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Manifesta in Marseille:Verweigert die Befehle!

Die Installation des russischen Künstlers Arseny Zhilyaev im Musée Grobet-Labadié zeigt eine Fußballmannschaft<NM1>im künftigen Marseille<NM>, die nicht mehr aus Sportlern besteht, sondern nur noch aus Polizisten oder Milizen: "The Keepers. One-dimensional Sphere Game" (2020).

(Foto: Nadia Fatnassi)

Das Virus erzwingt die schrittweise Eröffnung, manches wirkt unfertig. Aber wo das Disparate ins Extrem getrieben wird, überzeugt die Kunstbiennale.

Von Joseph Hanimann

Die Frage "Wie weiter?" hat sich für die europäische Wander-Kunstbiennale "Manifesta" schon früher gestellt. Als diese 2014 in Sankt Petersburg in den Sog von Putins Expansionspolitik auf der Krim geriet, riefen Künstler und Kuratoren zur Absage auf. Diesmal kam das Virus dazwischen. Doch für die ursprünglich auf Juni angesetzte Eröffnung der "Manifesta 13" in Marseille war unter den durchgespielten Maßnahmen eine Annullierung die letzte Option. Und es erwies sich als Rettung, dass sich die Schau nach der Erfahrung in Russland weg von der reinen Kunstschau mit internationalem Panoramablick hin zu einer sozialen, urbanen und kulturellen Einbindung in den jeweiligen Veranstaltungsort gewandelt hat.

Seit Ende August werden die Ausstellungen etappenweise eröffnet. Ohne die gut 80 lokal entwickelten Veranstaltungen im Parallelprogramm "Parallèles du Sud" wäre die Manifesta 13 bestenfalls ein in den Raum stenografiertes Konzept. Und eine Bestätigung, wie unbefriedigend die Ersatzlösungen aus Digitalien sind.

Dabei war das von den drei Kuratoren Alya Sebti, Katerina Schuschalina und Stefan Kalmár komponierte internationale Hauptprogramm "Traits d'union.s" - Verbindungswege, Bindestriche - klug ausgedacht. Mit den sechs topografischen Themenkegeln "Haus", "Refugium", "Asyl", "Hafen", "Park", "Schule" sprach das Hauptprogramm einige der größten Probleme von Marseille an. Die Hafenstadt war im Laufe ihrer 2500-jährigen Geschichte Drehscheibe für Exilanten, Migranten und Abenteurer, und sie hat noch immer das Flair der weiten Welt, aber ihre geopolitische Bedeutung ist ein Schatten früherer Tage, auch wenn sie neuerdings an Eleganz und kultureller Attraktivität hinzugewonnen hat. Dennoch hat sie weiterhin mit Armut, Wohnungsnot und Sozialproblemen zu kämpfen. Es ist die einzige französische Großstadt, in der diese Probleme nicht in der Banlieue liegen, sondern mittendrin, in den Nordvierteln, mit blühendem Drogenhandel und einer überforderten Polizei.

Vor der Manifesta 13 hat der Architekt Winy Maas vom Büro MVRDV mit der Studie "Le Grand Puzzle" die Topografie des Orts weiträumig untersucht. Mit 15 500 privatisierten Sackgassen und "Gated Communities" befindet Marseille sich unterwegs zu südamerikanischen Verhältnissen. Gleichzeitig bietet die Stadt mit 115 Quadratkilometern geschütztem Naturraum zwischen Meer und Bergen eine einzigartige Landschaft. 40 000 Wohnungen wurden aber als baufällig eingestuft und zwei Gebäude haben 2018 beim Einsturz acht Menschen in den Tod gerissen. Die Stadt steckt zwischen Verwahrlosung und Baufieber.

Was tun, wenn die Säle schütter bestückt bleiben, weil die Künstler mit ihren Werken nicht anreisen können?

Mit ihren Themen warf die Manifesta also die richtigen Fragen auf. Doch was tun, wenn die Ausstellungssäle schütter bestückt bleiben, weil die Künstler mit ihren Werken nicht anreisen konnten? Was tun, wenn man als Kurator ständig umdisponieren muss und das Publikum nur spärlich kommt, das internationale, weil es nicht kann, und das lokale, weil es nicht mag?

