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"Mandela" im Kino:Werbeclip im Mandela-Spirit

'Mandela - Der lange Weg zur Freiheit' Kino Idris Elba Naomie Harris

Immer ein wenig grauer: Idris Elba mit Naomie Harris in "Mandela - der lange Weg zur Freiheit".

(Foto: dpa)

Justin Chandwicks Biopic über Nelson Mandela wirbt für Südafrika und seine landschaftliche Schönheit. Von einer Entwicklung des Nationalhelden über all die Jahre kann der Film kaum etwas vermitteln. Das einzige, was sich zu verändern scheint, sind die Masken.

Erste Einstellung: Ein junger Mann läuft durch ein Ährenfeld, das in der rotgelben Abendsonne leuchtet, die Kamera folgt ihm. Die Halme biegen sich, machen ihm Platz. Dazu erscheint in großer, roter, die ganze Leinwand einnehmender Schrift der Titel des Films und der Name des großen Staatsmannes, der hier noch ein Junge ist. Nelson Mandela beginnt seinen "Long Walk to Freedom" - und in der letzten Einstellung, die fünfzig Jahre später spielt, wird er noch einmal durch dasselbe Feld laufen.

Dieses von Kitschmusik untermalte Klischee sagt schon alles: Justin Chadwicks Biopic des südafrikanischen Nationalhelden ist ein Werbeclip für das Land und seine landschaftlichen Schönheiten. Kein Wunder: Die "Kooperationspartner" des Films, wie "South African Tourism" und "Southafrican Airlines", wollen Touristen ins Land locken. Und dessen Hauptattraktion ist, natürlich, Mandela. Nach der Apartheid kommt apartes Kino.

Die erste Einstellung, der Name des Helden über dem Ährenfeld in der Abendsonne, hätte dafür gereicht. Leider dauert der Film zweieinhalb Stunden, in denen die entscheidenden Momente von Mandelas Leben bebildert werden sollen, in einem Wechselbad aus Folklore und Gewalt.

Als müsse das noch betont werden

Einerseits ist da Mandela als junger Mann bei einem traditionellen Stammesritus, als lebenslustiger Privatmann beim Flirten, beim Boxen, beim Sex, erst mit seiner ersten Frau, dann mit der zweiten, die er wieder im rotgelben Ährenfeld heiratet.

Andererseits ist da der große Politiker, der im Südafrika der Vierziger als junger Anwalt ein schwarzes Dienstmädchen vor Gericht verteidigt, mit Mitgliedern der afrikanischen Befreiungsbewegung ANC debattiert und im nächsten Moment auf einer Kundgebung gegen die Rassentrennung des Apartheidregimes marschiert, ein paar Reden hält und sich schließlich auf die Seite es bewaffneten Kampfs schlägt. "Ich tue das nicht für Dich, sondern für unser Volk, für uns alle", sagt er einmal seiner Frau. Als müsse das noch betont werden.

Nach einer Stunde Film wird Mandela verhaftet und landet auf Robben Island, nach einer weiteren Stunde krassester Demütigungen auf der Gefängnisinsel kommt er frei, um schließlich, als erster schwarzer Präsident des Landes, in der letzten halben Stunde seine große Lektion zu verkünden: keine Rache für die Apartheid, sondern Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß.

Während sich Clint Eastwood in "Invictus" vor ein paar Jahren nur auf eine Episode im Leben Mandelas konzentriert hatte (seine Unterstützung der überwiegend weißen Rugby-Mannschaft bei der WM in Südafrika 1995), will Chadwicks Film nichts aussparen - und kann doch kaum das Gefühl vermitteln, dass in all den Jahren überhaupt eine Entwicklung stattfindet. Das einzige, was sich zu verändern scheint, sind die Masken. Idris Elba, der Mandela spielt, wechselt sie immer wieder - seine Haare werden immer ein wenig grauer. Außerdem kommt es einem vor, als tausche Elba, der durch die amerikanische Fernsehserie "The Wire" berühmt wurde, den Baltimore-Straßenslang des Gangsters Stinger Bell - anders als sein Mandela eine hochkomplexe Figur - einfach gegen das "afrikanische" Englisch Mandelas ein.

Den Mandela-Spirit verkaufen

Diese Imitation soll ein Bild von Mandela garantieren, das stets identisch bleibt - und das alle kennen. Auf den Punkt bringt das eine Szene, in der Mandelas Tochter den Vater auf Robben Island besucht. Sie sieht ihn da zum ersten Mal: Bei seiner Verhaftung war sie noch klein, mehr als zehn Jahre später darf sie ihn endlich im Gefängnis besuchen. Die beiden sprechen miteinander, getrennt von einer Glaswand. Er würde sie gerne berühren, sagt er. Du berührst mich die ganze Zeit, antwortet sie. So denkt auch der Film: Ein unpersönliches, unantastbares Bild soll uns berühren, die Tochter wie die Zuschauer - das große Werbebild, das den Mandela-Spirit verkauft.

Wenn dann Winnie (Naomie Harris), Mandelas Frau und Mitstreiterin, während seinem Aufenthalt auf Robben Island vor den Augen ihrer schreienden Kinder von Polizisten verprügelt, gedemütigt, schließlich verhaftet wird, und diese Tortur im Gefängnis dann gerade so weitergeht - dann machen Toneffekte, reißerische Einstellungswinkel und andere visuelle Schmiermittel klar, dass hier auch wirklich jede Facette des Leidens der armen Frau betont werden muss. Die brutale Vergangenheit wird möglichst effektiv verkauft - und kann damit auch abgestoßen werden. Einige werden das authentisch finden, mit dem Argument, dass es genau so war. Jede "Authentizität" liegt hier aber in der Werbung und in der spekulativen Gewaltdarstellung, also auf Seiten der Apartheid. Die Betonung der "Echtheit" wirkt überflüssig, da die Geschehnisse und die Biografie Mandelas längst hinreichend dokumentiert sind - der Film verfolgt andere Ziele.

Es ist, als würden uns diese Bilder von Ferne zuwinken, wie der Staatsmann dem Volk bei seinen Auftritten. Und wo wir doch einmal näher heran dürfen, wirken sie so falsch wie die Gesten des Gebärdendolmetscher bei Mandelas Trauerfeier.

Mandela - Der lange Welt zur Freiheit, US 2013 - Regie: Justin Chadwick, Buch: William Nicholson, Kamera: Lol Crawley. Mit Idris Elba, Naomie Harris. Senator, 152 Min. In deutschen Kinos seit dem 30. Januar 2014.

© SZ vom 01.02.2014/ihe

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