Niederländische Literatur In alle Ewigkeit spazieren

Marente de Moors Roman über den Filmpionier Louis Le Prince.

Von Meike Fessmann

Im Nachhinein sieht immer alles ganz einfach aus. Wie viele Schritte notwendig sind, bis sich eine Erfindung durchsetzt, darüber macht sich der Anwender normalerweise keine Gedanken - Hauptsache, das Ding funktioniert und ist nicht zu teuer. Heute fotografiert und filmt selbstverständlich jeder und schickt die Dokumente seiner Kreativität rund um den Globus. Ende des 19. Jahrhunderts lag das jenseits aller Vorstellung. Dabei war es die Epoche der großen Erfindungen.

Von einem ihrer Pioniere, dem französischen Erfinder Louis Aimé Augustin Le Prince, erzählt Marente de Moor. Sie nennt ihn Valéry Barre und nimmt sich auch sonst alle Freiheiten, die ein guter Roman braucht. Und so bringt sie das Kunststück fertig, in den Gedanken eines Mannes, der lange vor Edison und den Brüdern Lumière den ersten Film drehte, unsere Gegenwart als Schreckgespenst herumspuken zu lassen.

Wer so etwas darstellen will, muss an das Imaginäre einer Epoche heran, aber auch an das Imaginäre des Lesers und der Leserin. Marente de Moor legt ihren dritten Roman wie eine Reise an. Sie führt in das Unterbewusste der Epochenerfahrung, die spätestens mit der Digitalisierung zu Ende geht.

Es war die Zeit des großen Staunens, des Wunderns und Fürchtens, die Zeit der Beschleunigung, die Zeit, als sich naturwissenschaftliche Erfindungen und okkulte Bewegungen überlagerten, sodass ihre Effekte verwechselbar erschienen. Der animalische Magnetismus und die Entdeckung elektromagnetischer Wellen, Voraussetzung für die drahtlose Telegrafie, beförderten gleichermaßen den Geisterglauben. Wenn man über den Ozean hinweg die Stimme eines anderen hören konnte, warum sollte man dann nicht auch mit den Toten sprechen können? Wo das Überspringen des Raumes möglich ist und die Zeit immer schneller zu rasen scheint, da könnte man doch auch in der Zeit zurückspringen und jemanden erreichen, der gestorben ist.

Die Bilder der ersten Filmaufnahme haben in der Tat etwas Gespenstisches

Neue Erfindungen veränderten alte Begriffe. Was geschieht mit der Natur, was mit Erinnerungen, Gedächtnis, Gedanken, wenn es neue Arten der Aufzeichnung und Übertragung gibt? Um den Film zu erfinden, musste man erst einmal begreifen, was Bewegung ist, die Aufnahme von der Projektion unterscheiden und für alle Elemente dieser Idee die richtigen Materialien finden. Es war ein langer Weg, bis die erste ruckelnde Filmaufnahme auf Zelluloid zustande kam.

Sieht man sich "Roundhay Garden Scene" an, die kleine Gartenszene, die als erster Film der Geschichte gilt und die Le Prince 1888 auf dem Anwesen seiner Schwiegereltern in einem Vorort von Leeds aufnahm, haben diese Bilder in der Tat etwas Gespenstisches. Für den heutigen Betrachter lässt sich der Effekt auf das Stocken der Bewegung und das Verblassen des Films zurückführen. Aber wie war es für den Erfinder, dass seine Schwiegereltern, eine Freundin und der eigene Sohn für alle Ewigkeit dieselben Bewegungen ausführen würden?

Marente de Moor lässt ihren Helden allerdings gleich am Anfang verschwinden. Am 16. September 1890 steigt er in einen Zug von Dijon nach Paris und wird nicht mehr gesehen. Der Roman läuft dabei auf einer doppelten Bahn: der des realen Geschehens und der einer Handlung, die vorstellbar, aber erfunden ist - und dabei ein subtiles Bild der Zeit entwirft.

Tatsächlich soll Le Prince am 16. September 1890 verschollen sein. Er reiste nach Paris, um seine Erfindung in London und New York zum Patent anzumelden, wie die Autorin in einem kurzen Nachwort berichtet, und kam nie an. Aber was heißt in diesem Zusammenhang: tatsächlich? Wohin der Erfinder geriet, ist bis heute unbekannt.

Marente de Moor erzählt leichtfüßig und verwendet Elemente des Schauerromans

"Aus dem Licht", wie der Roman in der gelungenen Übersetzung von Bettina Bach heißt, trägt im 2013 erschienenen niederländischen Original den Titel des kleinen Films, den Le Prince drehte, "Roundhay, tuinscène". Marente de Moor, die Tochter der Schriftstellerin Margrit de Moor und des Künstlers Heppe de Moor, dem der Roman gewidmet ist, hat einen wunderbaren Erzählton. Ruhig, leichtfüßig, transparent evoziert sie Bilder des Unheimlichen und Schattenhaften.