Die Ausstellung "Refugium" im Musée Cantini ist dafür ein symptomatischer Fall. Ausgehend von einer Episode von 1940 während der deutschen Besatzung Nordfrankreichs sollte sie die Spannung zwischen öffentlichem Raum, Privathaus und Versteck spürbar machen. In der Villa Air-Bel des amerikanischen Diplomaten Varian Fry hatten sich Künstler und Intellektuelle - darunter Marcel Duchamp, Wilfredo Lam, André Breton, Anna Seghers, Hannah Arendt - eingefunden und harrten auf Ausreisemöglichkeiten nach Amerika.

Der Londoner Künstler und Designer Marc Camille Chaimowicz sollte das Erdgeschoß des Cantini-Museums ausstatten, konnte wegen des Virus' aber London nicht verlassen. Er filmte dort in seiner Galeriewohnung die Räume einer halb fertigen Ausstellung und schickte den Film mit dem Titel "Stuart's Way" als praktisch einzigen Beitrag nach Marseille. Man sieht den Künstler dort, dem Zuschauer abgewandt, in seiner Wohnung sitzen und aus dem off einen Text sprechen. Klaffender könnte die Abwesenheit kaum wirken. Der Bezug zu den anderen Museumssälen mit Werken von Hannah Black, aber auch zu den aus der Sammlung des Musée Cantini stammenden, von Max Ernst, André Masson, Wilfredo Lam, André Breton in Marseille gezeichneten surrealistischen Tarot-Karten, geht vollkommen verloren.

Ähnliches gilt für die Ausstellung "L'Hospice" in der Vieille Charité im Marseiller Panier-Viertel. Dieses Gebäude aus dem 17. Jahrhundert war Armenasyl, Notunterkunft für Kinder und Alte, Zuchtanstalt, Lazarett, Elendsquartier für Obdachlose und ist seit 1986 ein Museum. Das Eingesperrtsein in sein materielles Elend, seine Krankheit, seinen Wahn oder einfach in seine Sprache war ein passendes Thema für diesen Ort.

Das über verschiedene Säle verteilte Panorama mit künstlerischen Ausbruchsversuchen - Antonin Artauds Zeichnungen aus der Irrenanstalt von Rodez, Arthur Rimbauds Gedichtmanuskript "Voyelles" über die imaginierten Vokalfarben, Roland Barthes' Bilder vom "Sehen" der Sprache, Walter Benjamins Text "Haschisch in Marseille" - verlangt aber nach Kontext und Deutung. Die Installationen des Marseiller Künstlerkollektivs Aoziz und der armenisch-ägyptisch-kanadischen Künstlerin Anna Boghiguian im Kapellenraum der Vieille Charité leisten das nicht. Die Assoziationen zerblättern im Raum. Es ist, als wäre die Schau nicht ganz zu Ende kuratiert.

Ein Ort der Ausstellung ist eine ehemalige Desinfizierungsanstalt für ankommende Gastarbeiter

Schärfere Akzente und eine gezieltere Eingliederung in die Museumsbestände wäre nötig gewesen. Die Ausstellung "Le Port" im Historischen Stadtmuseum bestätigt das. Sie zeigt nur drei Künstler, dafür eingehend. Unter ihnen ist die in Algier geborene und an der Cornell-Universität lehrende Samia Henni. Unter dem Titel "Pharmakologie des Wohnraums" hat sie aus privaten Lebenszeugnissen der Leute eine Installation geschaffen, die Mikro- mit Makrogeschichte in Marseille verknüpft. Auch diese Künstlerin musste wegen Covid ihre Pläne revidieren. Statt Archivmaterial benützt sie Protokolle mit Marseillern Bürgern über ihre Wahrnehmung des Stadtraums. Jede Befriedigung des Bedürfnisses nach einem sicheren Dach über dem Kopf, so suggeriert Hennis Installation, enthält schon Hinweise auf künftige soziale, ökologische, politische Probleme.

