bedeckt München

Margaret Atwoods Gedichte:Was macht Tiere tierisch?

Margaret Atwood

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood

(Foto: Regina Schmeken)

Bei jedem Tastenschlag geht es ums Ganze: Die Gedichte von Margaret Atwood erscheinen zum ersten Mal in einer umfassenderen Sammlung auf Deutsch.

Von Juliane Liebert

Füchse sind ulkige Tiere. Sie können gut klettern und schleichen und - so denken die Japaner - sogar Erleuchtung erreichen. Das ist nicht unbedingt erstrebenswert, denn so ein erleuchteter Fuchs bekommt neun Schwänze und beginnt, menschliche Lebern zu fressen, heißt es. Bei "Die Füchsin", der im Berlin-Verlag erschienen Gedichtsammlung Margaret Atwoods, haben wir es Gott sei Dank mit einer normalen einschwänzigen Füchsin zu tun. Sie sitzt titelgebend auf dem ebenfalls fuchsfarbenen Gedichtband rum, das Maul weit geöffnet. Schreit sie? Gähnt sie? Tut ihr was weh?

Sucht man das Tier im Buch, muss man erst mal etwas rumblättern, denn der Berlin-Verlag hat ausgewählte Gedichte aus nicht weniger als zehn Gedichtbänden Atwoods hier versammelt. Die Frau hat über zwanzig Gedichtbände geschrieben, während alle damit beschäftigt waren, immer und immer wieder "Der Report der Magd" und "Oryx und Crake" zu lesen. "Die Füchsin" ist hierzulande die erste umfassendere Sammlung ihrer Gedichte. Ins Deutsche übertragen wurden die Texte des Bandes von bekannten deutschen Dichterinnen. "Dichterinnen" ist hier nicht gegendert, es haben sich bis auf Christian Fillips und Jan Wagner wirklich nur Dichterinnen ans Werk gemacht: Ann Cotton, Ulrike Draesner, Monika Rinck und andere. Der Einband verspricht, man würde mehr über die "Autorin als Mensch" erfahren.

Dichtung ist wie Radioaktivität: Sie kann Energie erzeugen und alles zerstören

Als Mensch? Atwood ist eine Institution, die "bekannteste englischsprachige Schriftstellerin der zeitgenössischen Sexualpolitik" (Carmine Starnino). Für sie ist jedes Buch politisch, wie sie einmal in einem Interview sagte. ("Wind in the Willows? When the ferrets take over Toad Hall, that's the class war, right there.") Ihr "Report der Magd" war ein gigantischer Welterfolg, und spätestens seit der Serienverfilmung des Buches ist sie omnipräsent. Ihre Gedichte sind allerdings nicht nur dank Atwoods Sicht auf die sich stetig weiterdrehende Mühle des Geschlechterkampfes bemerkenswert. Sie sind stilistisch recht unterschiedlich: Einige eher spröde, prosaisch. Durchaus auch mal mehrere Seiten lange szenische Spaziergänge durch, genau, den Wald. Andere sind komisch, mit eher lauter als leiser Ironie gedrechselt.

In dem Gedicht "Zeitung lesen ist gefährlich" befasst sie sich mit ihrer Macht als Autorin: "Als ich im Sandkasten / untadelige Burgen baute / schoben Bulldozer Leichen / in hastig ausgehobene Gruben", beginnt sie, "Heute (...) sitze ich in meinem Sessel / still wie eine Zündschnur". Atwood benennt das Erwachsenwerden als ein Sich-Verknüpfen mit der Welt, die zwar auch vorher schon grausig war, auf die das Kind aber nur beschränkten Einfluss hat - das Burgenbauen und die Verscharrung der Leichen geschehen zwar parallel, aber unabhängig voneinander. Dagegen sitzt die Erwachsene im Sessel wie eine Zündschnur, die jeden Augenblick angezündet werden kann.

"Zeitung lesen ist gefährlich." schließt das Gedicht, "Jedes Mal, wenn ich eine Taste / auf meiner elektrischen Schreibmaschine / anschlage, um von harmlosen Bäumen zu sprechen / fliegt das nächste Dorf in die Luft." Der Text stammt von 1968 und meint den Vietnamkrieg. Und seit Brechts finsteren Zeiten weiß jeder Dichter und sein Leser: Wer von Bäumen spricht, schweigt leider auch über viele Untaten. Wer also keine Agitprop produziert, fällt den Unterdrückten in den Rücken.

