"Margin Call" im Kino Wenn es kracht im Reich des Bösen

Was passiert, wenn eine New Yorker Großbank realisiert, dass ihr der Untergang droht? "Margin Call" von J. C. Chandor zeigt, wie die Herren aus der Chefetage die Angst befällt, wie korrupt und gierig diese nun vorgehen - und wie egal ihnen der Rest der Welt dabei ist. Ein sehenswerter Film über die Panik im Geld-Paradies.

Von Doris Kuhn

"Bleiben Sie einfach. Erklären Sie die Lage so, dass sie auch ein Golden Retriever versteht", ist einer der scharfen, wohlüberlegten Dialogsätze aus J. C. Chandors Film "Margin Call". Die Sache mit dem Hund hat hier gleich mehrere Funktionen: Der Satz soll den Zuschauer amüsieren. Er soll aber vor allem den Eindruck erwecken, dass der Sprecher solcher Sätze - in diesem Fall Chef einer Wall-Street-Investmentbank - auch nicht genau weiß, wie das mit den Geldströmen auf dem Finanzmarkt genau funktioniert. Und er soll die darauf folgende Erklärung, warum die Bank nun in den Ruin geschliddert ist, so einfach halten, dass sie auch ein Kinopublikum versteht, das sich mit Börsengeschäften und Finanztransaktionen nicht auskennt.

Die Stundern nach dem Krisen-Urknall: Sam Rogers (Kevin Spacey) im Finanzthriller "Margin Call".

(Foto: dpa)

Das Amüsement wird erreicht. Aber weder glaubt man dem Bankier, dass er sein Geschäft nicht durchschaut, noch schafft es der Film, die Mechanismen der Finanzkrise von 2008 so einfach aufzuschlüsseln. Das ist gar nicht so wichtig. Denn J.C. Chandor hat sich für "Margin Call" die Insolvenzgeschichte der Lehman-Brothers als Vorbild genommen, jene New Yorker Investmentbank, deren Insolvenz die Krise damals ausgelöst hat. Es geht dem Film gar nicht um die Aufklärungsarbeit, auf dass die Ursachen des Zusammenbruchs nachvollziehbar werden, sondern um einen scharfen Blick in das Milieu, in dem so eine folgenschwere Pleite möglich war.

Und das funktioniert, denn selbst so trockene Figuren wie Bankiers gewinnen plötzlich Konturen - erwartungsgemäß unangenehme. Trotzdem agieren diese Männer extrem mitreißend, schließlich sind hier Schauspieler wie Jeremy Irons, Kevin Spacey oder Paul Bettany an der Arbeit, die sich voller Hingabe dem Bösen verschreiben.

Die Geschichte beginnt am Abend eines finsteren Tages, dem vierundzwanzig Stunden folgen, die noch finsterer sind. Etliche Mitarbeiter der Firma werden anfangs entlassen. Einer aus der Abteilung Risikoanalyse hinterlässt eine halbfertige Arbeit, deren Berechnungen von einem übriggebliebenen Kollegen ausgewertet werden. Das Ergebnis ist erschreckend: Die Firma sitzt auf größtenteils wertlosen Papieren. Bald ist in der Chefetage klar: Bis das auch die Konkurrenz merkt, bis es dann in großem Ausmaß kracht, kann es nicht mehr lange dauern, wenn jetzt schon ein gewöhnlicher Angestellter dahinterkommt.

Das Räderwerk, das der drohende finanzielle Ruin in der Firma in Gang setzt, führt zu mehr Überraschungen, je deutlicher die Dringlichkeit der Lage wird. Aus dem Nichts materialisieren sich jeweils neue Vorgesetzte, von denen bisher kaum ein Mitarbeiter der Firma etwas wusste, die niemand zuvor zu Gesicht bekam. Wie hinter jedem Firmendirektor ein weiterer zum Vorschein kommt, immer unter Angabe seines Jahressalärs, ist ein hübsches kapitalistisches Zauberkunststück. Am Ende sind genug Zyniker in einem Raum, um den Bestand der Firma zu wahren. Und wenn das den Rest der Weltwirtschaft irreversibel schädigt, kümmert sie das nicht sonderlich.

Das Drama entwickelt sich in den luftigen Höhen der Chefetagen. Immer wieder lenkt die Kamera den Blick aus den Fenstern über die Skyline von New York, die ihre Schönheit darbietet und gleichzeitig die Fallhöhe klarmacht, die in diesen Hochhäusern verhandelt wird. Die korrumpierende Wirkung von Gier und Angst wird sichtbar. Die befällt dann auch bald Menschen, die glauben, sie hätten ein Gewissen. Der Film beschreibt einen kurzen Zeitraum, in dem langfristig Unheil angerichtet wird, und das alles wird klug genug vorangetrieben, um jenen hochsensiblen Moment zu fassen, in dem eine Zeitspanne wirtschaftlicher Unbekümmertheit endet.

Doch die fiktiven vierundzwanzig Stunden von "Margin Call" zeigen nur den Urknall einer Krise. Die Überraschung ist längst vorbei. Sie wurde überholt von mehr und anderen Finanzkrisen, die in der Realität allmählich alltägliche Präsenz entwickeln.

MARGIN CALL, USA 2011 - Regie & Buch: J. C. Chandor. Kamera: Frank G. Demarco. Mit Kevin Spacey, Paul Bettany, Jeremy Irons, Demi Moore, Simon Baker, Zachary Quinto, Stanley Tucci. 109 Minuten. Koch Media.

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