Zum Überzeugendsten gehören aber manche Beiträge aus dem Programmteil "Parallèles du Sud". Diese von örtlichen Institutionen eingebrachten und von der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur direkt finanzierten Veranstaltungen bezeugen die künstlerische Initiativenvielfalt der Stadt. Kultur und Kunst wurden in Marseille stets vorwiegend von Künstlervereinen getragen. Unter dem Titel "Local Heroes" zeigt das Museum "Regards de Provence" in einer ehemaligen Desinfizierungsanstalt für Gastarbeiter am Vieux Port ein Panorama von Graffiti- und Spraykünstlern zwischen Berlin und Marseille. Arbeiten des deutschen Kollektivs 1UP, des Sprayer-Duos Moses & Taps oder des Franzosen Fabien Rap Azou demonstrieren, wie ähnlich man vom Märkischen Sand bis zur Marseiller Steilküste die städtischen Einrichtungen mit Farbe bearbeitet.

Der Mangel des Hauptprogramms erweist sich im Nebenprogramm als Vorteil: Das Disparate wird in die Extreme getrieben. Der französische Performance-Künstler Abraham Poincheval sollte sich eigentlich auf der Insel des Château d'If vor Marseille zwei Wochen lang in einen Bienenstock einschließen lassen. Auch dieses Projekt fiel Covid-19 zum Opfer, doch führt der Künstler stattdessen vor, wie man sich auf ein solches Abenteuer vorbereitet.

Sympathisch wirkt dagegen das vollautomatische Ruderboot vom Forlane 6 Studio, ein Nachbau des Modells vom englischen Erfinder John Fitch aus dem Jahr 1786, der statt wie damals mit Dampf- nunmehr mit Sonnenenergie im Marseiller Hafen einsam die Runden dreht, weil das Virus Mitnehmen von Passagiere unmöglich macht. "Disobey Orders, Save the Artists", klingt es hingegen von der "American Gallery" aus dem malerischen Endoume-Quartier herüber, wo die Galeristin Pamela King in einer reizvollen Ausstellung 13 zeitgenössische Künstler eingeladen hat, den 1941 von Varian Fry geretteten Kollegen Max Ernst, Tristan Tzara, Sophie Taeuber-Arp Franz Werfel, Alma Mahler ein Denkmal zu setzen.

In seinem Quartier pfiffen vor kurzem noch die Kugeln, erzählt der Leiter des Kunstzentrums unbeeindruckt

Angetreten war die Manifesta in Marseille ursprünglich unter einem Bürgermeister, der seit 25 regierte und wegen seinem verfilzten Regime in die Kritik geraten war. Nach den Stadtwahlen im Juni sieht sie sich nun der neuen Bürgermeisterin Michèle Rubirola von den Grünen gegenüber. Der Ton habe sich geändert, es werde mehr auf die Bevölkerung gehört, sagt der Manifesta-Kurator Stefan Kalmár: "Wo wir uns mit unseren Programmen auf eine Stärkung der Gegenstimmen einstellten, stehen wir plötzlich an der Seite der Regierungsmacht". Das sei eine interessante Herausforderung. Vielleicht ist es aber auch ein Problem.

Der dritte Programmteil, der unter dem Titel "Le Tiers Programme" für Sozialarbeit und Kunstvermittlung zuständig ist, lässt sich von dieser neuen Situation jedenfalls nicht beirren. In 8 Anlaufstellen quer durch die Stadt hat jeder Passant freien Zugang, zum Ausruhen, Plaudern, Sich-Informieren oder auch, um in einem performativen Kunstakt einen Wahlzettel von Le Pens Front National zerknüllt in den Papierkorb zu schießen.

Hier im heruntergekommenen Belsunce-Quartier hätten vor kurzem noch die Kugeln gepfiffen, erzählt der Leiter des Kunstzentrums La Compagnie unbeeindruckt. Seit zwanzig Jahren führt er diesen Ort. Ausgestellt wird die in Berlin lebende Fotografin Arina Essipowitsch mit ihren großen Faltarbeiten, die sie vor aller Augen zu immer wieder neuen Ansichten entfaltet. Man mag dieses ständige Umfalten als Emblem für die noch bis zum 20. November dauernde Manifesta nehmen. Auf dass sich nach der Entfaltung im Oktober doch noch ein lesbares Bild ergebe.

© SZ vom 19.09.2020

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