"Marat"-Streit in Hamburg Splitterfaserreich

Im Streit um die Hamburger "Marat"-Inszenierung stellt sich Kultursenatorin Karin von Welck auf die Seite der millionenschweren Kläger - und bricht damit Tabus.

Von Till Briegleb

Die Reichen sind die neuen Nackten. Zumindest auf dem Theater. Wo früher entblößte Schauspieler für künstliche Aufregung in den Boulevardmedien sorgten, taugen heute Millionäre dazu viel besser.

Bezeichnete Löschs "Marat"-Inszenierung als "populistisch" und "billig": Kultursenatorin Karin von Welck.

(Foto: Foto: dpa)

Die Verlesung von Namen und Vermögen der 28 reichsten Hamburger durch Hartz-IV-Empfänger in Volker Löschs Inszenierung "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden" am Deutschen Schauspielhaus ist seit Tagen ein Skandal-Thema. Die Klagen gegen die Nennung ihres Namens von mittlerweile fünf Millionären gaben dem plakativen Akt den Ruch des Obszönen.

Was zunächst wie die kalkulierte Provokation eines Regisseurs wirkte, der mit Klassenkampf-Kitsch das Reizschema der Medien testen will, entwickelte sich zum Lehrstück über die Machtverhältnisse in der Kulturpolitik. Hamburg gilt als die Hauptstadt der Mäzene - ohne Knickse vor den großen Steuerzahlern verlöre Kultursenatorin Karin von Welck beinahe jede Gestaltungskraft.

Panisch reagiert

Von der Elbphilharmonie bis zu Künstlerstipendien sorgen private Geldgeber in nahezu allen Dienstbereichen der Senatorin dafür, dass sie überhaupt wirken kann. Da mag sie ein wenig panisch geworden sein, als sie von der so plumpen wie harmlosen Attacke auf ihre Versorger hörte.

Und prompt produzierte sie einen persönlichen Medien-Gau, indem sie zwei Tabus überschritt, die zumindest im Hamburger Verhältnis von Politik und Kultur noch gelten: Sie rief vor der Premiere den Intendanten Friedrich Schirmer an, um ihn zum Streichen der Szene zu bewegen, und als diese Einmischung in künstlerische Belange nicht fruchtete, veröffentlichte sie eine Erklärung auf Senatspapier, in der sie als "Bürgerin" feststellte, dass die Inszenierung "populistisch" und "billig" und ihr "zuwider" sei.

Der Streit wurde inzwischen beigelegt. "Unbenommen des Dissenses in der Bewertung der Inszenierung, haben wir uns unserer gegenseitigen Wertschätzung versichert. Damit ist die Angelegenheit für uns erledigt", teilten Schirmer und von Welck am Donnerstag mit.

Der Fall sagt trotzdem viel aus über den Druck, unter dem Karin von Welck - wie mittlerweile das Gros der Kulturpolitiker - arbeitet. Bei sinkenden Kultursubventionen steht die Politik in einer derartigen Abhängigkeit von Fremdmitteln, dass die Empfindlichkeiten reicher Einzelpersonen offenbar über dem Schutz der Kultur stehen.