Die 1972 geborene Schriftstellerin beleuchtet das Geschehen aus mehreren Perspektiven: im ersten Teil des Romans aus der von Valéry Barre, im zweiten und vierten Teil aus der Sicht von Mina Edison, der deutlich jüngeren zweiten Ehefrau des berühmten Thomas Alva Edison, der in der Ich-Erzählung seiner Frau nur Alva heißt und auf ein menschliches Maß zurechtgestutzt wird. Der dritte Teil kreist um Guy, Valéry Barres Sohn. Zehn Jahre nach dem Verschwinden seines Vaters, der mit einer Engländerin verheiratet war, mit seiner Familie in die USA zog, aber ständig in Europa unterwegs war, begibt er sich auf die Suche nach dessen Aufzeichnungen, um juristisch gegen Edison vorgehen zu können.

Marente de Moor: Aus dem Licht. Roman. Aus dem Niederländischen von Bettina Bach. Hanser Verlag, München 2019. 318 Seiten, 23 Euro

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Marente de Moor verwendet Elemente des Schauerromans, wenn sie Valéry Barre in einem kleinen Ort aus dem Zug aussteigen und nach einem Marsch durch den dunklen Wald zuerst bei einem Priester und dann in einer psychiatrischen Anstalt landen lässt. Seine Erfindungen bedrängenden ihn wie Dämonen, aber auch von den Konkurrenten fühlt er sich verfolgt.

Barre stellt sich vor, was es bedeutet, wenn irgendwann jeder "Idiot" Filme machen kann, wenn alles immer schneller und gleichzeitig geschieht und die Ereignisse schon vorbei sind, bevor sie überhaupt eintreten können. Die Analogiebildung zur Gegenwart überlässt die Schriftstellerin der Imagination des Lesers. Wenn ein Mitreisender immer wieder seine Uhr aus der Brusttasche zieht und sich Barre über den zerstreuten Automatismus dieser Zwangshandlung aufregt, später aber die gleiche Geste benützt, um den Bahnhofsvorsteher eines kleinen Ortes in Schach zu halten, hat man automatisch Gesten der Smartphone-Nutzung vor Augen.

Thomas Alva Edison war nicht nur Erfinder, sondern auch Stratege des Patentwesens

Wahrsager, Demagogen und okkultistische Salondamen nach dem Vorbild Helena Blavatskys durchstreifen den Roman. Eine Rückblende führt ins Paris des Jahres 1889, wo sich Barre mit einem sinnenfreudigen Freund, der ein Jahr später vergeblich am Bahnsteig auf ihn warten wird, die Zeit vertreibt.

Die Düsternis des ersten Kapitels lichtet sich in Mina Edisons Perspektive zum spöttischen Ton einer weiblichen Beobachterin, der das Theater um Namen, Patente und Ehrgeiz gehörig auf die Nerven geht. Ständig tauchen vermeintliche Bewunderer ihres Mannes auf, die ihm seine Ideen streitig machen wollen. Mina zieht ihr Gewächshaus vor und liest Emerson.

Thomas Alva Edison war nicht nur ein Erfinder, dessen Name sich mit der umfassenden Elektrifizierung der industrialisierten Welt verbindet, sondern auch ein Stratege des Patentwesens. Mehr als Tausend Patente laufen auf seinen Namen. Faraday, Maxwell, Planck, Hertz, Bell, Gray, Meucci, Lumière, Poincaré, Curie, Becquerel flattern nur als Namen durch den Roman. Im Kosmos von Edisons Unternehmergeist haben sie nicht viel zu melden.

Ähnlich wie Per Olov Enquist in seinem Roman "Blanche und Marie" über Marie Curie und ihre Assistentin Blanche Wittmann erzählt Marente de Moor in "Aus dem Licht" szenisch und imaginativ von der Epochenschwelle zum 20. Jahrhundert. Sie macht die große Kraft von Ideen und Gedanken im Guten wie im Bösen anschaulich. Kenntnisreich ohne belehrend zu sein, hat ihr Roman einen subtilen Witz, der gelegentlich auf Kosten männlicher Eitelkeit geht.

Mit der Geschichte des Verschwindens ihres Helden hat sie einen perfekten Zugang zu einer Epoche gefunden, in der das Unsichtbare und Immaterielle noch unheimlich wirkte, während es bereits wissenschaftlich und technologisch erschlossen wurde. Ein spannender, schlauer und verführerischer Roman über das allmähliche Verschwinden der Einbildungskraft im Zuge der Industrialisierung.