Charts herausgefallen ist. Was bedeutet, dass die klirrenden Santa-Schlittenglöckchen auch zur mentalen Abkühlung Deutschlands im heißesten und trockensten Sommer seit Verleugnung des Klimawandels gerne gehört wurden.

Das neue Album ist reichlich dünn

Aber was macht das mit einer Pop-Künstlerin, wenn ein alter Song von 1994 immer populärer wird, während sämtliche Versuche, auch mal wieder mit neuen, weniger festlichen Songs in die Charts zu kommen, floppen? Das reichlich dünne neue R&B-Album "Caution", vor drei Wochen erschienen, nun ja, Schwamm drüber.

In Berlin lässt sich Carey von eventueller Enttäuschung auch nichts anmerken, sie grinst wie ein Honigkuchenpferd, oder wie Miss Piggy, wenn sie sich Kermit wünscht, oder wie Mae West, die mal wieder einen zotigen Witz gemacht hat, einen Witz wie "So viele Männer, so wenig Zeit". Carey wandelt ihn in ihrer Show familienfreundlich ab zu "So viele Looks, so wenig Zeit!", während der von ihr herangerufene Kostümbildner ihr eine riesige Pelzmütze vom Kopf heben muss, was sie auf keinen Fall selbst hätte tun können. So wie sie sich auch von den muskulösen Tänzern zwischen tausend Geschenkpaketen feierlich die Treppen hoch und herunter und überhaupt auf breiten Schultern gern herum tragen lässt.

Die körperliche Anstrengung muss sich bei Mariah Carey eben ganz auf den Vokaltrakt konzentrieren. Dort, in ihrer Goldkehle, ringen Himmel und Hölle miteinander, und der Gewinner wird mit der Goldseele belohnt. Das Gute und Himmlische gewinnen immer, jedenfalls am Mittwoch in Berlin. Falls es nicht inzwischen noch ganz neue digitale Mikrofontechniken gibt, die den Einsatz von Playback und Auto-Tune noch raffinierter verschleiern als bislang möglich, muss man sagen: Carey singt komplett live und perfekt. Das Volumen, der Ausdruck, die irre hohen Töne im Pfeifregister, das Kratzen beim Umschlagen von Kopf- in Bruststimme: Alles ist da und sehr beeindruckend. Lässt Mariah Carey einen Ton mal nicht hoch in den Himmel flattern wie in "O Holy Night", sondern die Kellertreppe hinunter poltern wie in "Joy to the World", dann landet dieser auf der genau richtigen Stufe und die Genugtuung darüber ist ihr im Gesicht abzulesen.

Ein getroffener Ton scheint bei Carey unmittelbar körperliches Wohlempfinden auszulösen, was zu einer gewissen festlichen Laszivität führt, die den Reiz des ganzen Sexy-Santa-Programms noch unterstreicht. "Oh Santa, rutsch doch auch mal meinen Kamin runter", oder "Santa, wann bringt du meine Glöckchen zum Klingeln?", solche Zeilen schmuggeln sich dazu in die Songs. Und doch bleibt in der "All I Want for Christmas Is You"-Show natürlich alles schön doppeldeutig, also jugend- und kinderfrei. Sonst dürften ja auch nicht Careys eigene Kinder, die siebenjährigen Zwillinge Moroccan und Monroe, genannt Roc & Roe, noch mit auf die Bühne, um ihrer Ma ein bisschen mit Backgroundgesang zu helfen.

Die beiden sind wirklich süß, aber rollt Roc bei "The Star" vielleicht ein bisschen mit den Augen? Mariah Carey scheint es jedenfalls für besonders fürsorglich zu halten, ihre Kinder live auf der Bühne zu fragen: "Alles ok bei euch?" Welches Kind würde sich trauen, vor zehntausend Menschen zu sagen: "Nein, Ma, ich will lieber mit meinem iPad spielen"? Die Therapeuten dürften bald nötig werden. Oder stehen sie schon längst auf dem Wunschzettel, Santa?

Pop Der Typ, der den Rockstars die Unterhosen wäscht

Pop-Konzerte

Der Typ, der den Rockstars die Unterhosen wäscht

Hans-Jürgen Topfs Erfolgsgeschichte hinter den Kulissen des Rock 'n' Roll klingt unglaublich. Wenn Stars wie "U2" auf Tour gehen, ist der Pfälzer fast immer dabei - mit seinen Waschmaschinen.   Von Jan Stremmel