Marbacher Schillerrede Alles nur Theater?

In diesem Jahr hielt Norbert Lammert, der Präsident des Deutschen Bundestages, die Marbacher Schillerrede. Er nutzte die Gelegenheit, um über Krisenphänomene der repräsentativen Demokratie zu reden. Und zitierte dabei sich selbst aufs Schönste.

Von Volker Breidecker

Alljährlich, wenn Schillers Geburtstag naht, lädt die Marbacher Schillergesellschaft als Träger des Deutschen Literaturarchivs zur festlichen "Schillerrede". Zwei amtierende Bundespräsidenten, Richard von Weizsäcker und Johannes Rau, haben sie gehalten, auch die vormalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach, neben Verlegern und Publizisten wie Michael Krüger und Henning Ritter sowie dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. In diesem Jahr erging die Einladung an Norbert Lammert, den Präsidenten des Deutschen Bundestags. Vor mehr als 400 Gästen sprach er über Theater und - ein langer Gedankenstrich auch in seiner Rede - über Politik.

Mit "Macht und Ohnmacht. Alles nur Theater?" hatte der literarisch versierte und sprachmächtige, um Formulierungen von schneidiger Präzision und beißender Ironie nur selten verlegene Politiker seine Rede betitelt. Es war ein großer Bogen, den der Staatsmann - seine Rede pflichtgemäß mit einem langen Schillerzitat intonierend - aufspannte: von Theben unter dem unglückseligen König Ödipus über Athen, wo nach dem Tode des Perikles - wie als Nachruf auf den großen Politiker - Sophokles' Tragödie von Ödipus erstmals aufgeführt wurde, über die lange Liste tragisch endender Bühnenkönige wie Macbeth, Lear und all die anderen, deren Beispiele auch den heute Mächtigen in Politik, Wirtschaft und Kultur noch manchen Schrecken in die Knochen jagen können.

"Alles nur Theater!", mit diesem wiederkehrenden, stets langsam und bedächtig prononcierten Refrain verband Lammert die zuweilen etwas stückwerkhaft gesetzten Abschnitte seiner Rede. Und es dauerte nicht lange, bis der Redner in der Gegenwart angekommen war, auch wenn die Aktualität der Gefährdungen, Düsternisse und Abgründe im System der parlamentarischen Demokratie, auf die er anspielte, eher gleichnishaft über seiner Rede schwebte. Dabei hatte er in durchaus selbstreflexiver Weise vor allem die Ohnmacht der Mächtigen im Auge: Erst im Scheitern würden sie ihren Adressaten erträglich und halbwegs sympathisch. Macht würde deshalb auf der Bühne auch eher akzeptiert als in Wirklichkeit. Für alle Bühnen, auch für die politische, gelte nun einmal, dass das Publikum seine Helden leiden sehen wolle.

Alles nur Theater? Im letzten Teil seiner Rede kam Lammert auf ein Phänomen zu sprechen, für das er nicht einmal mehr das Schlagwort "Politikverdrossenheit" bemühen wollte, den seit Langem schleichenden, zunehmenden Schwund des Grundvertrauens aller gegenüber allen - den politischen Repräsentanten gegenüber vorneweg. Da wurde es noch stiller, zugleich auch gespannter im Saal: Es schien, als schwebte über dem düsteren Befund, dass "auch Demokratien ausbluten können", der Schatten von Pegida. Lammert musste das merkwürdige Wort gar nicht erst in den Mund nehmen, denn er beendete seine Rede mit den nachdrücklich intonierten Worten: "Wir alle, wir - sind das Volk."

Alles nur Theater? Lammerts Schillerrede war nicht durchweg eine Uraufführung. Über weite Strecken folgte sie dem Wortlaut eines gleichlautenden Kapitels seines im August erschienenen Buchs "Unsere Geschichte. Unsere Kultur - Verantwortung für Vergangenheit und Zukunft". Dem minutenlang begeistert applaudierenden Publikum blieb der Zitat-Charakter der Rede verborgen. Und gewiss, seit August ist auch schon wieder viel passiert. Nicht nur im Theater.