Margaret Atwood: Die Füchsin. Übertragen von Ann Cotten, Ulrike Draesner, Christian Filips, Dagmara Kraus, Elisabeth Plessen, Kerstin Preiwuß, Monika Rinck, Jan Wagner und Alissa Walser. Berlin Verlag, Berlin 2020. 416 Seiten, 40 Euro.

Durch die Lektüre der Zeitung kommt ihr das eigene Schreiben plötzlich zynisch vor. Während sie von Pflanzen tippt, explodiert ein Dorf. Ein konventioneller politischer Moralismus eigentlich. Sie spitzt den Gedanken allerdings zu, indem sie eine Kausalität zwischen Tippen und Explosion behauptet. So wird der Vorwurf zur Entdeckung einer ambivalenten Superkraft im literarischen Schreiben. Wie Radioaktivität: Man kann damit heilen, Energie erzeugen oder alles zerstören. In jedem Tastenanschlag geht es ums Ganze.

Dichtung und Wahn unterscheiden sich nur in einem Bauteil

Nebenbei schließt sie radikale Subjektivität mit dem Weltgeschehen kurz. Das magische Kinderdenken an der Grenze zur Zwangsneurose stellt eine direktere Verbindung zu globalen Katastrophen her, als es wohlmeinende politische Programme je könnten. Was passiert, wenn ich auf die Risse im Beton trete? Sie entlarvt sowohl die politischen Forderungen an die Kunst als übergriffig, als auch andererseits eine weltabgewandte Romantik als naiv. Auf die Schnittstellen zwischen Ich und Gesellschaft kommt es an. Wie tröstlich antik die Erwähnung einer "elektrischen Schreibmaschine" da anmutet! Andere Texte haben einen ökologischen Fokus, alle Arten von Tieren wandern über die Seiten, die Tiere haben "Menschengesichter", sie sterben, sie träumen. In "Wovon die Tiere träumen" erzählt uns Atwood: Sie träumen von anderen Tieren. Maulwürfe träumen von "Dunkelheit", ein eingesperrter Leguan in einer Zoohandlung träumt dagegen von Sägemehl.

Wo ist die Grenze zwischen Tier und Mensch? Was macht das Tier tierisch und den Menschen menschlich? Ist es die Fähigkeit zu singen? In den ausgewählten Texten aus dem Band "You are happy" gibt einen Schweinegesang, einen Bullengesang, einen Rattengesang, einen Würmergesang. Die Ratten singen: "Ich bin auf deine Kehle aus, meinen Kumpel / der dir im Hals steckt. / Auch wenn du versuchst, ihn zu ertränken / mit deiner schmierigen Menschenstimme."

Doch wo ist nun die Füchsin? Sie versteckt sich fast am Ende des Buches, "Red Fox" heißt der Text im Original, Rotfuchs. Jede Übersetzerin hat jeweils die Texte aus einem bestimmten Band übersetzt - ein interessantes Konzept, bei Sammelbänden werden die Texte ja normalerweise kreuz und quer aufgeteilt, wenn mehrere Übersetzer beteiligt sind.

Gedichtübersetzungen sind eigentlich immer Neudichtungen. Vor welchen Problemen sie stehen und welche Lösungen sie finden, erhellt im besten Fall wiederum die Ausgangstexte. Das gelingt im vorliegenden Band durchweg ausgezeichnet. Um die Füchsin hat sich Jan Wagner gekümmert. Sie läuft, abgemagert, an der Beobachterin vorbei. "Um zu überleben / würden wir alle zu Dieben".

Atwoods Gedichte sind insofern realistisch, als sie ganz konkret die reale Macht des zu gefügter Sprache geronnenen Denkens vor Augen führen. Sie erfüllt alles mit Bedeutung und Zusammenhang. Dichtung und Wahnvorstellung unterscheiden sich nur in einem Bauteil. Erstere besitzt eine durchlässige Ambivalenzklappe. Letztere nicht. Dass es vom einen zum anderen nur ein Schritt ist, beweisen etwa die Lobgesänge auf Stalin von Johannes R. Becher. Einer Füchsin würde das nicht passieren.

© SZ vom 11.11.2020/khil
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema