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"Der steinerne Engel" von Margaret Laurence:Das Unglück des gesellschaftlichen Aufstiegs

kostenfreies Autorinnenfoto von Margaret Laurence zur Rezension ihres Romans "Der steinerne Engel" (Eisele Verlag)

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Laurence.

(Foto: Eisele Verlag/Eisele Verlag)

In Kanada ist Margaret Laurences 1964 erschienener Roman "Der steinerne Engel" über eine scharfsinnige 90-Jährige ein Klassiker. Die Neuübersetzung zeigt jetzt: Er ist keinen Tag gealtert.

Von Thomas Steinfeld

Wer von den großen Städten des kanadischen Ostens aufbricht, um auf dem Landweg nach Westen zu reisen, den Trecks der Siedler hinterher, braucht auch heute noch mehrere Tage, um das große Grasland zu erreichen. Erst werden die Bäume kleiner und stehen spärlicher, dann bleiben nur noch Inseln aus Zitterpappeln übrig, schließlich weitet sich das offene Land ins scheinbar Unendliche.

In dieser Zone des Übergangs liegt angeblich eine Kleinstadt namens Manawaka. Und auf dem Friedhof dieses Gemeinwesens, auf einer Kuppe oberhalb der Stadt, soll ein großer Engel aus weißem italienischem Marmor gestanden haben, als Zeichen nicht nur der Trauer oder des Versprechens auf ein ewiges Leben, sondern auch der Verbundenheit mit einer älteren, europäischen Kultur.

"Heute glaube ich", sagt die Erzählerin in einem Roman, der nach dieser Skulptur heißt, "dass er dort in jener fernen Sonne von Steinmetzen gemeißelt wurde, die Berninis zynische Nachfolger waren, erstaunlich genau die Bedürfnisse frischgebackener Tyrannen in einem wilden Land erkannten und Engel wie ihn in rauen Mengen fabrizierten." Begraben unter diesem Engel ist die Mutter der Erzählerin.

Unablässig entlarvt der Verstand die allseitige Heuchelei

Neunzig Jahre alt ist diese Frau, geboren in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts in jener Kleinstadt in Manitoba als Tochter eines despotischen Gemischtwarenhändlers, der es zu Wohlstand und zu einem großen Haus gebracht hatte, dem zweiten Backsteinbau des Ortes. Überhaupt scheint das soziale Leben der Stadt nicht von Pionieren oder Siedlern (oder gar Indianern) geprägt zu sein, sondern von einem grenzenlosen Ehrgeiz, so schnell und so gründlich wie möglich die Lebensformen der abendländischen Zivilisation zu erreichen, unter besonderer Berücksichtigung der sozialen Hierarchien, des Dünkels und des Neids.

Hagar, so heißt die kluge Tochter des Kaufmanns, verweigert sich diesem Milieu. Dem väterlichen Erbe weicht sie zuerst durch eine unpassende Ehe mit einem Farmer aus. Dann sucht sie sich ein selbständiges Auskommen als Haushälterin in einer großen Stadt des Ostens. Unablässig scheint ihr Verstand zu arbeiten, vor allem an der Entlarvung der allseitigen Heuchelei. Aber weder ihre Flucht noch ihre Intelligenz noch ihr Sarkasmus, anderen Menschen gegenüber, hindern sie daran, mehrmals das Unglück zu reproduzieren, das der Vater mit seinem Willen zum gesellschaftlichen Aufstieg in die Welt setzte.

Das literarische Register der klassischen Moderne

Margaret Laurence, geboren im Jahr 1926 in Neepawa, dem Urbild jener Kleinstadt, war Journalistin gewesen und hatte in Afrika gelebt, bevor sie 1964 den Roman "Der steinerne Engel" veröffentlichte. Er zählt zu den großen Werken der kanadischen Literatur, ohne jedoch in Deutschland, einer frühen Übersetzung zum Trotz, angemessen wahrgenommen worden zu sein. Der Grund liegt vermutlich nicht nur darin, dass alles Kanadische sich anderswo erst einmal gegen den großen Nachbarn durchzusetzen hat, sondern auch darin, dass eine solche Erzählung aus den Gründerjahren einer Nation als etwas Verspätetes wahrgenommen wurde - sowohl im Hinblick auf den Stoff der Geschichte als auch in Rücksicht auf die Form: Margaret Laurence verwendet das literarische Register der klassischen Moderne, sie lässt das Bewusstsein strömen, sie arbeitet mit inneren Monologen, sie wechselt zwischen Präteritum und Präsens.

Und doch wirkt das Buch stilistisch nicht so wagemutig, wie etwa William Faulkners "Als ich im Sterben lag", mehr als dreißig Jahre zuvor entstanden, sich immer noch liest, ein Roman, mit dem "Der steinerne Engel" überdies die zentrale Figur der ebenso illusionslosen wie willensstarken Frau gemein hat.

Cover Margaret Laurence, Roman "Der steinerne Engel" (Eisele Verlag)

Margaret Laurence: Der steinerne Engel.

(Foto: Eisele Verlag/Eisele Verlag)

Zurückgekehrt ist "Der steinerne Engel" vermutlich, in einer neuen, präzisen Übersetzung, weil Kanada in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war, oder besser: hätte sein sollen, denn die Einladung mitsamt dem Ereignis fiel zu großen Teilen einer Seuche zum Opfer.

Das ist schade, nicht nur, weil im Abstand von noch einmal fast sechzig Jahren die Differenzen zwischen den Besiedlungsgeschichten wie zwischen den jeweiligen Zuständen der literarischen Moderne eher bedeutungslos werden, sondern vor allem, weil es hier eine ungewöhnliche intellektuelle Frauengeschichte zu entdecken gibt: So scharf, so klar, so unerbittlich arbeitet der Kopf der alten Dame, dass keiner dagegen besteht, einschließlich ihrer selbst. Und wenn dann doch einmal ein wenig Gefühl in die Verhältnisse einzieht, im sexuellen Begehren etwa oder in Hagars Zuneigung zu ihrem Zweitgeborenen, darf man gewiss sein, dass nicht nur ein böses Schicksal, sondern auch ein spezifisch weiblicher Nihilismus (kein Mann ist in diesem Buch so klug, wie die Frauen es sind) längst die Witterung aufgenommen hat.

Ein mickriges Ding ohne Mumm

Denn so spricht Hagar über eine "Jungfer" namens Regina, die unter einem der vielen kleineren, billigeren Engel auf dem Friedhof von Manawaka liegt, die auf den großen Engel aus italienischem Marmor folgten: "Sie war fade wie Eiercreme, ein mickriges Ding ohne Mumm, das mit märtyrerhafter Hingabe Jahr für Jahr eine undankbare und fuchsmäulige Mutter betreute." Margaret Laurence stattet die Welt, wie ihre Erzählerin sie sieht, mit einer Sprache aus, die das Scharfe ihres Verstandes und die Größe ihrer Verachtung für den Rest der Welt beinahe physisch greifbar werden lässt.

So geht es bis zum Schluss, als der alten Dame angesichts eines Frühstücks im Krankenhaus eine Ahnung davon aufgeht, was es mit ihrer Bosheit auf sich hat: "Niemand ist schuld an diesem widerwärtigen weichen Ei, an der geschrumpften Welt, an den Stimmen, die wie Trauernde die ganze Nacht hindurch jammern. Warum ist es immer so schwer, den wahren Schuldigen zu finden? Warum bin ich immer auf der Suche nach ihm? Als würde es einem etwas nützen."

Nein, es nützt nichts, nach den Schuldigen zu suchen, die dem Lebensglück der nur vermeintlich Rechtschaffenen im Wege stehen. Sie sind ebenso wenig schuldig, wie die Erzählerin die moralisch Überlegene ist, so unbestechlich ihr Verstand auch sein mag. Für die Dialektik von Schuld und Anmaßung eine literarische Form gefunden zu haben, die darüber hinaus ein Leben in der kanadischen Provinz des frühen 20. Jahrhunderts anschaulich werden lässt: Darin besteht die Eigenart dieses außerordentlichen Romans.

Margaret Laurence: Der steinerne Engel. Roman. Aus dem Englischen von Monika Baark. Julia Eisele Verlag, München 2020. 338 Seiten, 22 Euro.

© SZ/fxs
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