"Die Königin des Nordens" im Kino:Nordische Kombination

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"Die Königin des Nordens" im Kino: Subtile Charakterdarstellerin: Trine Dyrholm als Margrete I.

Subtile Charakterdarstellerin: Trine Dyrholm als Margrete I.

(Foto: -/Splendid Film/dpa)

Ein historischer Polit-Thriller um die mittelalterliche Herrscherin Margrete I. von Dänemark, die versuchte, Skandinavien zu einen.

Von Sofia Glasl

Am Höhepunkt der Krise reitet die Königin in der Abenddämmerung an die nebelverhangenen Klippen. Mit wehendem Gewand steht sie an der Kante und schreit in den Herbststurm hinein. Ihr Lebenswerk droht zu zerfallen - als Monarchin wie auch als Mutter, denn für Margrete I. von Dänemark gehört beides zusammen. Ihr Adoptivsohn Erik ist König von Dänemark, Norwegen und Schweden. Sie selbst ist dadurch zu einer der wichtigsten europäischen Herrscherinnen des Mittelalters geworden.

Erst wenige Jahre zuvor hat sie als Frau geschafft, woran zuvor mehrere Generationen von Männern gescheitert waren. Nach jahrzehntelangen Kriegen vereinte sie 1397 die drei größten skandinavischen Länder und schuf ein gemeinsames Heer. Hinter dem noch jugendlichen Erik hält sie alle Fäden zusammen und leitet das Bündnis.

Der "falsche Oluf" taucht immer wieder als Randnotiz in der Geschichtsschreibung auf

Doch gerade diese Fäden drohen ihr 1402 zu entgleiten, zumindest stellt es sich die dänische Regisseurin Charlotte Sieling in ihrem Film "Die Königin des Nordens" so vor. Sie nutzt eine Unwucht in den sonst wie geschmiert laufenden Geschäften der Königin, um die Machtmechanismen des zu diesem Zeitpunkt noch jungen diplomatischen Konstrukts einer Zerreißprobe zu unterziehen. Aus heiterem Himmel erscheint ein Fremder und beansprucht nicht weniger als den Thron, wodurch er die gesamte Union ins Wanken bringen würde. Er behauptet, Margretes Sohn Oluf zu sein, von dem es hieß, er sei vor 15 Jahren verstorben. Wenn stimmt, was er sagt, wäre er der rechtmäßige Thronerbe. Der "falsche Oluf", wie er auch im Film schnell heißt, taucht immer wieder als Randnotiz in der Geschichtsschreibung auf, ist jedoch nirgends verbrieft. Das Rätsel um den Mann ist bis heute nicht gelöst.

Sieling macht ihn zum Katalysator der Ränkespiele, die am Werk sind, um die hart erkämpfte nordische Union zu wahren. Damit stellt sie nicht nur Margrete als Königin und Mutter auf die Probe, sondern auch den gesamteuropäischen Frieden. Denn der falsche Oluf tritt ungünstigerweise am Vorabend der Verlobung zwischen Erik und der erst achtjährigen Prinzessin Philippa von England auf, die Margrete eingefädelt hat, um mit König Heinrich IV. ein starkes Bündnis gegen die Deutschen zu schmieden.

"Lang lebe König Oluf", rufen die Norweger, die Schweden vermuten eine Intrige des Deutschen Ordens und fordern das Todesurteil für den Hochstapler - Chaos bricht aus, und es zeigt sich, an welch seidenen Fäden die Union hängt. "England braucht uns", behauptet Margrete standhaft. Ihr Berater Peder ist sich nicht so sicher: "Glaubst du, sie sind an einer zerbröckelnden Union interessiert? Wir wissen nicht mal, wer König ist." Die Engländer drohen mit Abreise, ganz Europa blickt auf Dänemark, und der nun zwanzigjährige Erik schmollt selbstgerecht. Er will den Thron um keinen Preis räumen und verhandelt hinterrücks mit König Heinrich IV.

Margrete steht also an der Klippe und schreit sich die Seele aus dem Leib. Man kann es ihr nicht verdenken. Zu hören ist nichts, denn die im Film so spärlich eingesetzte Musik übertönt ihre Wut und all die anderen Emotionen. Es scheint fast so, als wollte Sieling ihrer Protagonistin nicht gänzlich die Blöße geben, denn die Königin ist sonst so gefasst, dass ihre Miene oft wie versteinert wirkt. Selbst als es darum geht, ob ihr tot geglaubter Sohn doch noch am Leben sei, erlaubt sie sich keine sichtliche Gefühlsregung und sucht machiavellistisch nach der bestmöglichen Lösung für die Union - auch wenn das den Tod für den Mann bedeutet, dessen Identität nicht offiziell geklärt ist.

Ein ganzer Psychothriller spielt sich in diesen Nahaufnahmen ab

Trine Dyrholm, der großen Charakterdarstellerin des dänischen Kinos, gelingt es dennoch, diese Reglosigkeit zu beleben und den inneren Kampf der Monarchin auch zu dem einer Mutter zu machen. In nur kleinen Verschiebungen im Timing, kaum erkennbarem Zögern und zu spät erwiderten Blicken macht sie deutlich, welch ein Kampf sich in Margretes Innerem abspielen muss. Lange ist nicht klar, ob Margrete in dem falschen Oluf ihren Sohn wiedererkennt oder nicht. Ihr Zögern, den Mann einfach als Hochstapler zu verurteilen, tarnt sie als Versuch, ihm einen gerechten Prozess zu gewähren. Ihre Gegner legen es ihr als Wahnsinn aus und versuchen, sie zu schwächen.

Rasmus Videbæks Kamera hält jedoch jedes noch so kleine Zucken in langen Porträts fest und findet kleine Risse in dieser emotionslosen Oberfläche. Ein ganzer Psychothriller spielt sich in diesen Nahaufnahmen ab und macht "Die Königin des Nordens" zu einer klugen Fiktion über politische Machtspiele, irgendwo zwischen historischem Mystery-Krimi und "Game of Thrones", die ihre Wahrheit in den überzeitlichen Strategien sucht, die sie aufdeckt.

Die Königin des Nordens, Dänemark, 2021 - Regie: Charlotte Sieling. Buch: Jesper Fink, Maya Ilsøe, Charlotte Sieling. Kamera: Rasmus Videbæk. Mit: Trine Dyrholm, Søren Malling, Morten Hee Andersen, Jakob Oftebro. Splendid, 120 Minuten. Kinostart: 30.12.2021.

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